Ich war der 1.FC Köln unter den Ermittlern. Errang ich nach langer Zeit mal wieder einen Sieg, wähnte ich mich in der Champions League. Verlor ich jedoch, was mir meist und unter den größten Anstrengungen gelang, stand ich vor dem Scherbenhaufen. Dachte dies und dachte das. Machte andere Personen, andere Institutionen, und immer auch die Umstände für meinen Niedergang verantwortlich. Meinen letzten Titel hatte ich 2001 errungen. Hin und wieder schaute ich mir die Plakette im Regal an. Ermittler des Jahres 2001. Eine metallene Nichtigkeit. Mit Bronze überzogen, to make me feel better.
Fantastisch, superfantastisch, ich ess Lachsfisch. Oder wie auch immer dieser damals noch frische Franz Ferdinand-Song ging. Mir aber heute überhaupt nicht. Schwankend. Zwischen dem Verlust der Wut und dem Verlust der Kraft. Himmelhochjauzend zu Tode betrübt. Ein anderer Hit ein anderen vergessenen Band.
Nieder mit den Umständen, waren auch die ersten umstürzlerischen Gedanken, die mir an diesem Tag kamen. Draußen hatte Tauwetter eingesetzt und während ich am Fenster die Eisflächenausrutscher beobachtet, GUZ mit den Aeronauten zurückgekehrt war und sich Too Big To Fail auf die Fahnen geschrieben hatte – eine Idee wohlgemerkt, die ich bereits vor längerer Zeit geäußert hatte – passierte in meinem Kopf mal wieder nichts.
Es liegt ein Grauschleier über dieser Stadt. Ausgehend vom Kopf eines stadbekannten Ermittlers. Umfahren Sie das Gebiet des Soldiner Kiezes großflächig. Im Bereich der Koloniestraße ist mit Blitznebel zu rechnen. Bewahren Sie Ruhe. Fahren Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen. Hier gab es nichts zu sehen. Es ist wie ein Autounfall, sagen Sie? Sie können nicht wegschauen? Schalten Sie doch einfach mal wieder Ihren Fernseher ein. Die Nordschleife des Lebens. Wird Scripted Reality genannt. Besser als jede Ermittler-Reality! Too Big To Fail. Stürmt das Schloß. Dort sitzen die Anderen.
Etwas musste sich ändern. Mal wieder. Ich war es langsam leid. An einem Tag hatte sich die Welt verändert und nach dem Aufwachen war sie noch dunkler, noch drohender, noch gefährlicher geworden. Die Welt ist das Problem, nicht der Ermittler, dachte ich, mich in den wenigen lichten Momenten in meiner Schwermut windend. This is how it feels to be lonely! In Wirklichkeit aber war ich das Problem. This is how it feels to be small. Die Welt konnte ohne mich, ich jedoch nicht ohne sie. This is how it feels when your word means nothing at all.
Borussia, denk an Borussia, sagte ich mir und blickte doch nur weiter auf den epischen Eisteppich vor der Tür. Als die Wolken sich öffneten und diesen fiesen Tauwetterschnee hinab fallen ließen, war ich der festen Überzeugung, dass ich in den vergangenen vier Nächten genau 2 Stunden geschlafen hatte. Einmal, so notierte ich, waren es 17 Minuten, dann in der folgenden Nacht 67 Minuten, in der Nacht drauf war ich ohne Schlaf ausgekommen, und trotz der anhaltenden Erschöpfung, trotz der steten Schweißausbrüche, trotz der großen Müdigkeit hatte ich es in der vergangenen Nacht nur 36 Minuten im Bett ausgehalten.
Ordnung schaffen, das Leben organisieren. Leben oder sterben. In dieser Stadt, in dieser Welt. Mit dieser Last auf den Schultern. Ermittler-Reality! Too Tired To Die! Made my day. Aber hey! Ein Blick auf den Spielplan werfen. Noch einmal. Mach es noch einmal, Ermittler! Und wenn Dich die Hunde zum Fraß vorgeworfen bekommen, so bist Du immerhin über den Spielplan informiert. So hast Du wenigstens den genauen Überblick. Du kannst ihnen sagen, wann es passieren wird. Und wenn sie fragen „was“ passieren wird, wirst Du ihnen „das“ antworten. Beachte die Regeln aus dem Ermittler-Handbuch der verbindlichen Freundlichkeit.
Unter Punkt 3: 

„Halten Sie sich bedeckt. Gut zu sein, bedeutet verbindlich freundlich zu sein. Antworten Sie auf „was“ mit „das“. Ein Reim lockert die Atmosphäre. Legen Sie danach ihre Karten auf den Tisch. Und halten sich bedeckt! Was immer Sie auch tun: Halten Sie sich immer bedeckt!“

Beruhigend. Ich blätterte durch das Handbuch. Es hatte mir noch nie den Arsch gerettet, aber es hatte mich auch noch nie enttäuscht. Sogar auf einen Punkt 4 hatten die Autoren verzichtet. Sie wussten, was sich gehörte. Sie hatten einfache Regeln formuliert, sie hatten eine ordnende Linie in zerstörte Lebensbereiche gebracht. Das Thema Moral hingegen behandelte das Handbuch nur am Rande. Moral aber würde die Hertha mindestens zeigen müssen, um den BVB zu schlagen.
In der Stadt, die längst unter der Last meiner Schultern am Rande des Zusammenbruchs. My neighbourhood, my new typ of neighbourhood. Who lives in a HOUSE like this? Preetz raus! Gegendarstellung. Ermittler-Reality! Too Loud To Shout. Scripted Reality! Wenn in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand einer unbenannten Stadt der wehrlose Vater von der Lolita-Stieftochter verführt wird, während die Mutter mit dem Kumpel des mongloiden Sohns in der Kiste landet und der so auch sexuell vernachlässigte zweite Sohn der Familie „Heil Hitler“ schreiend auf einer Antifa-Demo in den Mittelpunkt rückt, und keine 4 Kilometer weiter ein Schmalspurganove in den Mittelpunkt staatsanwaltlicher Ermittlungen gerät. Sein unbenanntes Vergehen, eines gegen die Verhältnisse. Nieder mit den Umständen, die den Schmalspurganoven wenige Minuten später als friedliebenden Familienvater mit einer gleichgeschlechtlichen Beziehung zum oben genannten wehrlosen Mann zeichnen. Moral von der Geschicht: Die Menschen lohnen einen Harung nicht!
Ermittler-Reality! Wenn der Ermittler am Fenster sitzt und über die baldige Abwahl der Bezirksregierung Konstanz sinniert. Es hatte keine Vorteile. Doch wer das Gegenteil behauptete, musste sich auf Zwangsmaßnahmen einstellen.
die ermittler-reality

4 Gedanken zu „die ermittler-reality

  • Februar 16, 2012 um 9:26 am
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    Aber ist nicht in jedem von uns so ein Gegenteil?

  • Februar 15, 2012 um 12:04 pm
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    Komplexe Situationen erfodern eine geschriebene Realität

  • Februar 15, 2012 um 12:03 pm
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    Manchmal ist das Gegenteil aber auch gegen seine Teile gerichtet, ohne Richtung zu geben.

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