Wie die Tageszeiten Dich ändern. Hatte ich am Nachmittag noch schlechte Laune, war müde und wollte nicht mehr, durfte der Triumph des Unwetters durchaus zu den schöneren Dingen der letzten Tage gezählt werden. Endlich reinigte sich die Luft, endlich bekam ich den Ernte-Gestank, der mir in letzter Zeit doch schwer in der Nase liegt, aus meiner Erdgeschosswohnung. Ich stoßlüftete und zog schnell die Rollos runter. Darauf eine Ernte dachte ich, stöberte ein wenig im Untergeher und fand mich irgendwann gebannt von der Tristesse der lanzschen Diskussionkultur vor dem TV wieder. Blüm, Busse, Roche redeten übers Blasen und Finanzblasen. Gute Unterhaltung! Sehr gute Unterhaltung, merkte ich in meinem TV-Tagebuch an, dessen Seiten in den letzten Monaten nur noch spärlich gefüllt waren.

Dann wachte ich auf, das Morgenmagazin lief bereits und irgendwo war gerade wieder eine Börse implodiert. Zum Glück habe ich kein Geld für diese Märkte, ich stecke alles in die Ernte, in die Kneipe und in Wentrauds Trinkhalle, dachte ich. Mir blieb nichts übrig, meine letzten Klamotten hatte ich im vergangen Jahrzehnt gekauft, mein Anzug war mittlerweile von allerlei Motten zerlöchert und doch immer noch mein bestes Stück. Zeit für einen neuen Auftrag, Zeit für eine echte Aufgabe, dachte ich im Bett liegend und irgendeinem Experten lauschend. Doch die Aufträge auf dem Tisch langweilten mich nur, die Aufträge rund um den Verein waren in letzter Zeit immer seltsamer geworden. Ich bin in der Sackgasse angekommen, endgültig, dachte ich, stand auf, zog meinen zerlöcherten Anzug an, ging einmal mit dem Lappen über meine Schuhe und machte mich auf in die Vororte. An der Tür schnappte ich mir noch meinen iPod, stellte ihn auf Shuffle und hoffte.

Mit der U 47 raus aus der Stadt, durch den Wald und über die Felder in Richtung Golfplatz, von dort durch den Ruhrgebietsspeckgürtel. Die Musik auf dem iPod konnte mich nicht packen, die Natur machte mich weiter fertig. In schwachen Momenten zog es mich zu ihr und doch wollte sie mich mit ihrer Friedfertigkeit nur vernichten. Über Bövinghausen türmten sich die stillgelegten Fördertürme auf, hin und wieder kamen ein paar Spaziergänger an mir vorbei. Ich machte kehrt. Ich hielt es hier nicht länger aus. Auf dem iPod klagte Neal Casal. Free Light Of Day. Immer noch eines seiner besten Lieder, dachte ich und drehte den iPod ein wenig lauter. Mittlerweile beschritt ich eine Kopfsteinpflasterstraße. Es ging bergan, mein Blick richtete sich auf die Erde. Die ersten Kastanien des Jahres, zerbrechlich und frisch in ihrer Hülle. Vom Unwetter auf die Erde geschleudert und zerstört. Zerbrechlich jung sahen sie aus. Normalerweise war die erste Kastanie des Jahres ein Fall für meine Brusttasche. Nah am Herz überlebten sie die Jahre und gaben mir Ruhe. Doch diese hier waren zu unschuldig aus dem Leben gerissen. Ich ging weiter, der Gedanke schmerzte mich, ich war ein Wrack. Freitags. Was würde der Samstag bringen?

die ersten kastanien des jahres