Ich saß dann noch lange am Westhafen. Ich schaute den Schiffen nach, die beladen in Richtung Osten und unbeladen in Richtung Westen fuhren. Hin und wieder grüßte ich einen Kapitän und manchmal grüßten sie mich zurück. Sie kannten mich mittlerweile und ich sie. In meinem Kopf sah ich Schmidt auf Ricken, Ricken unter die Latte in Endlosschleife. Der 6. Dezember, genug war über den Tag geschrieben worden, jetzt musste er sich beweisen. Über die Föhrer Brücke zur S-Bahn, auf der rechten Seite erhob sich der alte BeHaLa-Speicher, auf der anderen Seite in weiter Ferne sah ich den Hauptbahnhof. Noch 30 Minuten. Auf nach Kreuzberg.

Unten in der Bar tummelten sie sich wieder, aus allen Stadteilen waren sie gekommen. Manch einer rechnete laut, andere wollten nur den Sieg und auf den Treppenstufen philosophierte jemand über vergangene Europapokalschlachten. Wie sich Menschen finden, abseits des Lebens eine Familie gründen, nicht mehr loslassen können. Ich hatte mit diesen Menschen jetzt bereits mehr Zeit verbracht, als ich mir jemals hätte erträumen können. Sie kannten meine Geschichte, raunten „der Ermittler ist wieder da“, begrüßten mich mit Respekt. Auch sie hatten den Weg in mein Herz gefunden, doch ihre Geschichte war mir unbekannt, sie war nicht wichtig. Sie waren jetzt Teil meines Lebens, mehr musste ich nicht wissen.

Redermann meldete sich: „Werde sie zum Sieg schreiben. Ernst“. Wenn das sein Plan war, Respekt! Ich fand einen Platz, machte mir gleich zwei Kronen auf und sah innerhalb der ersten halben Stunde dann auch gleich zwei Tore. Wie jeder. Doch noch vor dem 2-0 flogen alle Hoffnungen auf ein Weiterkommen mit den Stollen von Mbia direkt in unsere Fresse. Wie in den vergangenen CL-Spielen hatten wir wieder einen wichtigen Spieler verloren, und wieder war es nach genau einer halben Stunde. Als wenig später Götzes Rückpass nicht an Mandanda vorbei ins Tornetz gehen wollte, hatte ich bereits sämtliche Hoffnung verloren. In yer face, Kehl! In yer face, Borussia! Und Howard Webb stand da und schaute und war hinterher wahrscheinlich noch überrascht darüber, dass er hier hatte Gelb geben müssen. An der Seitenlinie diskutierte Klopp mit seinem alten Bekannten Mike Dean. Der Sevilla-Mann erklärte Klopp noch einmal den Unterschied zwischen einer Schwalbe im Mittelfeld und einem Tritt ins Gesicht.

Lange würde ich das nicht mehr aushalten. Egal, wie es in Griechenland stand und egal, dass Marseille vor der Pause noch den Anschluß herstellte. Mir war alles egal. In yer face! Ich hatte es satt. Löwe, Gündogan, da Silva. Schlüsselpositionen ohne Erfahrung. Mit Ballverlangsamungsgarantie. Und während wir also das Spiel aus der Hand gaben, die Gesichter immer länger, der Hass mal gege Arsenal, mal gegen Webb und somit eigentlich immer auf die Engländer gerichtet war, geriet ich langsam außer Kontrolle. Beim 2-2, nach dem vierten oder fünften Frustkronen, flogen die ersten Stühle in Richtung Leinwand. Das 3-2 sollte in der Bar niemand mehr zu sehen bekommen. Wir lieferten uns draußen mittlerweile eine wilde Schlägerei mit einer vorbeiziehende englischen Touristengruppe. Mit Sicherheit keine Ruhmesblatt. Noch vor dem Eintreffen der Einsatzwagen saß ich wieder in der Bahn. In der Nacht saß ich dann noch lange am Westhafen. Schiffe fuhren jetzt nicht mehr. Hin und wieder fuhren ein paar Autos am Ufer entlangen, ansonsten vernahm ich nur das Geräusch der ins Wasser eintauchenden Kronenflaschen und das Verglühen der Ernte.

die hoffnung starb mit dem kopftritt