Als die Dortmunder-Saison innerhalb von nur zwanzig Minuten endgültig zusammenbrach, nahm Schill Dembowski in den Arm. „Es ist nur ein Spiel, und Du nur der Beobachter“, sagte er und doch drangen die Worte nicht durch.

2-0 zur Halbzeit. Eine klare Geschichte in Ostwestfalen. Hätte man sagen können. Aber dann kollabierte der BVB, und eine ganze Ära schickte sich an, endgültig ihren Platz in den Geschichtsbüchern zu finden. Sie war nun abgeschlossen. Die Klopp-Jahre rasten auf ihr Ende zu. Das spürte Dembowski. Das sah Schill ihm an. Sie waren mit Vollgasveranstaltungen aufgebrochen, sie waren die Young Guns, und sie waren das heißeste Team Europas. Die Welt lag ihnen zu Füßen. Dachten sie. Und rieben sich auf. Und scheiterten an ihren eigenen Erwartungen.

Es war kein überraschender Absturz. Bereits im März 2012 hatte der BVB das Ende der Unschuld eingeläutet. Als die Dortmunder noch Richtung Double stürmten, mussten sie die Weichen für die Zukunft stellen, dabei aber auch das Ende vom Anfang herbeirufen. Damals hatte Götze verlängert, und Reus stand kurz vor seiner Dortmund-Rückkehr.

„Da habe ich zum ersten Mal Angst bekommen. Wir haben das sichere Ufer verlassen, und uns auf den Zweikampf auf offener See eingelassen“, erzählte Dembowski in den Armen von Schill liegend. „Obwohl wir schon einmal an ihnen zerschellt waren, sind wir direkt auf die so drohenden Klippen Großmannssucht und Größenwahn zugeschippert, dahinter standen sie und lauerten.“

Sie, das waren die Bayern, die nur ein Jahr später Götze für 37 Millionen Euro verpflichtet hatten. Die Legende wollte es nun so, dass dies eben die Bedingungen waren und die Geschichte zeigte, dass der BVB mit Götze im Champions-League-Finale stand. Und sich, wieder ein Jahr später, mit Lewandowski für die Champions League qualifiziert hatte. Jetzt jedoch zahlten die Dortmunder den Preis. Und dieser war verdammt hoch. 

„Vielleicht hätte Borussia den Leuchtturm näher am Hafen bauen sollen?“ fragte Dembowski laut. Und antwortete: „Wie denn? Sie mussten so handeln“

Fußball war ein überhitztes Geschäft und niemand zog sich freiwillig zurück, niemand trat beiseite und sicherte sein Gebiet frühzeitig. Es gab nur ein Weg und der musste an der Spitze enden. Natürlich war Spitze nicht gleichbedeutend mit Meisterschaft, und Vereinsfunktionäre sprachen meist über das Lauern auf die Fehler, über das Ergreifen der Chance in genau diesem Moment. „Dann müssen wir da sein“, sagten sie und meinten „wir sind ein logischer Kandidat für einen der Champions-League-Plätze.“

Mit großer Bewunderung hatte der Rest Deutschlands, und mit noch viel größerer Bewunderung hatte Europa das Dortmunder Märchen verfolgt. Doch das war nicht mehr als eine kurze Rückkehr der alten Fußball-Romantik gewesen, die sich noch einmal erhoben hatte, und der mit dem Doublegewinn 2012 die Luft ausgegangen war. Die jetzt endgültig gescheitert war, niemals zurückkommen würde. 


„Es ist das Ende der Unschuld! Es ist das Ende der immerhin fast zwei Spielzeiten dauernden Vorstellung von der Aushebelung der Naturgesetze! Erst war die Spielfreude, dann waren die Vollgasveranstaltungen und dann kam das Geld! Es verändert den Blickwinkel. Das Ende der Unschuld! Der Zwang, um Titel mitzuspielen. Es sind gute Nachrichten, die der Verein da verkündet. Es sind aber vor allen Dingen Nachrichten, die nachdenklich stimmen. Der Verein geht den Weg konsequent weiter. Er darf jedoch niemals den März 2005 vergessen!“


Natürlich, so schränkte Dembowski ein, hatte Borussia Dortmund das Jahr 2005 nicht vergessen, und natürlich war der Verein in den Jahren nach 2012 noch einmal einen großen Schritt gegangen. Er war jetzt schuldenfrei, aber nicht länger frei in seinen Entscheidungen.

Getrieben von der aggressiven Transferpolitik der Bayern, der Vision des zweiten Leuchtturms, und der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs waren sie in eine Falle geraten, aus der sich kaum noch befreien konnten. Der Verein kämpfte an zu vielen Fronten, wie in der sportlichen Krise nun offensichtlich wurde.

„Wir lassen uns von den immerwährenden Transfergerüchten treiben. Sahin, Kagawa, Götze, Lewandowski, Gündogan, Hummels, Reus und jetzt auch noch Klopp. Der das auch noch befeuert. Wir lachen und machen uns trotzdem Sorgen. Denn wir sind zu oft enttäuscht worden, und wir wissen, wie sich Verluste anfühlen“, versuchte Dembowski eine Erklärung. Der krisenerprobte HSV-Fan Schill hatte ihn drum gebeten.

„Und so sehr sich die Spieler hinstellen, und behaupten, sich davon nicht beeinflussen zu lassen, so sehr schmerzt es uns doch, dass sie sich am Ende immer gegen den BVB entschieden haben. Der Verein hat auch keine Lösung. Die Wiederbelebungsversuche der Romantik sind bei Sahin schon gescheitert, und waren spätestens bei Kagawa rein geschäftlicher Natur. Der Wechsel war in erster Linie ein Marketinginstrument. Aber, und da komme ich nun einem weiteren Punkt, das wollte niemand registrieren.

Eine Verblendung. Nur eine weitere Verblendung. Dazu wurden reihenweise Spieler aus anderen Ligen verpflichtet, und dazu drehte sie den Mythos weiter. Beim BVB braucht jeder Spieler mindestens ein Jahr. Erst dann ist er angekommen. Ich kann es nicht mehr hören. Wieder eine dieser Geschichten, fast schon auf einer Stufe mit der Echten Liebe, die es so nur in Dortmund gibt.“

„Aber ihr verkauft euch in der Krise doch recht anständig!“

„Die Bremer unter Schaaf auch. Geholfen hat es nichts. Schau Dir doch an, was mit denen passiert ist.“

„Aber das ist doch perfekt. Bremen gehört in die zweite Liga. Haben die schon immer gehört.“

„Sie waren jedoch einmal oben dran, und sie haben ihren Patronen verfeuert, sich dabei mit jedem Schuss weiter von der Spitze entfernt. Özil und Mertesacker haben Bremen dann das Genick gebrochen.“

„Stimmt.“

Schill schob Dembowski noch ein Pils rüber. Mittlerweile hat sich Hagenberg-Scholz zu ihnen gesellt und widersprach dem Ermittler. „Es sind die Medien, die mit ihren Halbwahrheiten Unruhe in den Verein tragen. Es sind die Medien, die das Duell Borussia gegen Bayern zum German Clasico hochgejazzt haben und es sind die Medien, die das Spiel zerstört haben.“

Aber Schill und Dembowski nahmen den einsamen Rufer nicht wahr, sie waren Hagenberg-Scholz leid. „Die Medien, das Kapital, der moderne Fußball! Geh Südkurve!“ brüllte ihn Schill an und der Zugezogene trollte sich, nicht ohne den beiden Freunden ein „ihr Idioten“ und einen Mittelfinger als Erinnerung dazulassen. 

„Und dann hast Du so Typen wie Hagenberg-Scholz, die die Schuld auf äußere Faktoren laden, die wie schon vor 2005 direkt in Richtung Untergang steuern. Und jeder bekommt seine Plattform, und jeder darf etwas sagen, und jeder weiß es besser.“

„So wie Du, Dembowski! Und jetzt hör mal auf. Dein Weltschmerz ist kaum noch zu ertragen.“
„Die Klopp-Jahre zerfallen zu Staub, Schill. Ich glaube nicht mehr an eine Wende. Ich glaube auch nicht mehr daran, dass der BVB im nächsten Jahr wieder da ist. Noch einmal Champions League, noch einmal alles mitnehmen und dann werden wir verschwinden. Zurück auf Los. Aber es war gut, solange es dauerte. Es war gut. Wirklich. Ich war nie glücklicher. Aber ich habe es kommen sehen, und ich habe es nicht stoppen können. Ich habe versagt, Schill!“ 

„Die Bundesliga ist tot, Dembowski. Und nicht nur die. Akzeptiere das!“ 
die iden des märz