Am nächsten Morgen fühlte ich meine Machtlosigkeit. Meine Schläfen dröhnten, meine Rippen waren geprellt, wenn nicht sogar angebrochen. Genaueres konnte ich nicht feststellen. Mein Körper, das sah ich wohl, war ziemlich mitgenommen.

Was genau passiert war, konnte ich nicht mehr sagen. Da war die Kneipe, dann das Oldie-Eck und später sah ich mich, wie ich von grauen Männern die Soldiner entlang in Richtung Prinzenallee gezerrt und dann in etwa Höhe Panke meinem Schicksal überlassen wurde.

Ich musste mich noch einmal aufgerafft haben und war, denn sonst wäre ich nicht dort aufgewacht, irgendwie in meine Wohnung zurückgekehrt. Doch darüber lag der Schleier der Nacht, der hin und wieder von den Blitzen der grauen Männer durchzuckt wurde.

Ich schmiss ein paar Tabletten, zündete mir eine Ernte an. Im Kühlschrank fand ich noch zwei Flaschen Kronen, die ich fein säuberlich auf den Küchentisch drapierte. Ich legte die Charlatans auf. Here comes a soul saver on your record player, doch war wenig Seele, die noch zu retten war, in mir geblieben.

So schleppte ich mich mühsam durch den Nachmittag und als es irgendwann dunkel wurde, wollte ich die Angst besiegen. Natürlich schmerzten die Rippen bei jeder Bewegung, natürlich wußte ich nicht, woher die grauen Männer kamen und wieso sie kamen. Sie waren dort gewesen, das stand außer Frage, und wenn ich mich auch sonst kaum an etwas erinnerte, so mussten sie dort auf mich gewartet haben.

Auf den Straßen des Bezirks war mittlerweile der Wahlkampf ausgebrochen. An allen Bäumen hingen die Politiker, wenn auch nur auf Plakaten. Ich beobachte eine Dogge, die erst interessiert auf einen der Bäume zulief, dann ihr Bein hob, und wieder in der Nacht verschwand. Ich verschwand nicht. Und spazierte erst unter der Brücke in den Osten, bog dann nach rechts in die Brehmestraße, und wenig später auf das Nasse Dreieck ein.

Im hinteren Bereich des Brachlands fand ich ein paar Mauerreste, die vor genau 52 Jahren zum ersten Mal die Welt in Ost und West getrennt hatten, und ließ mich auf ihnen nieder. In Richtung Süden sah ich den ewigen Fernsehturm, das Leutchen der Bornholmer Straße. Nur wenige Meter vor mir rauschten die S-Bahnen mit ihrer allabendlichen Ladung Pendler stadtauswärts. In Richtung Norden sah ich die Baukränen Pankows und über mir setzten die Flieger zur Landung auf Tegel an. Es war ein Ort der vollkommenen Ruhe, es war eine Flucht vor den grauen Männern, die, so hoffte ich, mich nicht in der Natur, sondern immer nur in den Eckkneipen suchen würden.

Am Himmel zeichneten sich die ersten Sterne ab. Die Welt drehte sich immer weiter. Egal, was mir passieren würde. Egal, was den Pendlern in den Bahnen passieren würde. Egal, was den grauen Männern passieren würde. Nichts konnte sie jemals aufhalten.

die machtlosigkeit