Ersatzkatastrophen? Man hätte mich doch auch einfach mal auf die Wettervorhersage hinweisen können! Zumindest ich brauche mir dann keine Ersatzkatastrophen mehr schaffen. 35 Grad und nein, ich klage nicht häufig, ich ertrage es jedoch einfach nicht. Die kommenden Tage, das habe ich auch Redermann so mitgeteilt, werde ich die Erdgeschosswohnung ausschließlich für kleine Bierbesorgungen bei der Wentraud verlassen. Und da muss ich nicht einmal auf die Straße treten. Die Rollladen werde ich nicht hochziehen, nicht weil die Kids mich wieder verhöhnen werden, sie werden ohnehin viel zu beschäftigt mit ihren Brückenspringspielen sein und sich nicht an dem armen Schlucker aus der Erdgeschosswohnung vergreifen, sondern weil ich es einfach nicht ertrage.

Am Jezioro Nidzkie wäre das etwas anderes gewesen, mit der Gewissheit der Seenähe kann ich mit diesen Temperaturen durchaus umgehen, mit der Gewissheit jedoch im Notfall ausschließlich auf die Brückenspringer zurückzugreifen und die Schmerzen meines geschundenen Körpers im Petroleumhafen zu lindern, bleibt mir keine andere Wahl als der geordnete Rückzug in meine Erdgeschosswohnung. Ihr mit Euren Röcken und Ihr mit Euren Cargo-Hosen, Ihr mit Euren viel zu engen Tops und Ihr mit Euren Muskelshirts, Ihr mit Euren Havaianas und Ihr mit Euren H&M Flip Flops, Ihr könnt mir alle gestohlen bleiben. Ihr mit Euren verliebten Blicken und Euren wenig schüchternen Küssen in der Öffentlichkeit, Ihr mit Euren entspannten Blicken und Euren schwitzenden Körpern, Ihr mit Euren 1.5l-Wasserflaschen und Ihr mit Euren Feierabendbieren, Ihr könnt mir alle gestohlen bleiben. Ihr mit Euren Boomboxen und Ihr mit Euren geschmacklosen Hinterhofbeschallungen, Ihr mit Euer Akustikgitarre am Lagerfeuerromantik und Ihr mit Euren Sportzigaretten, Ihr in Eurem Freundeskreis und Ihr beim Grillen im Westpark, merkt Ihr eigentlich noch was?

Und für all diese Leute muss ich demnächst funktionieren. Sie müssen mir aus der Hand fressen und Redermann muss mir aus der Hand fressen und ich muss den BVB gegen alle Widerstände Reisers zur zweiten Meisterschaft in Folge führen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Dazu noch die Sommersonne. Ich krame mein „Dembowski – Enjoying Global Warming Since 1976“ raus, lege mich aufs Bett und höre den dahingehuschten Worten von Graham Langley zu. Niemals mehr erreichte er eine solche Klarheit wie auf der Lost Horizon-EP. Niemals mehr waren seine Worte klarer und präziser. Niemals mehr erreichte er, verlassen von allen andere Bandmitgliedern und doch ohne Kraft, das Projekt zu stürzen, diese Wucht, wie auf dem abschließenden From The Gold Hotel und niemals mehr klangen seine Zeilen isolierter als auf Reason To Leave. „Cause you made what I am then you left me where I am looking for a reason to leave rather than stay, I came back here so ready to give way”. So geht es irgendwann los und Langley steigert sich in seine Isolation bis hin zu „There is a light that grows darker every day“ und hier reden wir nur von den ersten paar Minuten des ersten Liedes.

Irgendwann hatte Langley mir die Entstehungsgeschichte dieser EP verraten. Und auch wenn ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern kann, so kann ich glaubhaft vergewissern, dass da ein Mensch war, der sich zwischen den Polen des Lebens aufgerieben hatte und ermattet Zuflucht in seiner Kunst suchte. Ein entferntes Waldhorn, ein paar Field-Recordings, ein schüchternes Piano, eine sich schließende Tür – mehr ist da nicht bei „Between Two Rivers“. „Everytime I open up my mouth, stupid little lies come out. Why must you boil everything down into a lie easier to tell. Everytime I walk into a room, I can’t help but look for you” heißt es in Life By The Roadside und ich frage mich, wie nah Worte überhaupt an die eigene Wahrheit gehen dürfen und wie sehr Langley die Worte an sich heran gelassen hat? Bei From The Gold Hotel, im Gold Hotel in Berlin-Friedrichshain geschrieben, dort, wo ich Langley zum ersten Mal kennenlernte und es einfach noch nicht absehbar war, was in der Folge geschehen würde, ist er willen- und kraftlos. Du erzählst von einem neuen Tag, doch er wird nie kommen. Du redest von einem neuen Leben, aber nicht von diesem. Manchmal murmelst Du, was habe ich getan und Du redest von einem neuen Leben, aber nicht von diesem. Die Dinge, die Du vom Leben erwartest, fallen von Dir ab. Ich wollte Dir glauben und wünschte ich könnte. Die Dinge, an die ich jetzt glaube, zerstören mich. Was immer Du mir gibst, werde ich nehmen. Was immer aus mir wird, es war zu spät. Vor der Tür die Familie, Sohn, Du musst jetzt gehen. Da gibt es Dinge übers Leben, die Du herausfinden musst. Vor der Tür die Familie, Sohn, Du musst jetzt gehen. Da gibt es Dinge übers Leben, die Du nie herausfinden wirst. Und von da an nur noch Stille, Gitarren, eine sich aufbauende Linie, die mich irgendwann erschlägt. Ich drücke meinen Kopf tief in das Kissen, doch mittlerweile ist die Stimme in mir. Die Gedanken bei mir. Wie lange habe ich die EP nicht mehr gehört und wie viel Schmerz ist in ihr? Wie viel Schmerz steckte in Langley und wie hat er ihn rausgelassen?

Ich verfluche den Sommer. Gestern war noch alles gut, der Regen, das Volksfest, und jetzt der Sommer. Nicht alles auf der Welt ist gerecht und schon gar nicht die Sommersonne. „Dembowski – Enjoying Global Warming Since 1976“ – welch ein Hohn dieser verwaschene Aufdruck doch ist. Wenn ich mich nur erinnern könnte, wer mir das Shirt damals zum Geburtstag schenkte, ich würde es ihm zeigen und es ihm unter die Nase reiben, bis er sich nicht mehr wehren könnte. Das Shirt verspottet mich und ich trage es. Immer noch. Es lässt mich nicht los. Mein Leben ist ein einziges sich von anderen Menschen verspotten lassen. Tragisch. Aber so ist es. Und ich werde es nicht ändern können und ich will es nicht ändern können. Solange da noch Musik ist, solange ich noch ermitteln kann und solange zumindest der Gedanke an Dörte noch da ist, werde ich nicht nachlassen. Ich werde davon überzeugt sein, dass jeder Sommer einmal in einen bitterkalten Winter übergeht und am Ende doch alles gut wird. Der Große Boss wird mir dabei helfen. Ich setze mich an den Computer und studiere die Iquitos Publishing Unterlagen. Sie machen mir Hoffnung.

die sache mit der langley-platte