Langsam dämmert es mir. Das war alles kein schlechter Traum. Als ich heute Morgen aufwache und ins Badezimmer gehe, sehe ich es durch den milchigen Spiegel – das Meistershirt. Über den ersten Kaffee kommen die Gedanken dann zurück. Es war grauenvoll, menschenunwürdig. Schnell wieder ins Bett und nicht mehr aufstehen, das ist an diesem Ostersonntag 2011 mein Ziel. Mich schüttelt es noch immer. Über die Trümmer der letzten Nacht und des letzten Tages lege ich mich wieder hin und denke über die schlimmsten Stunden meines Lebens nach.

Rückblick:

Um 7 Uhr in der Früh klingelt mein Handy. „Dembowski, aufstehen! Reiser wird Dir alles erklärt haben“ „Was? Wer ist am Telefon? Und was hat Reiser damit zu tun? Der hat mir eine Karte gegeben“ „Martin hier. Ich bin in einer Stunde an Deiner Erdgeschosswohnung. Mach Dich bereit.“ „Aber…“ Martin hat längst aufgelegt.

Um 8.30 Uhr klingelt es an der Tür. Mir bleibt keine andere Wahl. Ich muss also mit Martin nach Gladbach. Den Teil der Geschichte hat mir Reiser natürlich verschwiegen. „Hör zu. Ich hab hier ne komplette Produktion Meistershirts und Meistergürtelschnallen. Denkst Du, die verkaufen sich von alleine? Über Deine Sammelmailings. Du musst an den Mann, Du musst dahin, wo die Leute sind. Ich fahre Dich jetzt zum Bahnhof nach Rheydt und dort bringst Du die Sachen an die Fans. Ist das klar? Wir haben eine Deal, Du hast bislang noch nichts dafür getan.“ Was soll ich machen? Deal ist Deal und wie soll ich mich da jetzt rauswinden. Den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend, durch die Anlage des schwarzen Ford Taunus bollert Yazoo. „Can’t stop now don’t you know I ain’t never gonna let you go. Don’t go”. Martin ist noch schmieriger, als ich ihn mir in meinen schlimmsten Träumen vorgestellt habe, und verdammt, ich hatte in der letzten Zeit viele schlimme Träume.

Bahnhof Rheydt raus. Martin schmeißt mir einen Haufen seiner Meisteredition hin. Mit Schal, Shirt und Gürtelschnalle ausgestattet lässt er mich in der prallen Sonne stehen. Er macht es sich in seinem Taunus im Schatten bequem und schaut mir rauchend dabei zu, wie ich in dieser Sonne kaputtgehe. Erlebnisorientiere Jugendliche geben sich die Hand mit Junggesellenabschiedstruppen und Suffkutten. Immerhin bring ich ein paar Shirts und Schals an den Mann, die Gürtelschnallen laufen nicht. Ich gehe in der Hitze vor die Hunde, will einfach nur noch weg. Doch auch als klar ist, dass es für Borussia nicht langen kann, erklärt mir Martin noch einmal mit Nachdruck, dass „aufgeschoben nicht gleich aufgehoben ist“.

Was ein Klugscheißer! Nicht einmal ein Wasser habe ich, während die Horden an mir vorbeischreiten und ich trotz aller Zweifel wirklich viele Shirts an den Mann bringe. Der Schweiß läuft mir dabei die Stirn runter, mein Gedanken werden trüber, mein Kopf schwerer. „Gut jetzt!“ ruft Martin mir um 17.45 Uhr zu. „Wir fahren zum Stadion, nach dem Spiel geht es weiter.“ Ich kann nicht mehr. Schnappe mir ein Shirt, renne zum Bahnhof und springe in den ersten Zug in Richtung Westen. Am nächsten Bahnhof wieder raus. Wasser, Wasser, Wasser! Die verdammte Sonne, der verfluchte Martin. Ich schalte mein Handy aus. Gegen 20 Uhr bin ich wieder in der Wohnung. Aus Frust hau ich mir ne Flasche Captain Morgans weg und falle in den Schlaf.

Jetzt, um 9 Uhr am Ostersonntag, frage ich mich: Mach ich mein Handy wieder an? Martin wird verdammt sauer sein, Reiser aufgrund des Ergebnisses, welches ich gerade dem Videotext entnommen habe, eher nicht. Er hat mal wieder Stories für eine Woche.

die schlimmsten stunden meines lebens