Bevor Amok anrief, fuhr Dembowski planlos durch den Berliner Feierabendverkehr. Inmitten der Menschen fand er Ruhe. 


Ich ging dann doch wieder ins Büro. Irgendwie gefiel mir der Gedanke, meine Zeit in der Musikbranche jetzt mal ein wenig sinnvoller zu nutzen. Die Spaziergänge über die Seitenstraßen des Soldiner Kiezes in Richtung Böse Brücke, der Blick über die Stadt und die Leere des Büros taten mir gut. Sie verschafften mir die dringend benötigte Abwechslung zum Ermittleralltag. Dem Geheimnis des Punktelieferanten würde ich schon noch auf die Spur kommen.

Aus dem Oderbruch hatte sich Dörte gemeldet. Sie war aufgeregt und erzählte mir von ihrer neuen Geschäftsidee. Sie nannte es: Dial A Lama. Ich fand es gut. Mir war zwar nicht ganz klar, was sie mit einem Lamaverleih bezwecken wollte. „Jeder sollte ein Lama haben! Ohne Visa-Probleme oder ähnliche Komplikationen mit den Behörden.“ So viel Enthusiasmus, so viel Liebe für eine, zugegeben, etwas abseitige Idee. Doch nur so entstanden die großen Dinge des Lebens. „Wir haben doch ohnehin eine Farm, und die Lamas kann ich auf dem Dach transportieren. Damit kann ich eine ziemlich große Umgebung abdecken. Vielleicht kann ich auch eine Lama-Therapie anbieten?“ Ihre Begeisterung war nicht gespielt. Ich versprach ihr, sie weiterhin für voll zu nehmen. „Wir haben alle einen an der Klatsche“, sagte ich und vergewisserte ihr meine volle Unterstützung. „Du bist ja immer in Berlin. Ich brauch ein wenig Abwechslung.“

Via Mail erreichte mich eine Nachricht von Ola Flottum. „Werde in Berlin sein. Mach jetzt in Soundtracks. Pirate Bay. Berlinale. Panorama. Eröffnungsfilm!“ Einer, der es geschafft hatte, in dem Moment, in dem er sich dem normalen Rhythmus der Musikindustrie verweigert und sein eigenes Ding gemacht hatte. Wir nehmen uns zurück, bauen eine Distanz auf und laufen ohne Ziel weiter, dachte ich. Wir gehen Schritt für Schritt ins Ungewisse und nur dadurch erreichen wir das Ziel, dachte ich und blickte mich im menschenleeren Büro um. Wenn wir nur dasitzen und warten, wenn wir jede Hoffnung aufgegeben haben und verharren, uns nicht mehr in der Lage sehen, nur noch ein Stück, egal in welche Richtung zu gehen, sind wir sofort verloren. Wenn wir uns aber immer weiter bewegen, wenn wir keine Ziele mehr vor Augen haben, aber uns der Gedanke an Veränderung antreibt, dann, so dachte ich in Richtung Fenster schreitend, dann erreichen wir irgendwann ein Ziel und sind in der Tat mehr als erstaunt, wie wir es erreicht haben: Ohne Mühe und im Grunde sogar ohne Plan. Was konnte Dörte nicht alles mit ihrer Lama-Farm erreichen?

Im Teenage Kicks PR-Büro fiel es mir nicht schwer, meine Gedanken einfach abschweifen zu lassen. Ich hatte keine große Aufgabe, schrieb mechanisch ein paar Texte runter, die im digitalen Papierkorb der Redaktionen landen würden und gab mir insofern wenig Mühe, meine Sprache in irgendeiner Form auf ein höheres Niveau zu bringen. Niemand würde es lesen, niemand würde sich dafür interessieren. Sie wollten, dass wir Geschichten erzählen, Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten und ich glaubte an Mund-zu-Mund-Propaganda. Ich war hier verkehrt.

Am Nachmittag spazierte ich in Richtung Schönhauser Allee. Dick eingepackt hetzten die Passanten in die Arcaden, rannten die Stufen zur U-Bahn hoch, da ihnen niemand gesagt hatte, dass sich im Schatten der Treppe eine Rolltreppe befand. So stand ich eine halbe Stunde unter dem Hochbahnviadukt und beobachte die Alltagshektik des Winters. Die Menschen hatten noch weniger Zeit. Vielleicht ist diese Dial A Lama-Geschichte keine so schlechte Idee, dachte ich.

Nach einer ziellosen U-Bahnfahrt durch Berlin kam ich zu später Stunde zurück in die Wohnung. Ich war nun bereits seit zwei Tagen trocken, was ich von Amok nicht behaupten konnte. Gerade als ich es mir mit dem neuen Dr.John-Album gemütlich machen wollte, erreichte mich ein aufgeregter Anruf.

„Amok hier, Du wirst nicht glauben, was mir gerade passiert ist. War in der Bahn zwischen Düsseldorf und Koblenz, frag nicht wieso. Wollte auf jeden Fall in Köln raus, zwei Taschen und dann war da dieser Laptop. Dachte, Du hättest den vergessen. Die Tür in Köln war zu. Ich in Bonn raus. Den Bahnhof da kennst. Alles verwirrend. Nen Pils auf den Schock. Gar nicht so einfach da, aber gab es dann. Computer auf. Und was finde ich da. Unterlagen, die beweisen, dass einem Dortmunder Champions League Sieger von 1997 die Kniescheiben fehlen, ist voll auf Schmerzmittel. Röntgenbilder sehen aus wie Mammutknochen. Der Erfolg steht ihm quasi ins Gesicht geschrieben. Ich natürlich erstaunt. Klick mich noch ein wenig durch die Dateien. Da finde ich Einzelheiten zum Sahin-Deal. Das ist auch so eine Nummer, schick ich Dir zu.“

Amok legte auf, ich setzte mich aufs Sofa, hörte Dr.John und fragte mich, was das jetzt schon wieder war. Ich trank weiter nur Tee.

die geschundenen knie des champions league siegers von 1997