Dembowski hatte die Menschen lieb. Er wach wachsam. Nur die Sache mit Lewandowski hatte nicht funktioniert. 

Meine Nervosität musste auf die Spieler der Borussia ausgestrahlt haben. Anders konnte ich mir die Leistung in Málaga nicht erklären. Auch sie mussten irgendwann in der Drangphase an die unglaublichen Chancen gedacht haben, die sich aus diesem Spiel und dieser von der 15 bis zur 32 Minute wunderbaren Leistung ergeben würden. Doch als das Spiel so richtig losging, war es eigentlich schon wieder vorbei. Der Lauf Götzes nach der Kopfballverlängerung von Lewandowski hatte etwas sehr ungefährliches an sich und diese Ungefährlichkeit zog sich fortan durch das Dortmunder Spiel.

Zumindest kam es mir so vor. Bereits vor dem Spiel hatte sich meine Nervosität gelegt. Was sollte uns schon passieren. Es war das Hinspiel eines Champions League-Viertelfinals, das erste seit 15 Jahren, so weit und so aufregend. Aber wie ich da so in der Kneipe saß und mich umschaute, in die teils vor Aufregung entstellten Gesichter schaute und dann in mich hineinhörte, fand ich nichts vergleichbares. Es war eine Mischung aus Gelassenheit und der Gewissheit, dass sich alles erst im Rückspiel entscheiden würde.

Während Götze, Reus und Lewandowski Chance und Chance versiebten, Weidenfeller hinten einen sehr sehr soliden Job machte, uns ja eigentlich das Spiel rettete und um mich herum, die Leute auf und ab sprangen, manch einer sich die Seele aus dem Leib brüllte –wie ich diesen Borussia-Ort in Berlin liebte! – saß ich auf meinem Stuhl, hatte nicht einmal den Hauch von Emotionen in mir und blickte auf das Spiel als das was es war – ein weiteres Spiel in einer langen, einer niemals für möglich gehaltenen Liste von erstaunlichen Spielen der Borussia. Ich aber hatte noch viel vor und war mir sicher, dass auch Umwege in Richtung Wembley führten.

So notierte ich nach Abpfiff nur das torlose Unentschieden und stürzte mich schnell zurück in Richtung U8. Nachdem ich Berg abgeschüttelt hatte, wollte ich mich wieder meinen intensiven Lewandowski-Recherchen widmen. Ich war mittlerweile nah dran am Scoop. Immer meiner Strategie folgend, hatte ich das Vertrauen aller wichtigen Player in diesem Transfer gewonnen. Meine Quelle im Verein wollte nicht versiegen, meine Quelle auf der anderen Seite stand kurz davor erschlossen zu werden. DerSamstag! würde scoopen, so viel war sicher. Nicht Reiser, nicht Honigstein, nicht SkyItalia. Ich war auf dem Weg zum größten Schmierlapp im Geschäft. Finanziert durch die Gelder des Verfassungsschutzes, eine verrückte Geschichte, die ich mir da ausgedacht hatte und die nun kurz vorm Abschluß stand.

Ähnlich wie der Weg der Borussia in der Champions League, ging es aber nicht ohne Rückschläge vonstatten. Eigentlich hatte ich nur noch einmal über die verpassten Chancen der Borussia lesen wollen, war jedoch irgendwie in mein Mail-Account geraten. Hohe Priorität! Nie ein gutes Zeichen. So auch in diesem Fall. „Das Vertrauen ist erschüttert. Zu viel Politik. Dies ist die Funkstille!“, musste ich dort lesen. Mein Informant auf der anderen Seite brach jeden Kontakt auf. Und auch wenn ich nicht wusste, wann und wo und wie ich das Vertrauen erschüttert haben sollte, so war mir klar, dass sich irgendwo in Dortmund ein Reiser die Hände rieb und die Telefonleitungen zwischen England, München und Italien würden glühen.

Der Scoop war nicht meiner und immer mehr zweifelte ich am Fortbestehen des Boulevard-Blatts, um alle Boulevard-Blätter zu beenden. Mittlerweile wurde es hell über dem Soldiner Kiez und in all meiner Angespanntheit hatte ich nicht nur das Trinken, sondern auch die Musik vergessen. Ich wollte in das große Geschäft einsteigen, doch nun lagen die abgebrannten Brücken von sechs Monaten intensivster Arbeit hinter mir. Mir musste ein Fehler unterlaufen sein und natürlich hätte ich diesen Fehler jetzt aufarbeiten können. Aber draußen wurde es hell, es lag immer noch Schnee und ein Spaziergang würde mich befreien. Irgendwo fand ich sogar meinen alten MP3-Player, fand Primal Scream, fand bei aller meiner Müdigkeit meine Ruhe wieder.

„I was blind, now I can see. You made a believer out of me.”

Hinter der Brücke an der Wollankstraße hörten die Neonlichter auf und Pankow grüßte mit all der bürgerlichen Spießigkeit, die diesen Bezirk so langweilig und beruhigend zugleich machte. Irgendwo bauten sie in Boomtown-Pankow immer und irgendwer verzweifelte immer an Mehdorns Vorschlägen, den Flughafen in Tegel weiter zu betreiben. Versandete Millionenhoffnungen nach Ruhe. Und so knallten die Flugzeuge ab sechs Uhr auch über den Bürgerpark, den ich durch einen Seiteneingang betrat und auf das Denkmal blickte.

„Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid wachsam!“

Ich beruhigte mich immer mehr. Konnte ich heute nicht scoopen, würde ich morgen scoopen und würde ich morgen nicht scoopen, so war das auch egal. Es war nicht die Bedingung für meine Existenz, die ich vielmehr an Dörte, an guter Musik, an Borussia und langen Spaziergängen festmachte. Was in der Zwischenzeit passierte? Maximal gute Unterhaltung, dachte ich. Und die hatte ich mir in den vergangenen Wochen und Monaten besorgt.

„I was lost, now I’m found. I believe in you, I got no bounds. I’m movin’ on up now. Gettin’ out of the darkness. My light shines on.”

Ich war jetzt in der Schönholzer Heide angelangt, wischte alle Zweifel beiseite und spazierte weiter in Richtung Lübars, in Richtung Frohnau, in die richtige Richtung.

die sache mit dem lewandowski-scoop