Hauke Schill lehnte an der Tür des Soldiner Ecks. Die Tage seit der 8:0 Niederlage seiner Hamburger standen ihm ins Gesicht geschrieben. Aber dort stand so viel. Es fiel niemandem mehr auf. Schill richtete sich seinen Bademantel. Er strich über die Raute, die ihm so viel bedeute, und durch die wenigen Haare, die ihm geblieben waren.

In den letzten Tagen hatte er Zeit gehabt. Zu viel. Er hatte wieder an den Untergang gedacht. Das machte er immer, wenn es die Zeit zuließ. Wir werden gemeinsam untergehen, hatte er gedacht und voller Pathos immer wieder „im Fallen werden sich unsere Seele lösen“ gedacht. Wenn er schlief, so träumte er von dem großen schwarzen Loch, von dem er schon sein ganzes Leben lang träumte. Eine Uhr tickte, er stürzte. Er hatte keine Chance. Er konnte sich nicht bewegen.

Und da waren diese Bilder. Schill an der Alster. Schill und HSV Joe. Schill am Neustädter See. Am anderen Ufer ein Mobile Command Center. Dembowski.  Und wie er ihn trifft. „Borussia hat sich schuldig gemacht!“ Die Antwort des Ermittlers: „Wie lautet die Anklage?“ „Finde es heraus.“

Der Ermittler ist auf der richtigen Spur, dachte Schill während er an der Tür lehnte. Er zog an seiner Zigarette. Griff zum Bier. Noch ein Schluck gegen den Schmerz. Er war sich leid, und seinen Traum auch. Das schwarze Loch als Seelenlöser. Dembowski hatte sich nie an ihn erinnert. Die Kneipe einfach eingenommen.

Er drehte sich um. Freitag, 20. Februar 2015. Die Geschichte war nun beinahe ein Jahr her. Irgendwann würde er auffliegen. Doch bis dahin weitermachen. Er hatte sich verkauft. Er hatte keine Wahl.

Dembowski ertrug die Stadt nicht mehr. Unter den Brücken hatten die Polen mit ihren Habseligkeiten und ihren Penny-Einkaufswagen ihre Schlafräume abgesperrt. Auf den Straßen standen die abgefackelten Limousinen der letzten motorisierten Bewohner des Weddings. Der Rest war auf H, und flüchtete vor der nächsten Razzia der Berliner Polizei. Charlie don’t live here anymore, dachte der Ermittler.

Schill. Immer wieder Schill. Sein letzter Zufluchtsort bevor aus Wintermüdigkeits wieder Lebensmüdigkeit wurde. „Was ist damals am Morski Oko passiert?“  Er dachte wieder über seine Lebensfrage nach. Dabei war Dörte nur eine Bahnhfahrt entfernt.

Wenn er seine Einsamkeit nicht mehr aushielt, ging er die Treppen runter. Schritt über die Straße, trat die Tür auf und lachte. „Mach mal ein Kronen klar!“ und „Was ist das schon wieder? Was zum Teufel ist das schon wieder?“

Das „schon wieder“ war ein Pep Guardiola-Kalender. Schill hatte ihn sich nach dem Spiel gegen die Bayern besorgt. Der Kalender zeigte den Bayern-Coach in seinen besten Posen, mal grübelnd, mal jubelnd, mal in angeregter Diskussion mit den Schiedsrichtern. Er hatte Schill schlanke 19€ gekostet, und war immerhin noch über 10 Monate gültig. Die Erlöse gingen an die Bayern Hilfe eV, hatten sie ihm erzählt.

Als Dembowski auf den Kalender blickte, sah er Guardiolas legendäre Thiago-Ohrfeige. „Jetzt muss sein Knie sprechen und sagen, dass es okay ist“, stand unter der Aufnahme. „Ich musste hart lachen“, sagte Schill und drückte ihm ein Kronen in die Hand. Der Ermittler brauchte es. Schlimmer noch als der Kalender war Schills Musikauswahl. Tomte, Eine Sonnige Nacht.

„Yves, wie hältst Du das aus?“

Das hatte sich Dembowski bereits ein paar Tage vorher in der Turnhalle in Gelsenkirchen gefragt. Im Rahmen der Partnerschaft Lamafarm / Olympia 2024 hatte man ihm zu einem  „Dabei sein ist alles“-Workshop in Gelsenkirchen eingeladen. Die Euro-Fighter waren auch da. Sie waren die letzten Spieler, die sich gegen das Vereinsmotto gewehrt hatten und seit Jahren bestrafte man sie nun mit dem Besuch entscheidender Spiele.

„Nur noch nicht zu hoch verlieren“, hatten sie ihm in der Glückaufkampfbahn erzählt, und so waren sie dann auch aufgelaufen. Nur nicht kassieren. Nicht schon wieder. Unter tosendem Applaus und anerkennenden Worten der Fachpresse und den Teilnehmern des Workshops war ihnen das gelungen. Nur zwei Tore gegen die beste Mannschaft der Welt kassiert. Nicht schlecht. Das war vor Schalke zuletzt dem 13. der spanischen Liga. Am Wochenende vor dem Mittwoch.

Sie spielen, um nicht zu hoch zu verlieren. pic.twitter.com/aF6wMPefTe
— dembowski (@uersfeld) 19. Februar 2015

Doch bei seiner Rückkehr nach Berlin hatte Dembowski den Champions League-Viertelfinalisten der Herzen längst wieder vergessen, und auch, dass die Lamafarm nun ein essentieller Bestandteil der Olympiabewerbung Berlins war. Er hatte alles vergessen. Sogar Dörtes Idee von der Nachhilfeschule. „Learning Bei Duingen“ sollte sie heißen, und in der Nähe der niedersächsischen Samtgemeinde eröffnet werden.

Es war dunkel. Dembowski hatte sich mal wieder verloren.

Dembowski in der Kneipe. Die Ankündigung. Und der Moment, in dem ihm die Beine versagen.

„I don’t think the good years I’ve got can wait. So what are we staying for?”

Er lag. Er las. War er nicht DerSamstag?

BVB ab heute wieder CL-Kandidat? DerSamstag weiß vom BVB-Geheimplan! 

Von Martin Makulatur 

(duingen) BVB ab heute wieder CL-Kandidat? Borussia-Bosse lassen sich vor dem Spitzenspiel gegen den VfB Stuttgart (18. Tabellenplatz, noch kein Sieg im Jahr 2015) keine Kampfansage entlocken: „Schauen nur von Spiel zu Spiel.“ 

DerSamstag weiß jedoch exklusiv: BVB denkt nur an die Königsklasse! Intern herrscht nach den souveränen letzten vier Partien Einigkeit darüber, dass Platz 4 (berechtigt zur CL-Qualifikation) keineswegs in weiter Ferne ist. 

Bei nur zwölf Punkten Abstand zum rettenden Ufer ist man an der Strobelallee sicher, dass der gelbschwarze Leuchtturm schon in wenigen Wochen wieder strahlen wird. Dortmund mit dem neuen Traumduo Reus und Aubameyang („Raubameyang“) auch nächstes Jahr international? Lesen Sie mehr in DerSamstag! Am Sonntag.

Der Mann, der ihm jetzt hochzog, kam ihm seltsam bekannt vor. Er wischte sich das Blut aus seinem Gesicht. Er sah den Neustädter See im Nebel verschwinden.

Hauke Schill trat vor die Tür. Er blickte auf die Sonne. Ein weißer Ball. Hinter einem Vorhang.

die sonne: ein weißer ball hinter einem vorhang