Draußen der Novemberregen, der Verkehr auf der Wollankstraße, die Trauergesellschaften in der Friedhofskneipe und ich mittendrin. Ich hatte kein großes Interesse an einer Rückkehr in den Oderbruch, Dörte hatte sich noch ein Lama angeschafft, mir am Telefon erzählt, dass sie diese jetzt immer durch den Ort spazieren führte und alles wirklich toll sei. „Die sehen aus wie frischgeschlüpfte Eichhörnchenbabys!“ Ich glaubte ihr kein Wort, es waren immer noch Lamas.

Ich hatte aber auch kein großes Interesse an meiner Bude. Die Dinosaur-Platte war toll, aber nachdem ich meine Fälle geordnet hatte, kam ich schlecht drauf. Eigentlich hatte ich sie in gute und in schlechte Fälle unterteilen wollen. Recht schnell aber war mir klar geworden, dass ich überhaupt keine Fälle hatte. Ich machte mir ein Kindl (was für eine Plörre!) auf, setzte mich an den Computer und entwickelte schnell eine Visitenkarte.

Bei Anruf: Dembowski! 
Ich löse jeden Fall – schnell und zuverlässig

Auf in den Copyshop Ecke Soldiner. Neben mir stürmte die Polizei einen Kiosk, der einarmige Besitzer und seine Kollegen standen mit dem Rücken zur Wand. Mir blieb keine Zeit, das Spektakel zu beobachten. Irgendwie würden sie auch den Einarmigen dingfest machen, das war mir klar. Langsam wurde es dunkel. Der Verkehr staute sich die Wollank hoch. Am Ersatz-, Liefer- und Berufsverkehr vorbei schlenderte ich in Richtung Friedhofskneipe. Ich genehmigte mir ein paar Schnäpse. Und irgendwann unterhielt ich mich mit dem letzten Gast. Ich skizzierte den Fall der Stadionsicherheit. Und der Kollege machte mir ordentlich Dampf. „Ick hab dit ma bei Kerner jesehen. Nüschts is sicher. Man verbrennt im Stadion.“ Ich hielt ihm die Oktoberfestfakten entgegen, die ich nach langer Ablehnung zumindest in Gesprächen mit Trinkern in Friedhofskneipen für tragfähig hielt. Doch er wollte davon nichts hören. Er blieb bei seiner Meinung, er habe davon in Zeitungen gelesen, und wenn er auch nichts ins Stadion gehen würde, so habe er dafür auch einen triftigen Grund: die Gewalt! „Dit is die Taliban! Und dit is dreckig“ Noch einmal tischte ich ihm die Fakten auf, langsam waren diese schnapsgeschwängert und nicht einmal mehr in Friedhofskneipen brauchbar. Er umarmte mich. „Die Mehrheit will das gar nicht hören, Dembowski! Die Mehrheit will Ärger. Dit is wie mit den Kriegen. Kuckste Nachrichten, willste doch Krieg und Blut sehen. Solang dit mich nüscht betrifft, ist dit doch urst schau.“ Mich aber betraf das und ich war nicht mitten im Krieg. Als ich über die Straße nach Hause torkelte hatte der Verkehr sich längst aufgelöst. Den Aufruf im Netz hatten da bereits weit über 10.000 Menschen unterschrieben. Zur Fankonferenz hatten sie mich nicht eingeladen. Ich brauchte dringend einen neuen Fall und Borussia einen Sieg gegen Stuttgart. Denn darum ging es am Ende auch noch. 
die mehrheit will das gar nicht hören, dembowski