Diese ewige Ruhe, dachte ich, macht mich noch ganz müde. Ich schob mal wieder eine Tagschicht bei Teenage Kicks PR. Kurz vor Weihnachten, wenn die Jahreslisten durch waren und niemand mehr an Neuerscheinungen Interesse hatte, ein Großteil einfach nur noch platt vom Jahr war, ignorierten sie Teenage Kicks PR noch mehr. Das hatte mir Sölden bereits gesagt und so war es auch.

Ich durchstöberte ein paar alte Mails. Ein paar Leute regten sich über digitale Bemusterung auf als wäre es 2002, andere baten mich, sie endlich aus dem Verteiler zu streichen, was ich natürlich nicht tat und mich bereits auf den nächsten Monat, auf die nächste Mail freute. Ich hatte mir The White Birch von Codeine aufgelegt. Washed Up trug mich durch den Tag. Das Telefon blieb still.

Manchmal fragte ich mich, wann hier endlich was passiert, dann blickte ich wieder zum Fenster raus. Ein wenig Schnee fiel, das Gleisdreieck wurde weiß, auf der Straße waren weniger Fahrräder zu sehen, auf der Bösen Brücke schoben sich die Bahnen im 3-Minuten-Takt durch das Nadelöhr, die Nebelscheinwerfer der Flugzeuge durchstachen die einsetzende Dunkelheit. Bilder, die ich so oft gesehen hatte, die sich nur noch in Nuancen unterschieden.

Ich ging zum Kühlschrank, nahm mir ein Bier, öffnete das Fenster und blickte wieder auf die Straße, vernahm jetzt den kalten Schneegeruch, der sich über der Stadt ausgebreitet hatte.  Oben am Schwedter Steg schossen ein paar Einsatzwagen über die Brücke. Irgendwo da draußen war wieder etwas passiert. Nur hier nicht. „What does the word vacancy mean, when you don’t expect anything? Don’t even try to justify, there’s no way to justify”

Ich hätte es ändern können, nahm mir stattdessen noch ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte mich wieder auf die Fensterbank, blickte auf die Straße. Meine Gedanken drifteten ab. Wurden dunkler, dann heller, verloren ihre Farbe. Was gut war, war gut. Was schlecht war, war schlecht. Es gab kein Dazwischen mehr. Die beiden Seiten der Medaille, aus der ich meine Existenz geformt hatte.

Was meint Piotr, fragte ich mich, was soll ich hier finden. Das große Nichts? Die innere Ruhe? Oder war ich einer großen Sache auf der Spur, ohne es zu merken? Und was war das für eine Sache, die nicht existierte und doch über meinen Beobachtungen lag. Sollte ich Abstand gewinnen? Und wenn ja, wovon eigentlich?  Ich legte die Frigid Stars auf. D. Und zwar nicht Detlef Dee Soost. „D for Love. D for insight. D because you’re heaven sent“

Als ich auf die Uhr blickte, war es 21.45 Uhr. Im Westfalenstadion bereitete Julian Schieber sich auf seinen ersten Torjubel vor. Ich stand auf, nahm mir noch ein Bier auf die Hand, schloss die Tür hinter mir ab und schritt ganz langsam auf die Weddinger Seite.

diese ewige ruhe

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