„Wie schütze ich mich vor dem Weltuntergang, Dembowski?“, fragte mich der türkische Gemüsehändler in der Koloniestraße. Ich hatte keine Antwort. Empfahl ihm vorsorglich, endlich mal auf den Fernseher zu verzichten. Ich war eigentlich nur mal kurz bei ihm, um ein paar Paprika und ein wenig Knoblauchwurst zu kaufen. Immer bei Yilmaz. Er war mit Abstand der unterhaltsamste Gemüsehändler, der mir je untergekommen war. Entweder Yilmaz oder seine Frau Irem. Gab immer was auf die Hand, gab immer Fragen zu den Ermittlungen, Fragen zum Weltuntergang. Feine Kerle. Hatten mich auch zur Linsensuppe eingeladen. Ich die Einladung bislang immer ausgeschlagen. So auch heute.

„Schau einfach weniger Fernsehen, Yilmaz. Dann passiert Dir nix!““Ehrlich, Dembowski?“ „Wenn ich es Dir sage“ „Ok!“ „Passt gut. Könnte ich mal…“ „Hier, die Orangen. Super!“ Mir war weniger nach Orangen, ich brauchte dringend einen neuen Fernseher. Zumindest für den Abend. Leihweise. In den Kneipen hielt ich es nicht mehr aus, und mein alter Kasten hatte den Umzug eher nicht überlebt. Klar, das Pokalspiel gab es auch als Stream. Ich aber wollte es endlich mal wieder daheim auf meinem Fernseher sehen. Jetzt standen nur noch Yilmaz, die Orangen und meine Überzeugungskraft zwischen mir und dem Fernseher. Und Reiser! Das Telefon klingelte inmitten meiner geschickten Verhandlungen. Redermann hatte sowas bereits angedeutet. Es musste was vorgefallen sein. Reiser würde sich nie einfach nur so melden. Für ihn war ich Treibgut in der langen Liste seiner ehemaligen Trinkgefährten. Jetzt aber Reiser. Am Telefon. Während es mir nur um einen Fernseher ging. Und Yilmaz diesen schon fast rausgerückt hatte. Ich muss nur noch kurz von den Orangen kosten, was sagen, und schon gehe ich mit nem Fernseher nach Hause, dachte ich kurz bevor das Telefon klingelte.

„Dembowski. Wir müssen was gegen Klopp unternehmen! Kannst Dir nicht vorstellen, was passiert ist“ „Will ich mir auch nicht, Reiser! Ich teste gerade die besten Orangen der Stadt“, erwiderte ich mit Blick auf Yilmaz. Ich bedeute Yilmaz kurz, dass ich hier gerade ein wichtiges Gespräch in der Leitung hatte. „Ermittlungen, Yilmaz! Bin gleich wieder da“. Dann zog ich mit meinen Orangen vor die Tür. Saulecker. Würde ich mitnehmen. Beim Pizza-Flitzer hatte sich mal wieder die Polizei vorgestellt. Nach den Schüssen im Jahr 2001 waren sie immer mal wieder hier, und schauten nach den Löchern in der Decke, erzählte man sich auf der Kolo, dieser so unscheinbaren Straße im Soldiner Kiez. Das hier war jetzt meine Heimat, dachte ich und nahm Reiser mit auf einen Spaziergang zur Panke. Der Himmel war klar, den Fernseher hatte ich so gut wie sicher, die Orangen toppten alles und wenn ich erst einmal Sucuk in der Tüte hatte, brauchte ich nur noch Bier. Der Kronen-Vorrat war leider bereits aufgebraucht. You win some and you drink some and I won my will to drink, dachte ich, und hörte Reiser weiter zu. Irgendwas war auf der PK passiert und jetzt, erklärte er mir, würde Klopp büssen müssen. Er habe bereits mit dem Typen vom Sender gesprochen. Der würde heute Sensation schreien und diese Sensation wäre der letzte Sargnagel für Klopp.

„´Das musst Du Dir mal vorstellen, Dembowski. Benutzt er Kriegsvokabular. Geht überhaupt nicht.“ Manchmal war die Stimme von Reiser nahe, manchmal legte ich das Telefon auf die Bank und schaut den in der Panke treibenden Einkaufswagen auf ihrem Weg in die Spree nach. Beides ist ähnlich spektakulär, beides ist bereits 100x passiert und wird sicher noch weitere 100x passieren. Irgendwann komme ich hinter Reisers Aufregung. Klopp hatte ihm wohl die Begrifflichkeiten erklärt. Manndeckung und Manndecker, habe er zu Reiser gesagt, gäbe es nicht mehr und dann habe Klopp auch noch auf die Innenläufer hingewiesen. Damals nach dem Krieg. Daraus, so Reiser, würde er sicher einen Naziskandal stricken können. Ein wenig Unterstützung von „Der Samstag!“ wäre da gut, hatte er eingefordert und mir mit irgendwelchen Dingen gedroht, die er gegen mich in der Hand habe.

„Aber Reiser, das ist mir doch egal, was Du in Dortmund gegen mich in der Hand hast. Nicht einmal Bundespräsidenten stürzen, wenn irgendwer was gegen ihn in der Hand hat, wieso sollte ich dann stürzen, wenn ich ohnehin bereits am Boden lag. Aber das musste ich Reiser ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Und so trieben die Einkaufswagen weiter die Panke runter, ich rauchte, blickte den Einkaufswagen nach, hörte das Geschrei vom Bolzer an der Soldiner, das Geschrei von Reiser am Telefon. Ich aß ein paar von Yilmaz‘ besten Orangen, öffnete irgendwann ein Bier, rauchte ein paar Kippen und hörte Reisers ewigem Monolog zu. Der Mann hatte Ausdauer, keine Frage. Aber immer noch keine Ahnung. Ich war froh, ihm im Sommer entkommen zu sein. Redermann interessierte sich nicht für sein Gewäsch und so rief er in Notlagen halt bei mir an. Wir hatten noch nie zusammengearbeitet und würden es nie tun. Reiser konnte das nicht verstehen. Es geht nicht in seinen Kopf rein, dachte ich, den Einkaufswagen nachschauend. Es wird nie in seinen Kopf reingehen, für ihn sind wir immer noch Ansprechpartner und das wird sich nicht ändern. Ach, Reiser! dachte ich, während ich seinem Monolog aus der Ferne immer mal wieder ein wenig Aufmerksamkeit schenkte, was tust Du Dir nur an?

Langsam wurde es mir kalt und die Dämmerung brach mit einem leichten Schneeschauer herein. Ich ging in Richtung Osloer, setzte mich in die Tram, hinter die Brücke. Von dort auf den Sonnenuntergang schauen. Hinter der Brücke, auf der Bornholmer gibt es den schönsten Sonnenuntergang der Großstadtwelt, dachte ich. Wie sich die Sonne langsam genau hinter der Erhebung senkt und wie im Norden die letzten Flugzeuge in Richtung Tegel die Sonne scheinbar durchstechen. Reiser redete noch. Mein Akku neigte sich dem Ende entgegen. Ich legte auf. Sollte er seinen Innenläuferskandal anderen Leuten andrehen, bei uns war er definitiv an der falschen Adresse. Der Sack hatte mir jetzt aber mein Geschäft mit Yilmaz verdorben. Auf zum Zauberer. Auf ins Berliner Hauptquartier der Konstrukteure. Lange schon war ich nicht mehr dort gewesen. Jetzt wieder. Es gab eine Standleitung zu Piotr. Er sagte nur: Achte auf Gräfe! Das tat ich. Doch es änderte nichts. Der erste Sieg im Elferschießen seit Lehmanns später Vorarbeit vor fast exakt 12 Jahren. Besser hätte das Fußballjahr nicht zu Ende gehen können. Oder um es mit den Worten von Wark zu sagen: „So findet das Dortmunder Fußballjahr doch noch einen versöhnlichen Ausklang!“

doch noch ein versöhnlicher ausklang