Langsam wurde es für Redermann Zeit. Als er sich mit seinem Rolls Reus in Richtung Stadtautobahn verabschiedete, nahm ich die Tram und folgte dem Wagen bis zum Plötzensee. Vor einiger Zeit hatte man mir etwas von einem alten Gasthaus direkt am Westhafen erzählt. Dort gäbe es noch einen legendären Hackepeter, den wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich musste ohnehin die ersten Tage des Jahres bilanzieren. Viel war passiert, mein Leben wieder ordentlich in Bewegung. Während Deutschland sich den Jahresstart mit kleinbürgerlichen Moralfragen beschäftigte, war mir in nur 10 Tagen ein Befreiungsschlag gelungen.

Auch wenn der Russe irgendwie noch über mir schwebte, sein mysteriöser Auftrag würde mich nicht weiter stören, dachte ich, in dem alten Gasthaus angekommen. Es war nicht sonderlich ruhig hier, vom Hafen hörte man die Schiffe, die ihre Ladung Schrott löschten und auf der anderen Seite rauschte die Stadtautobahn vorbei. Der Hackepeter hingegen konnte was. Mit einem Glas Charlottenburger in der Hand überlegte ich, wie ich im Falle einer erneuten Kontaktaufnahme vorgehen würde. Wahrscheinlich werde ich, dachte ich, den Fall zum Schein zumindest annehmen. Schon alleine aus dem Grund, mir weitere Unannehmlichkeiten in Moabiter Absteigen zu ersparen. Meine Kraft wollte ich mir lieber für die kommenden Herausforderungen rund um den Ballspielverein aufsparen. Jetzt, da es die Wachablösung auch in den Mainstream geschafft hatte, war es einfach nicht mehr auszuhalten.

Eigentlich gibt es dieser Tage nur zwei Themen, dachte ich. Reden wir von Politik, hat immer jemand gerade den Rubikon überschritten und ist für einen Krieg gerüstet. Dabei, dachte ich, gibt es diesen Rubikon überhautp nicht, und wenn es keinen Rubikon gibt, kann man ihn auch nicht überschreiten. Aber auf diesem Ohr war ich längst übermüdet. Sie nehmen sich ein Thema, kauen es durch, speien es wieder aus, kauen es erneut durch, speien aus und kauen es erneut durch. Bis es irgendwann ein ganz und gar unverdaulicher Brei ist, der nicht mehr durchgekaut (aber auch nicht: Ausgespeit!) werden kann. Sie hielten hinreißende Anklage- und Verteidigungsreden und rückten sich in genehmes Licht. Es war so furchtbar egal, so furchtbar egal wie die sogenannte Wachablösung.

Was niemand verstanden hatte: Unsere Schlagzeilen waren dem Konstrukteurs-Leitmotiv von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart geschuldet. Jetzt da der Rest die Zukunft erreicht hatte, interessierte mich die Wachablösung nicht mehr. DerSamstag! musste weiter Themen setzen und sie dann eben nicht weiterdrehen. Überhaupt: Weiterdrehen! Ein verachtenswertes Wort, welches damals aus Reisers Mund noch verachtenswerter geklungen hat. Weiterdreher und Wiederkäuer! Langweiler. Und diese aufgeregten Diskussion, die am eigentlich Spiel überhaupt nichts ändern. Es widerte mich an. Niemand aber legte den Finger weiter in die Hopp-Wunde. Das, so nahm ich mir am Gasthaustisch sitzend vor, würde das Samstag-Thema in den nächsten Tagen sein. Ich griff zum Telefon und beorderte Amok aus dem Trainingslager zurück.

die wachablösung langweilt