Dembowski musste tief unter die Stadt gehen, um sein Wunder zu erleben. 


Als ich am nächsten Tag noch einmal über meinen letzten DerSamstag!-Kommentar ging, war er mir nachgerade peinlich. Diese „bringt mir den Kopf von Jürgen Klopp“-Attitüde war dreckigster Boulevard, war eine Ebene, auf die ich mich eigentlich nie hatte hinab begeben wollen, jetzt aber war ich dort unten angelangt und musste mit den Konsequenzen leben.

Das zumindest konnte ich. Konsequenzen, so mehr ich darüber nachdachte, umso mehr war mein Leben eine Abfolge aus genau diesen Momenten. Erst behauptete ich etwas, erst unternahm ich etwas, gab in der Folge voreilig meine Trümpfe aus der Hand und lebte dann genüsslich mit den Konsequenzen. Während ich mich in Richtung Zukunft bewegte, kehrte ich die Bruchstücke meiner Vergangenheit auf. Diesem Muster folgte ich nun bereits seit Jahren, mit, zugegeben, mäßigem Erfolg. Immerhin, dachte ich, ist das ein Antrieb. Immerhin, dachte ich mir Sorgen um die Konsequenzen machend, habe ich etwas gesagt.


Viel zu lange, viel zu oft waren wir Zeugen der schweigenden Mehrheit. Wir vertreten nach innen eine Meinung, dachte ich an den Plattenspieler tretend, und schweigen, sobald wir dazu befragt werden. Wir schieben gute Gründe vor und wir nehmen den leichten Weg. Wir schimpfen nach innen, dachte ich, wir sind die größten Rebellen gegen uns selbst ,gegen die Gesellschaft, gegen das System und haben doch, dachte ich jetzt die Platten auflegend, wenn es darauf ankommt, keine Meinung, die wir vertreten wollen.

Tammy, stand by the jams! Bring the beat back!

Drummond hatte sich ein Dreck um all das geschert und Drummond hatte die Fragen gestellt. Tammy sang, ich zog mich an, packte meinen Rucksack, legte ein paar Bier oben drauf und machte mich auf den langen Weg in den Süden der Stadt. Mit einmal hatte ich einen Plan. Mit einmal wußte ich, was zu tun war:

Bring the beat back! 

Durch eine Seitentür der U-Bahn-Station Berliner Straße gelangte ich in die Versorgungsgänge. Mit einem Faden markierte ich meinen Weg und begab mich tief in das immer weiter abfallende Labyrinth hinab. Über mir thronten die Rohre der Straßenheizungen, die Gänge waren spärlich ausgeleuchtet und seit einer guten halben Stunde hatte ich keinen Menschen mehr gesehen.

Hinter einer weiteren Gabelung stieß ich auf eine Bank. Ich ließ mich nieder, nahm ein Kronen aus meinem Rucksack, zündete eine Ernte an und überlegte. Ich war den ganzen langen Weg hier in das Labyrinth unter der Stadt gekommen und hatte, das musste ich mir jetzt eingestehen, keinen Plan, was ich hier zu finden glaubte. Bring the beat back! Ich versuchte, mich zu erinnern, doch im fahlen Neonlichtschein der Versorgungsanlagen fiel es mir schwer überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen.

Ich trank und mir wurde klar, dass ich trinken musste, um zu vergessen. Mir wurde klar, dass ich die nächsten Stunden nüchtern nicht durchstehen würde. Ich war unter der Stadt gefangen und mir blieben nur noch ein paar Stunden, um bis zum Pokalspiel wieder ans Tageslicht zu gelangen. Vorher aber musste ich noch einen Job erledigen. Wenn ich nur wüsste, dachte ich und versuchte verzweifelt, mich an meinen Plan zu erinnern. Es wurde nicht leichter dadurch, dass ich trank, um zu vergessen. Es war eine teuflische Abwärtsspirale, aus der ich mich irgendwie befreien musste. Trinken, um zu vergessen und mich erinnern, um mich zu retten.

Das Licht flackerte, das Licht erlosch, durch die Gänge schallte Nenas „Wunder Geschehen“. Das Leben meinte es nicht gut mit mir. Doch während Nenas Stimme einsetzte, sie „auch das Schicksal, auch die Angst kommt über Nacht“ sang und der Versorgungsgang nun mit schrecklichen Animationen ausgeleuchtet wurde und Nena sich immer weiter in ihren Pathos steigerte und ich immer tiefer in mich sackte und mich kaum mehr auf der Bank halten konnte, wurde mir schlagartig wieder klar, warum ich hier war.

Bring the beat back!

Ich war hier, um die Konsequenzen zu tragen. Ein Tag Leben wie in einem Nena-Song und trinken, um zu vergessen. Endlich wieder einen Sinn im Leben finden, sehen, dass es anderen Menschen freiwillig schlechter ging. Mit jedem Ton, mit jeder schrecklichen Zeile des Liedes reinigte sich meine Seele, mi jeder Wiederholung des sich in einer Endlosschleife befindenden Liedes, mit jeder Projektion sämtlicher dazu verfügbaren yotubue-Videos wurde ich betrunkener, wurde ich freier, wurde ich sauberer. Ich muss, dachte ich mich an der Bank festhaltend, in den Keller hinabsteigen, um mich zu retten. Ich muss die Konsequenzen für mein Handeln tragen. Ich muss, dachte ich langsam mein Bewusstsein verlieren, wieder ans Tageslicht.

Als ich aufwachte, war die Beleuchtung wieder an. Den dünnen Faden entlang kroch ich über Stunden in Richtung Ausgang. Irgendwann gelang es mir aufzustehen, zu rennen, die Tür zu finden. Ich rannte die Rolltreppe hoch und sah das erste Tageslicht des 27.02.2013. Ich war befreit. Und der 27.02.2013 schickte sich an, ein außerordentlicher Tag zu werden.

die konsequenzen tragen