Schill blickte durch sein Fernglas.

 „Es ist wieder Krieg“, sagte er.

„Krieg ist immer“, sagte Dembowski.

Er spazierte ein paar Meter weiter.

 „Da hinten ist der Teufelsberg!“

„Da kommt Lawrow!“

Später Montag.

Kurz vor der Sinnkrise der Frühlingssonne.  Kurz nach dem Drama.

Hin und wieder prasselte ein leichter Frühlingsregen auf den alten Flakbunker nieder. Der Westwind verschaffte ihnen Einsamkeit. Ein paar Jogger störten die Ruhe. Sie drehten ihre Runden. Ein Großteil jedoch drehte bereits an den Stufen ab, rannte im Sprint die 22 Höhenmeter hinunter. Hier auf 62 Meter über dem Meeresspiegel waren sie weitestgehend allein.

Das war nicht überall so.

Am Wochenende war Ridley Ferundula aufgetaucht. Nicht zum ersten Mal. Diesmal hatte er sich jedoch auch bei Dembowski vorstellen können, nachdem dieser beim ersten Mal gerade ein Stuhl über Hagenberg-Scholz zerbrochen hatte.

Ein Rowdy, hatte sich Ferundula gedacht. Das war ganz nach seinem Geschmack. Benimmregeln waren auch dem Ungarn fremd. So hatte er sich über die Jahre zu einer veritablen Größe auf dem heimischen Spielermarkt entwickelt. Jetzt, nach ein paar Deals mit unterklassigen englischen Vereinen, wobei gerade der Transfer des moldawischen Messis Alexandru Alexandru zu Dover Athletic auf größtes Interesse der Hauptstadtpresse gestoßen war, wollte er den Sprung auf den deutschen Markt wagen.

Ferundula war kompakt, hatte schwarze, lange Haare. Die Hosenträger spannten sich über seinen schwarzen Pullunder. Darunter trug er ein weißes Hemd. Er war, soweit man das erkennen konnte, recht seriös und schwor auf Szegediner Gulasch. Der Mitvierziger lebte momentan auf einem Hausboot einer Ausbuchtung des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals. Dort hielt er seine Angel ins Wasser, sah auf die Stadtautobahn, und ging am Abend auf einen Absacker in die Pinte am Plötzensee.

Wenn die Sonne unterging, Reinhard Mey sein „Gute Nacht, Freunde“ sang, wartete er noch einem Moment auf die Wirtin. Er liebte ihre Berliner Art. Sie nannte die Dinge beim Namen. Meist schrie sie: „Zurück aufs Hausboot! Ich hab Feierabend.“ Dann ging er. Auf dem Boot saß er noch eine Weile draußen, blickte auf die schwarzen Wellen. Manchmal stieg über der Jungfernheide ein Flugzeug auf. Meist jedoch landeten sie. Dann konnte er sie nicht sehen, nur bei günstigem Wind hören.

Es war ein geruhsames, nahezu erfülltes Leben, doch wollte er mehr. Manchmal träumte er von einer Farm im Oderbruch. Er wollte Spuren hinterlassen, wenn er auch sonst keine großen Ansprüche stellte.

Dembowski sollte sein Verbindungsmann werden. Viel hatte er bereits über den Ermittler gelesen. Auch wenn dieser es nicht wusste, so hatten ihm sein Reus-Deal Respekt und seine ablehnende Haltung als Berater beim Kagawa-Transfer die größte Anerkennung der osteuropäischen Spielerberaterbranche eingebracht. Die Ernennung zum Ermittler des Jahres hatte große Wellen geschlagen.

Die Aberkennung des Titels durch Ayse Güllü war hingegen untergegangen.

Allgemeinhin galt Dembowski als Türöffner für den deutschen Markt. Allein am Mut zur Kontaktaufnahme mangelte es den meisten Agenten. Dembowskis Wutausbrüche waren legendär. Dass sie sich meist gegen Hagenberg-Scholz richteten, war bislang noch nicht über die Landesgrenzen gedrungen.

Ferundula hatte keine Angst. Er war anders. Gestählt von seinen Treffen mit den größten Stars des Fußballgeschäfts.

Am Samstag war er mit der Tram die Seestraße entlang. Auf der Fahrt legte er sich seine Strategie zurecht. Er musste Dembowski über Schill knacken. Den Wirt konnte durch Lob für seine Buletten knacken. Das tat sonst niemand. Das wusste Ferundula.

Osloer, Ecke Prinzenallee raus. Erst Borussia gegen Borussia. Dann Hamburg gegen Wolfsburg. Wie gemacht für die Verhandlungen im Soldiner Eck.

Dort hatte sich bereits die übliche Spieltagsmischpoke.

Dembowski lungerte am Tresen rum, manchmal auch dahinter. Das hatte praktische Gründe. Hagenberg-Scholz pflegte sein Leben in den sozialen Medien. Schon in den späten 90ern hatte er mehrere Tamagotchis gleichzeitig bedient. Er hatte früh gelernt. Jetzt war er ein Meister. Und ein Trendsetter.

Schill stand vor der Tür. Er rauchte. Begrüßte die eintrudelnde Gäste per Handschlag. Jasmin Malchow war bereits schwer angeschlagen.

„Job weg“, kommentierte sie schulterzuckend.

„Wieso?“

„Ich bin besoffen in ne Live-Sendung gestolpert. Kam wirklich nicht gut an. Egal: Nur der HSV!“

„Nur der HSV!“

Als Malchow und Schill in die Kneipe stolpernd, als Ferundula gerade in die Soldiner bog, stolperte Hummels, und Wendt staubte ab.

„Verdammte Scheiße! Ich halte das nicht mehr aus.“

Dembowski rannte vor die Tür. Hagenberg-Scholz zitterte jetzt nicht mehr.

„Das war das dritte Gegentor in der ersten Minute“, verkündete er nicht ohne Stolz, und durch die Abwesenheit Dembowskis auch: Ohne Furcht.

„Halt’s Maul, Justin!“ schrie Schill.

Aber Hagenberg-Scholz hörte nicht. Die Spiele waren für ihn Stress. Er musste Laufwege erkennen, er musste die Schwachstellen ausmachen. Er musste die Schnittstellen erahnen, Pässe voraussehen,  und Fehler statistisch erheben. Damit hatte er in der laufenden Dortmunder Saison, eigentlich bereits mit Hummels, genug zu tun.

Er war Teil der Vermessung des Fußballs. Das war seine ihm zugedachte Rolle. Darin ging er auf.

Vor der Tür trat Dembowski einmal gegen einen alten Wartburg.

„Scheiß Hipster! Scheiß Hummels! Scheiß Saison!“

Ferundula nutzte die Gelegenheit. Er schlüpfte unbemerkt in die Kneipe. Jetzt bloß keinen Fehler machen, dachte er.

Er bestellte ein Bier. Ankommen.

Hummels attackierte früh, zu früh. Wie so oft. Den Ball eroberte er nicht. Wie so oft. Unter dem Geleitschutz der Dortmunder Spieler stürmte Patrick Herrmann über das Spielfeld. Er erblickte Weidenfeller, sah Raffael und schob die Pocke rüber. 2:0. Game over. Hagenberg-Scholz hämmerte seine Erkenntnisse in die Welt. Malchow starrte auf den Fernsehern.

Ferundula verwickelte Schill in ein Gespräch. Buletten, Bier und HSV. Seine Welt. Das gab er vor.
„Hamburg ist momentan die beste Adresse für junge Spieler! Die haben ein klares Konzept. Die geben den Youngstern Zeit. Wer sich da durchsetzt…Übrigens: Diese Buletten ausgezeichnet.“

Dembowski beäugte ihn. Er nahm noch ein Schluck aus der Kronen-Flasche.

„Auch nen Hamburger? Es geht immer noch schlechter.“

Aber der Berater schwieg.

„So geht das nicht weiter“, kommentierte er nach einiger Zeit fachkundig.

Er sah: Dembowski verzweifelte an Sokratis, zuckte bei jeder Ballberühung Gündogans zusammen. Etwas war zerbrochen. Und Ferundula hatte den Kitt.

„Ferundula, Ridley Ferundula. Sie müssen Dietfried Dembowski sein?“

„Toller Name! Was willst Du?“

„Dietfried, ich bin wegen…“

„Alter, Schill! Seit wann Duzen mich hier alle? Mach ma nen Bier. Und für Dich bin ich immer noch Herr Dembowski, mein lieber Rick!“

„Ridley. Ich bin Spielerberater.“

„So siehste auch aus. Unfassbar. Meinst Du das mit den Hosenträgern eigentlich ernst?“

„Naja. Schon. Egal. Ich würde gerne mein Portfolio erweitern. Trainer. Die sind das große Ding. Und da kommen Sie ins Spiel, Herr Dembowski. Ihnen sagt man beste Verbindungen hoch in die Führungsetage der Dortmunder Borussia nach. Und, Hand aufs Herz, Klopp muss weiter. Seine Zeit ist um. Wenn Sie sich diese Saison anschauen, dann müssen auch Sie gestehen: Er ist auf ganzer Linie gescheitert! Die Transfers müssen wir ihm anlasten, wie auch seine saloppe Art, seine Kritik an Außenstehenden, die zunehmend unter der Gürtellinie ist. Sogar der große Pep hat nur den Bus geparkt. Das reicht. Immer. Weil nichts passiert. Weil niemand mehr will.“
Nordtveidt erzielte das 3:0. Doch niemand sah hin.

„Hey Justin, komm mal rüber. Noch so ein Spinner hier! Bring Deine Gadgets mit!“
Hagenberg-Scholz packte seinen Kram zusammen.

„Was ist das für ein Vogel?“

„Hagenberg-Scholz, angenehm.“

Schill, Justin, und Dembowski standen um Ferundula herum. Malchow stand interessiert vor der Jukebox. Aber drückte nichts.

„Also“, holte Ferundula aus. „Ich habe da einen großen englischen Verein an der Angel. Verbindungen. Ihr kennt das. Die suchen Inspiration.  Die wollen jemand mit Erfahrung. Und, ganz ehrlich in der Szene erzählt man sich längst, dass Klopp gehen will. Eine Auszeit. Ding! Dong! Wer hat da geläutet?“

„Wer erzählt so ein Scheiß?“

Dembowski wurde ungeduldiger, Hagenberg-Scholz checkte seine Datenbanken auf belastbare Fakten, Schill schob dem Ermittler ein Bier rüber, Malchow drückte einen alten Gameface-Song, das war ihr Leben gewesen, Gündogan erzielte den Ehrentreffer. Malchow ausdruckstanzte gedankenverloren. Damals, dachte sie.

„Zlatan!“ sagte Ferundula ehrfürchtig.

Kehl und Klopp schrien sich an. Das Spiel endete.

„Siehste. Da stimmt nichts mehr! Und Zlatan, Zlatan habe ich im Aufzug getroffen. Neulich. Bei Verhandlungen. Genauer kann ich da nicht drauf eingehen. Zlatan erzählt das“, sagte Ferundula jetzt mit mehr Sicherheit.

„Ich mach schon mal auf Hamburg. Nur der HSV!“

Malchow und Schill verzogen sich an einen Tisch. Sie dämmerten mit dem Vorprogramm dahin.

„Zlatan, really?“

„Du erinnerst Dich? Der war schon fast in Dortmund. Er will immer noch aus Paris weg. Doch vom BVB war auf einmal nicht mehr die Rede. Nach England. Einmal den Premier League-Titel gewinnen, das waren seine Worte.“

„Und?“

„Du musst mir helfen, Dembowski! Der BVB braucht einen Exit-Plan. Es muss eine saubere Trennung her.“

„Es gibt keine belastbaren Fakten! Klopp schafft das. Es gibt auch keine Alternativen. Wie ihr aus allem wieder einen Weltuntergang macht. Ihr wollt nur Blut, Blut, Blut!“ Hagenberg-Scholz schrie jetzt.

„Alter, Halt’s Maul!“

Das war Ferundula.

Dembowski lachte.

„Genau, Hagenberg-Scholz. Halt Dein Maul.“

„Gleich kommt der HSV! Wir drehen das Ding. Paderborn kann uns gar nichts.“
Schill war zu angespannt.

Ferundula stemmte seine Körper vom Barhocker. Mit diesem Quälgeist hatte er nicht gerechnet.
Aber Dembowski war schneller. Er baute sich vor Hagenberg-Scholz auf. „Kannst Du nur einmal etwas nicht in Frage stellen? Kannst Du nur einmal auf Deine Fakten verzichten?“

„Aber ich dachte, aber ich…“

„Lass gut sein. Ja. Wir haben Dich gefragt. Aber das hier ist ne dicke Nummer“, sagte er, und flüsterte „Der Ferundula ist ne Granate. Verstehe das..“

„Wieso sollte man einen Trainer nach sechs erfolgreichen Jahren anzweifeln? Nur wegen einem schlechten Jahr. Das kann immer passieren.“

„7“

„Was?“

„Die sieben Plagen der Endzeit, das verflixte siebte Jahr.“

„Herr Ferundula?“

„Ja“

„Was hat das mit Klopp zu tun.“

„Du willst nichts verstehen, Justin. Du willst es einfach nicht.“

„Nicht schon wieder“, schrie Schill, meinte aber die Hamburger Abwehr.

„Ridley, können wir uns vielleicht vertagen?“

Dembowski schmiss die Jukebox wieder an und sang:

„Ich schau lieber auf die Flammen. Bevor ich runterguck. Diamanten entstehen unter Druck. Gewachsen auf Beton!“


Hagenberg-Scholz hatte die Gunst der Stunde genutzt. Er war weg. Ohne zu kassieren. Er war stolz.

„Dembowski, jetzt mach diesen Mist aus. George ertrag ich nicht mehr. Der wollte neulich…Ach, Mist.“

Caliguri legte nach. Hamburg war ohne Chance.

Wenige Stunden später war Ferundula zurück auf seinem Hausboot. Er überdachte seinen Plan. Aber ohne Dembowski kein Klopp. Ohne Klopp war auch nicht so gut. Er würde am Ball bleiben, beschloss er.

Als er Dembowski am Montag erreichte, war dieser gerade auf dem alten Flakbunker am Gesundbrunnen.

„Es ist immer Krieg“, sagte der Ermittler am Telefon.

 „Deswegen muss man ihn immer gewinnen.“

Er rief bei einer Dortmunder Zeitung an.

„Schon gehört? Zorc hat die Kabine übernommen. Klopp hat sie verloren. Risse. Ich sehe Risse.“

die nummer 7