Das Eingeständnis war nicht einmal hart. Ich musste es akzeptieren. Ich hatte es ja gelesen. Meine Notizen, insbesondere meine Versuche, diese mit Lyrik zu befüllen, waren, so ich sie nach all der Zeit überhaupt noch entziffern konnte, nicht nur nutz- und wertlos. Sie waren nicht einmal das Papier wert, dass ich mit meinen Notizen belästigt hatte.

Nie jedoch würde ich die Winterpause einfach so akzeptieren. Sie kam einfach und die Fußballwelt nahm für ein paar Wochen Tempo auf. Für die Reisermenschen war die Winterpause besser als die eigentliche Spielzeit. In den letzten Jahren hatten sie sich europaweit vernetzt und spannen seit dem ein feines, höchst durchsichtliches Netz aus Transfergerüchten. Brachten die Spanier Mario Götze ins Spiel, reagierten die Deutschen mit neuerlichen Götze-Gerüchten und garnierten diese mit wirren Gedanken zu Marco Reus, der, noch im Versöhnungskampf mit Bad Boy Jermaine Jones verstrickt, auch in England für Wirbel sorgte und wahrhaftig die vakante Stelle Podolskis im Emirates ausfüllen konnte. Die unzufriedenen Spieler aller Vereine, die Freigestellten und Abgeschobenen waren selten nur eine Notiz werden. Der Flügelspieler könne jetzt gehen, hieß es, das Angebot sei zurückgezogen. Und auch der wandernde Stürmer wäre bei einer entsprechenden Anfrage natürlich nicht unverkäuflich, schrieben sie und wussten doch, dass es sich mit diesen Worten bereits erledigte hatte.

Wechselten unzufriedene Spieler einmal, waren sie für den Markt uninteressant. Hin und wieder würden sie dann, wenn sie gut waren und die meisten der unzufriedenen Spieler waren nicht einmal das, in späteren Erzählungen auftauchen. Meist aber verfolgte man ihren spektakulären Absturz mit einem beiläufigen Kopfnicken. Trafen sie es gut, lass man über ihre Strapazen im russischen Ligaalltag. Niemals aber kamen sie aus diesem strapziösem Ligaalltag zurück in die Wahrnehmung der Reisermenschen. Nicht einmal in meine Wahrnehmung kehrten sie zurück.

Ihr Platz war lange besetzt von dem nächsten jüngsten und besten Torwart der Liga, der komentengleich die Rangliste des deutschen Fußballs stürmte und wiederum auf der Insel neidvolle Anerkennung auslöste. Sogar die auf der Insel gewesenen Torhüter zog es nicht zurück. War ein Spieler irgendwann nach Spanien gewechselt, so blieb ihm bei seiner Rückkehr nur Schottland, Freiburg oder Aachen. War ein Spieler einmal ausgemustert, so blieb ihm nur Aachen, Leipzig oder der Neuanfang bei Superfund Pasching.

Recht unterhaltsam schien mir der Wirbel um die sogenannten Berater- und Scoutspieler. Sie wurden von ihrem Berater zu den großen Vereinen geschrieben. Eine Äußerung in der lokalen Presse genügte meist, irgendwer würde diese Äußerung schon über den Newsalert finden und sie für den heimischen Markt aufbereiten. Der Segen der modernen Kommunikation. Die Beraterspieler waren meist nur aus FIFA 2012 bekannte Namen, die in den Foren fortan von den Fans aufgrund ihrer Skills in die Mannschaft geschrieben wurden. Natürlich würde der äthiopische Abwehrstar des Tabellenvierzehnten der französischen Liga nicht nur als Rechtsverteidger eine bessere Rolle spielen als der abgehalferte Meisterverteidiger aus dem Vorjahr, er konnte auch als Backup für den mit der Schubkarre gen England gefahrenen, schon immer überschätzten Innenverteidiger aufgestellt werden. Der äthiopische Abwehrstar, so viel schien immer klar, war der nächste wichtige Baustein und – newsalert sei Dank – hatte man ihn vor allen anderen entdeckt.

Der Scoutspieler hingegen war ein wenig komplizierter, aber im weitesten Sinne konnte man oben genannte Vorgehensweise auch für ihn bestätigen. Hinzu kam aber das fundierte, nachgewiesene Interesse des Vereins. Sie hatten nicht umsonst einen Scout geschickt. Das also war längst kein Gerücht mehr, sonst hätte der Klub doch bereits nach der Ansicht der youtube-Highlights aufgegeben.

Die Berater- und Scoutspieler wurden, neben den offensichtlichen Superstars, die es immer zu den größten Klubs, und jeder eigene Verein war für den Fan immer der größte Klub, manchmal eben aktuell seit 52 Jahren in der Krise, trieb, in den Foren am intensivsten diskutiert. Hier konnte jeder sein Fachwissen beweisen, mit Worten und Beleidigungen und Bloßstellungen – „ich interessiere mich schon seit 12 Jahren für die Jugendarbeit Äthiopiens, Du mit Sicherheit nicht! Und der hier stammt aus der Fußballschule von Harrar Beer Bottling FC, die in den letzten Jahren gerade im Abwehrbereich Riesenschritte gemacht haben. Aber das kannst Du nicht wissen, Spinner!“ – den Gegenüber kaltstellen und mit ein wenig Glück so auch den Sprung in die Reisermedien schaffen.

Die Winterpause war, so mehr ich drüber nachdachte, nicht mehr als meine Notizen. Ich würde – wie im jeden Jahr – das Geschriebene lesen und dann kopfschüttelnd zur Anlage schreiten, Beulah auflegen und bis zum 18.Spieltag warten. Das also war mein Plan. Und wenn ich genauer drüber nachdachte, wollte ich den Jahreswechsel mit einem lauten Bang im Oldie Eck begehen.

die winterpause