Vor langer Zeit als ich noch regelmäßig auf die Rennbahn ging und mir nicht nur in meinen Träumen ein Bukowski-Leben ausmalte, spielte sich die nun folgende Geschichte ab:

Es muss in etwa die Zeit gewesen sein, in der Bill Drummond mit The KLF noch nicht vollkommen abgedreht war und die internationale Musikszene aufmischte. Ich erinnere mich noch an Justified & Ancient mit der göttlichen Tammy Wynette, Jahre später erzählte Drummond die Geschichte in 45. The White Room hörte ich damals rauf und runter. Irgendwas passierte mit mir und doch hing ich meiner Phantasie mit Bukowski auf der Rennbahn. Den Eintritt auf die Dortmunder Rennbahn konnte ich mir nicht leisten. Mit einem Freund sprang ich während des ersten Rennens über den Zaun. Erst der mit Bier gefüllte Rucksack und wenn die Pferde auf die Zielgerade eingebogen, an uns vorbei und die Köpfe auf den Tribünen sich in Richtung Zielbogen drehten, folgten wir mit einem kurzen Sprung. Wir begaben uns dann sofort an Zaun, rissen die Arme in die Luft und feierten unseren vermeintlichen Gewinn mit einem Kronen Ex.

In der Halle hingen Potofski und Hansch rum. Sie waren auf der Rennbahn zuhause und vermittelten uns noch viel mehr das Gefühl in der großen Welt des Rennsports angekommen zu sein. „Rennen 3, Sieg: Vaslav Nijinski, Schiergen macht das wieder klar!“ Hansch hatte immer einen guten Riecher und Potofski sahen wir, so später der Renntag wurde, meist nur noch an den Toiletten. Was nicht unbedingt an Potofski, sondern eher an uns lag. Manchmal schnappten wir von einem der Rentner einen guten Tipp auf und manchmal, an guten Tagen, gelang es uns mit Trunkheit und Gewinnen im Gepäck wieder durch den Rabensmorgen hin zur S-Bahn zu schlendern. Wir schmissen uns dann die Namen zu „Schiergen, Tylicki, Suborics, Starke, Helfenbein“. Meist entschieden wir uns für die Jockeys, die Besitzer würden ihre Pferde schon entsprechend besetzen. Die Rennbahn war unser Leben, die Rentner unsere Freunde und Tippgeber, mit den Frauen in der Wettannahme verabredeten wir uns für die Woche und irgendwann waren wir mitten drin im Rennbahngeschäft. Wir kauften uns die Jahrbücher, wir freuten uns über Adi Furler und wenn mal kein Rennen war, hingen wir bei Schickle in der Stadt rum und wetteten auf Rennen in England, den Staaten oder der Winterbahn in Krefeld.

Wir hingen also auf der Rennbahn rum und unserm Traum nach. Wir wollten nicht nur wie Bukowski sein, denn schnell hatten wir raus, dass der Suff und seine Folgen nicht unbedingt Zukunft hatten und die Postboten, die wir kannten, waren im Deutschland der frühen 90er nun auch keine Vorbilder mehr. Aber das Renngeschäft, die Tristesse des zu kalten Kakaos zu Mettbrötchen und unterkühlten Wetthallen voller zugerauchter Aschenbecher, das konnten wir uns schon vorstellen. Einmal bot sich die Gelegenheit. Für eine Dreierwette hatte die Rennbahn nicht nur die üblichen Quoten ausgelobt, als Sonderprämie gab es zwei Rennpferde. Der 2-jährige Wallach Pukki und den 3-jährigen Hengst Mukki. Zwei Rennpferde! Die Woche zuvor studierten wir zum ersten Mal die Galoppzeitschriften, wir gingen die Stammbäume der Pferde durch und holten bereits unverbindlich Angebote von verschiedenen Trainern ein. Einen Stallplatz würden wir uns auf der Rennbahn in Dortmund schon sicher können.

Am Sonntag war Renntag. Wir kletterten nicht über den Zaun, wir wollten nichts riskieren und zahlten die 5 DM Eintritt. Mukki war für meinen Freund bestimmt, Pukki hingegen würde nach einem Jahr Training die Rennbahnen der Republik rocken. Andrasch Starke, so mein Plan, wäre der Jockey meiner Wahl. Ich sah mich bereits in Hongkong in der Loge sitzend. Mit Pukki, das war mir klar, würde sich die Welt ein Stück weit anders drehen. Allein der Name klang nach großer Welt. Entfernt erinnerte mich der Name an eine alte finnische Scheibe, die mir in einem meiner Skandinavien-Urlaube in die Hände gefallen war. Nordische Kühle gepaart mit Dortmunder Gewissenhaftigkeit, eine gewinnbringende Kombination. Das 8.Rennen des Tages kam, wir platzierten gleich zehn Dreierwetten und brachten auch ein paar Kombinationen an. Was waren schon 50 DM gegen zwei Rennpferde. Uns stand die Welt offen. Mukki und Pukki würden es richten. Auf Platz 3 hatten wir das Pferd mit den BVB-Farben. Im Zielbogen lag es noch aussichtsreich im Rennen, doch dann stürzte es und wurde noch an Ort und Stelle vom Rennarzt ins Jenseits befördert. Mukki und Pukki fielen Besitzern aus Gelsenkirchen in die Hände. Man hörte nie wieder von ihnen.

die geschichte von mukki und pukki