Der letzte Tag im Kiez. Im letzten Jahr die Reise in eine neue Zukunft. Was würde mich in diesem Jahr erwarten. Ohne Erwartungen und doch waren es die aufregendsten Stunden des Jahres. Noch einmal im Oldie-Eck sitzen, bei 31° im Schatten das Bier durchlaufen lassen, dem Treiben auf der Ecke zuschauen. Der Mord blieb das große Thema hier und jeder brachte neue Theorien ein. „Krasse Sache, ging um Geld“, und jemand widersprach „die haben wegen Liebe Probleme!“ Die hatte ich auch. Sybille hatte sich mal wieder gemeldet. Nicht nur dass sie mich betrogen hatte, sie ließ mich immer noch nicht in Ruhe. „Dembowski! Ein Russe fragt nach Dir. Krachmachnoff, oder so!“ Sie war noch immer in der Ranch und es verwunderte mich nicht, dass es auch Komaroff dorthin gespült hatte. Verlorene Menschen landen in Reinickendorf. Wie glücklich ich im Wedding war.

Sybille konnte mich mal und Komaroff ohnehin. Ich war auf dem Weg zum größten Abenteuer des Jahres und schon gut blau. Ich saß noch ein paar Stunden vor dem Eck. Manchmal schoss ein Einsatzwagen von der Osloer kommend um die Ecke. Auf der Soldiner war immer was los. Sie würde sich nie verändern, sie würde immer die selbe sein. Und so würde mein Verschwinden nicht weiter stören. Bei meiner Rückkehr würden sie hier an der Ecke sitzen, der Griechische Wein aus der Kneipe tönen und sie würden fragen: „Und Dembo, ne Schulle oder doch nen Berliner?“ Die Soldiner war mein Lebensretter, meine Konstante, die ich mir immer erwünscht hatte. Sie hatte mich mit ihrem Schmutz und ihrer rauen Schulter magisch angezogen und war im Grunde der Ort, nachdem ich mich ein Leben lang gesehnt hatte.

Die sich um den Kiez rankenden Legenden konnten mir nichts ausmachen. War man einmal drin, störte das alles nicht mehr. Die Jugendlichen auf der Straße hielten entweder respektvollen Abstand und schützten ihre Hood oder aber sie bombardierten mich mit Fragen. Wie es ist, Ermittler zu sein, musste ich ihnen beantworten und wie Nerlinger denn so privat ist. Sie hatten eine komplette überhöhte Vorstellung von mir und diese wollte ich ihnen nicht rauben. Sie nahmen mich, den zerschunden, depressiven, erfolglosen Ermittler zum Vorbild und das war natürlich nicht übel. Was hatten sie für Optionen? Drogen verticken? Leute abziehen? Fußballprofi werden. Doch der Glanz Boatengs war längst verblasst. Sein Aufwachsen hier war längst Teil der großen Legende geworden. Nur noch die Alten erzählten die Geschichte vom kleinen Kevin-Prince, der sich von der Soldiner bis zum AC Mailand gekämpft hatte. Natürlich gelang es mir dann auch mit der Wolfsburg-Episode zu glänzen. Wie Kevin in den Mann sprang und nie wieder in Deutschland spielte. Er war das größte Talent seiner Generation. Doch niemand hatte das gesehen.

Ich aber musste jetzt sehen, dass ich noch den Absprung schaffte. Der Zug würde mich schon um 6.28 Uhr nach Stettin bringen. Umsteigen in Angermünde und dann sehen, wann und wie Piotr auftauchen würde. Ich hatte meine nächsten Woche komplett in seine Hände gelegt und ein wenig graute mir es davor. Auf der anderen Seite hatte er mir in der letzten Sommerpause ein neues Leben und all notwendigen Skill geschenkt. Auch war ich durch ihn auf Redermann aufmerksam geworden. Das war schon ein Gang da unten in Dortmund. Zwischen Redermann, Amok und mich hatte nicht viel gepasst, und auch wenn sich die Verhältnisse geändert hatten, sie waren immer noch ein wichtiges Fundament in meinem Leben.

Mein Leben? Was war das überhaupt? Ich hatte keinen Plan. Vielleicht, dachte ich, würde Piotr mir genau das zeigen. Am Donnerstag traf ich gegen 8.30 Uhr in Stettin ein. Der Bahnhof hatte sich seit dem letzten Jahr nicht verändert. Veränderungen, dachte ich, kündigen sich nie an. Sie passieren einfach und wenn sie passieren, sehen wir es doch nicht. Das Leben, mein Leben, es ging weiter. Noch ohne Piotr, der sich Zeit ließ.

die legende von kevin-prince boateng