„Dembowski, es wird Zeit zu gehen!“ Tomasz schaut von seinen Monitoren auf und deutet in Richtung Stahltür. Es sind die ersten Worte, die auch als Satz funktionieren, die ich von ihm hier unten vernehmen durfte. War es das jetzt endlich, denke ich und antworte: „Ausbildung abgeschlossen?“ „Wir haben noch eine letzte Aufgabe für Dich, es ist ein kleiner Brief, ein Gefallen, eine Antwort, die uns durchgegangen ist. Eine einfache Auseinandersetzung. Schlichte…“, mischt sich Piotr ein, doch ich bin mit den Gedanken längst weg aus dem Unterwasseraquarium. Es nützt nichts, Piotr redet und redet und Tomasz sitzt da und hat nie nur ein Wort gesagt, denke ich und höre Piotr bei seinem Monolog zu. Er legt mir ein Stück Papier vor, vierfach geknickt. Fein säuberlich, handschriftlich. Es handele sich hier um eine Eingabe an eine andere Station, versucht er mir zu erklären. Dort hätte man immer noch Probleme, und es seien immer nur hausgemachte Probleme gewesen, vergewissert mir Piotr, die weit in die Vergangenheit zurückreichen.

„Wir können sie nicht ausschalten, ihr Wissen und ihre Beobachtungsgabe ist nicht von dieser Welt. Leider sind sie Pedanten. Auf dieser Station mit ihren angeschlossen Mietwohnungen, diese Station ist geschichtsbedingt die einzige ihrer Art, die einzige Station, die durch ihre Größe nur auf Mietwohnungen zurückgreifen kann und es ihr zu fast jeder Zeit auch zum Vorteil gereicht und die durch ihre Größe besondere Aufgaben und Simulationen übernehmen kann, gab es, naturgemäß nur in Ansätzen und niemals nur annähernd systemgefährdend, Anfang des Jahres eine bedrohliche Auseinandersetzung. Hier!“ Er reicht mir einen Brief.

Werte Frau Bader,

wäre es vielleicht möglich, Ihre großen Kartons etwas kleiner zu machen. Es gibt auch andere Mieter, die Ihr Papier entsorgen wollen. Macht das jeder Mieter ist der Container ewig voll. 

Mit freundl. Grüße ein Mietmieter,

der seine Kartons immer klein macht, im Sinne von allen Mietern! 

28.01.2011

Ich stutze, aber Piotr erklärt mir bereits die Feinheiten des Stations-Mietsystem, mit all seinen vertrackten Vertragsklauseln und äußerst komplizierten Arbeitsabläufen. „Ich erwarte von Dir nicht mehr, als eine allumfassende Antwort, die diese äußerst gefährliche, noch schwellende, bald aber sicher aus dem Ruder laufende und die Station in ihren Grundfesten – die nun einmal zum Großteil auf dem Stations-Mietsystem beruhen, durch die Größe der Station wären alle anderen Versuche, eine funktionierende Gemeinschaft aufzubauen, zu jeder Zeit nur dem Untergang geweiht und würden in der Folge mit größter Wahrscheinlichkeit sogar zum Untergang der Konstrukteure führen,  und somit handelt es sich, das kann man ohne Übertreibung so sagen, um eine die gesamte Konstrukteurs-Welt in ihren Grundfesten erschütternde Streitigkeit – gefährdende Auseinandersetzung auflösen kann. Es ist die Königsaufgabe, die Abschlußprüfung. Dein Weg zum Big Boss. Antworte einfach, Du packst das, Dembowski“

Ich muss es packen und setze mich dran, nehme das Schreiben auseinander. Analysiere anhand der mir zur Verfügung gestellten Unterlagen über das Mietrecht der Station das genaue Probleme und antworte.

Holder Mietmieter

Bezugnehmend auf Ihre ausnehmend freundliche Eingabe vom 28.Januar d.J. möchte ich Ihnen folgende Antwort übermitteln. 

Auch ich habe meine Beobachtungen gemacht. Die Kartonberge vor meiner Tür werden nicht kleiner. Trotz der von Ihnen vorgeschlagenen Vorgehensweise – der Verkleinerung der größeren Kartonage – änderte sich an dieser Tatsache nichts. 

Neben einem ewig vollen Container stehe ich nun auch vor einem ewig vollen Flur. In Zukunft werde ich meine Kartons wieder selbst entsorgen. In schweren, die Existenz unserer Welt gefährdenden Zeiten, müssen wir zusammenhalten und Aufgaben außerhalb unseres eigentlichen Spektrums übernehmen. 

Werter Mietmieter, betrachteten sie die Angelegenheit als erledigt. Verbindenden Dank für Ihre Eingabe. 

Mit solidar. Grüßen

Bader

„Nicht schlecht, Dembowski. Gar nicht schlecht, Dembowski. Ein wenig müssen wir an der Antwort noch feilen, aber ja, so in etwa hatte ich mir das vorgestellt. Wir werden sehen.“ Piotr verschwindet im Aufenthaltsraum. In der Station spielen sie heute „If I Could Talk I Tell You“, Tomasz zwinkert mir mit den Augen zu.

die letzte aufgabe