Erst langsam kehrte die Erinnerung zurück. Dembowski konnte die Niederlage im Champions League-Finale erst ganz langsam verdauen. Er trank, um zu vergessen. 

Die Wollankstraße, der Regen peitscht vom Friedhof kommend gegen die Scheiben der Hochhauswohnung, die Autos verschwimmen im trüben Grau des letzten Frühlingstages. Nur hin und wieder lassen sich durch die Grauschleier ein paar Menschen ausmachen. Sie eilen zur Bushaltestelle und kauern sich in die hinterste Ecke des Wartehäuschens. Dem Regen ausgesetzt. Bis ein Bus kommt und sie südwärts fährt. Es ist der Tag vor dem Pokalfinale. Es ist die Woche nach dem Champions League Finale.

Ein Knistern mischt sich unter die Regengeräusche, wird lauter, zu einer klagenden Geige. Auf einem Küchenstuhl, den Blick gen Himmel gerichtet sehen wir den Ermittler, der Blick wandert jetzt langsam in den kahlen Raum.
Ein Sofa, ein kleiner Tisch, überquellende Aschenbecher, leere Bierflaschen, das kalte Flimmern des tonlosen Fernsehers. Ein schwarzgelber Kaputzenpulli liegt achtlos auf der Erde, ein paar getragenen Socken verstreut zwischen Tür und Fenster. In der hintersten Ecke steht ein Anlage, die Nadel auf einer Platte. Jetzt setzt eine Stimme ein.
„Die Sterbenden ziehen den Kopf ein und wollen mit den Lebenden und nicht an den Tod denkenden nichts mehr zu tun haben.“
Am äußersten Rande des Bildes erhebt sich der Ermittler, geht langsamen Schrittes zum Tisch, greift zu einer Flasche, nimmt sie langsam hoch, will ansetzen und setzt sie doch angewidert ab. Am Rande des Flaschenhalses sind leichte Aschespuren erkennbar.
„Er wurde nicht mehr gesehen, es war nur mehr noch ab und zu nach ihm gefragt worden. Niemand hatte mehr den Mut gehabt, ihn in seiner Wohnung aufzusuchen.“
Noch einmal steigert sich die Geige, schreit jetzt förmlich. Der Ermittler öffnet die Tür und für einen Moment ist da nichts außer das kalte Licht der TV-Nachrichten, die zerschossenen Häuser einer syrischen Grenzstadt, das Schreien der Geige, der Regen, das Prasseln der Regentropfen und das ferne Rauschen eines A320, das unbeantwortete Klingeln des Telefons. Unter dem Sofa, verstreut und lange nicht geleert, liegen ein paar Chipstüten, einige Wasserflaschen, mit Staub überzogen, neben den lange schon gerauchten Kippen. Der Regen.
Das Prasseln der Regentropfen. Dembowski mit einer Bierflasche in der rechten, einer Kippe in der linken Hand, die Haare verfettet, der Bart ungepflegt. Die Lederjacke über dem Küchenstuhl am Fenster, das Dembowski, nachdem er seine Kippe in den Aschenbecher legt, aufreißt und seinen Kopf in den Regen hält, ein Wassserfilm bildet sich erst auf der Fensterbank, bald ein ganzer Bach, der die Dielen aufschwemmen wird, doch was sind schon Spuren?
„Er liebte und er hasste Natur – genauso wie die Kunst. Und er liebte und hasste die Menschen mit der gleichen Leidenschaft und Rücksichtslosigkeit. Er hatte die Reichen als reicher und die Armen als armer durchschaut. Wie die Gesunden als gesunder und die Kranken als kranker. Wie schließlich die Verrückten als verrückter und als wahnsinniger die Wahnsinnigen.“
Er war nach London nicht mehr auf die Beine gekommen. Er hatte keine Kraft mehr. Seit einer Woche kein Wort mehr gesprochen. Es hatte ihn niedergestreckt. Die Anspannung der letzten Monate war schlagartig abgefallen als Robben um Weidenfeller spazierte, die unerträgliche Vorahnung der letzten 20 Minuten von der traurigen Gewissheit abgelöst wurde.
Er hatte die hängende Köpfe gesehen, die letzten Momente der großen Mannschaft, wie sie ihre Händen berührten und leeren Auges auf die Fankurve schaute, unfähig in diesem Moment mehr als vollkommene Niedergeschlagenheit zu spüren.
„just to keep your world away. you just refused to wake up again“
Für einen Moment hatte er Santana beobachtet, der etwas abseits stand, sich langsam seines Trainingsanzugs entledigte, von Klopp in den Arm genommen wurde. Der letzte Moment, der letzte lange Moment. Lewandowski. Die Bemühungen Owomoyelas. Die absolute Leere der Gedanken, das mechanische, anerkennende Klatschen, wieder setzen, den Kopf versunken, die vereinzelten Tränen während sich der Traum auflöst, die schweren Schritte in Richtung Ehrentribüne.
Kehl, der Weidenfeller bedeutet, die Kapitänsbinde zu tragen. Das Zucken der Erinnerung. Kagawa am Rabenloh, 1-0 für Köln, Subotic vor Robben, der 3-Finger Jubel Lewandowskis, Schmelzer von der Strafraumkante. Das letzte Bild. Der Kameramann, der es einfängt. Von links nach rechts laufend, langsam und wie in Zeitlupe.
„lord, i have a broken heart, but i am too busy to be heartbroken. though I have a broken dream, but I am too busy to be dreaming of you. there’s a lot of things that I gotta do. lord, I have a broken dream.i gotta drink you right out of mind.”
Wir sehen den Ermittler, wie er seinen Kopf langsam aus dem Regen holt, sich zweimal schüttelt, einen langen Schluck aus der Flasche nimmt, jetzt ein Whiskey neben ihm. Ohne Glas, direkt aus der Flasche. Mit dem Finger zwirbelt er sich an seinem Bart, streicht die nassen Haare aus dem Gesicht, setzt sich erneut auf den Küchenstuhl, der an einigen Stellen keine Farbe mehr aufweist. Er schlägt das Fenster zu.

Was sind schon Spuren? Wenn da vorher nur zerstörte Hoffnung war. Wenn der Traum beendet ist. Und etwas zerbricht. Der Vorhang fällt. Für lange Zeit. Nicht einmal der Anfang einer neuen Episode, einer neuen Reisen. Vorbei. In der 89.Minute. Für immer vorbei. Sie wollen Dir erzählen, es hätte keine Auswirkungen. Sie wollen Dir erzählen, wir hätten diese eine Seele, diese ganze eigene Art und sie können Dich nicht überzeugen. Wie auch?
Sie sagen Dir: Keine Angst, es ist nur ein Traum. Er geht vorbei, er wird wieder kommen und Du erinnerst Dich an die wiederkehrenden Träume und hast mehr Angst als jemals zuvor in Deinem Leben. Denn die wiederkehrenden Träume sind die Alpträume, die Dich hierhin getrieben haben. Ohne Ausweg. Ohne Besserung.
Du hattest all deine Hoffnung auf diesen einen Tag gesetzt, Du hattest ihnen geglaubt, als sie Dir von der Liebe erzählten, Du hattest versucht, all Deine Sorgen mit diesem einem Spiel beiseite zu wischen. Du hattest Deine Erinnerung an das was war auslöschen wollen, Du hattest Dein altes Leben hinter Dir lassen wollen, endlich abschließen.
Du hattest auf die Erlösung gehofft, und jetzt stehst Du hier am Fenster und der Großstadtregen schlägt gegen Deine Fensterscheiben und Du stehst in einer Pfütze und kannst nicht einmal ausmachen, ob es Deine Tränen oder der Regen war. Du kannst Dich an nichts erinnern, und an die wenigen Einzelheiten, an die willst Du Dich nicht erinnern. Was ist mit Dir passiert? Wo fing der Schmerz an, Dembowski? Und warum hört er nie auf?
Hattest Du nicht gestern noch von echter Liebe erzählt und es den Leuten ins Gesicht geschrien? Was hat Dich nur so kaputtgemacht?
„Die Sterbenden ziehen den Kopf ein und wollen mit den Lebenden und nicht an den Tod denkenden nichts mehr zu tun haben.“
Erinnerst Du Dich wirklich nicht mehr an Dein Lachen, an Deine Vorfreude, an Deine grenzenlose Euphorie und an Dein Versprechen, dass alles gut wird, egal was passieren wird? Wolltest Du Dich wirklich mit einem Sieg erlösen? Hast Du daran geglaubt und woher stammten die Tränen, die Du noch nie vergossen, egal was Dir widerfahren ist
(und Dir wurde übel mitgespielt und Du hast Dir übel mitgespielt) 
Willst Du Dich wirklich zurückziehen? Oder gar die Seiten wechseln? Und was erhoffst Du Dir davon?
(Die Erlösung wirst Du nicht finden. Was nimmst Du nur für große Worte in Deinen dummen Mund?)
Was ist mit Deinen Ideen, was ist mit Deinen Idealen, was ist
(die Frage muss erlaubt sein)
mit DerSamstag! Wolltest Du die Welt nicht jeden Tag ein wenig verändern? Wolltest Du nicht?
(Oh, Dembowski, jetzt beweg Dich von dem Fenster weg und lege endlich neue Musik auf!)
Was wolltest Du nur? Und lässt Du Dir von einem Treffer
(und der in der letzten Minute)
Deine Zukunft vernichten. Willst Du an Dein Sterben denken? Willst Du Dein Sterben gar vorantreiben? Was erwartest Du und wovor hast Du Angst? Warum reagierst Du nicht?
(Weil Dich niemand vermissen wird? Was ist mit Dörte? Denk an die Lama-Farm, denk an die Liebe!)
„Bis sie Dich rufen“, schreist Du jetzt, nach Tagen des Schweigens und die Kamera zoomt auf Dein verzerrtes, vom Alkohol der letzten Tage zerstörtes Gesicht. „Sollen sie doch“, schiebst Du hinterher und zum ersten Mal seit Tagen spürst Du so etwas wie Trotz.
(War das der Regen? Hat er Dich aufgeweckt?)
Jetzt blickst Du Dich um und siehst, was passiert ist.
(Nichts ist passiert, Du hast nur vegetiert!)
Mit einmal siehst Du Dich Stunden vor dem Anpfiff. Auf einer kleinen Wiese, ein Bier in Deiner Hand, mit Redermann scherzend.
(Erinnerst Du Dich wirklich?)
Und Du siehst Dich in einem Pub stehend, Redermann als Marktschreier auf der Bühne. Die erste Großveranstaltung. DerSamstag! Nun mehr greifbar. Du siehst noch einmal die glücklichen Gesichter. Du hörst die Lieder, die auch Du gesungen hast und erkennst die Begeisterung, die für mehr steht als ein schnödes Tor in der 89.Minute.
(Willst Du immer noch aufgeben?)
Die Lieder, die Du singst, die vollkommene Zufriedenheit Deiner Seele. Alles fällt von Dir ab und Dir ist klar, dass schon so viel erreicht wurde.
(und auch Du hast viel erreicht, wo ist Dein Glaube?)
Noch einmal die Erinnerung. Kagawa auf den Schultern, 1 zu 0 für Köln. Das volle Programm und während Du Dich in deinem Zimmer umblickst, Westerwelle über den Bildschirm flackert und Du Dich nicht erinnern kannst, wie Du hierherkommen bist
(es ist immerhin Deine Wohnung! Es hätte Dich schlimmer treffen können!)
erinnerst Du Dich an den langen Weg. Und Deinen Schwur, dass Du Dein Leben nicht von Niederlagen und Siegen abhängig machen würdest.
(an Deinem Fenster lässt sich ein schwarzer Rabe nieder!)
Du sinkst auf den Boden, die Whiskeyflasche fest umschlossen. Noch ein letzter Schluck gegen die Erinnerung, für die Erinnerung. Diese eine Bild der Mannschaft hat sich in Dir eingebrannt
(und Du musst Dich Deiner Tränen nicht schämen)
Es werden neue Mannschaften kommen, wird Dir bewusst. Und es wird neue Tränen geben. Manchmal wirst Du vor Freude schreien, Dich in die Arme fremder Menschen stürzen, ihr Schweiß wird sich einbrennen und wenn Du an diese Momente zurückdenken wirst
(Du wirst die Zeit dafür haben, da bin ich mir sicher!)
Wird der Schweiß der fremden Menschen bei Dir sein und Du wirst Dich auf den Treppenstufen liegend sehen und Du wirst freudentrunken die Lindemannstraße runterlaufen. Denn Du wirst das nicht herschenken
(ich kenne Dich, Dembowski!)
Du wirst für immer Fan dieser Borussia sein. Und wenn Du Deinen Kopf in den Regen halten musst, dann mach das verdammt noch einmal. Du bist aufgewacht und Du spürst, dass alles irgendwie gut wird. Und Dir ist klar, dass alles gut war. So wie es war.
Die Wollankstraße, vom Osten her klart es sich langsam auf, ein Sonnenstrahl durchbricht die Wolken, berührt erst eines der Autos auf der Wollankstraße, dann die Spaziergänger, die lange schon nicht mehr eilen, Bier trinkend vor den Kneipen sitzen. Manchmal kommt ein Bus und manchmal fährt ein Laster vorbei. In 62 Tagen geht wieder alles von vorne los. Noch einmal schwenkt die Kamera durch das Fenster. Das Zimmer ist kahl. Der Fernseher aus. Wir hören keine Musik. Stille.
„out in the hills we’ll run and run till we fall down- grass moves across your skin and 6 years fall away. you used to thrown coins in for luck in the well at the mill burnt down now. you said everything seems smaller now”
dortmund 1 bayern 2 – dembowski erwacht

2 Gedanken zu „dortmund 1 bayern 2 – dembowski erwacht

  • Juni 13, 2013 um 4:17 pm
    Permalink

    haha, geil! Kopf hoch, Herr Dembowski! LG von Tine ausm Haus…

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