Wir hatten Machels dann liegenlassen. Und ich genug von Rockopern und Länderspielen. Raus, raus, raus aus der Stadt, die einen so krank macht. Raus, raus, raus aus der Stadt, die einen zu dem werden lässt, was man niemals sein wollte: Ein verrückter, betrunkener Ermittler in den späten 30ern. Ich hatte genug. Von der Welt. Mal wieder.
Eberswalde raus,  die Treidelwegtour. Die Radfahrer auf den letzten Touren durch die letzten Sonnenstrahlen des Jahres 2014. Picknickkorb, GPS-Systeme, Radkarten, Regenschutz, Helm und Sonnenbrille. Sie waren verrückt. Die ganze Welt war verrückt geworden. Ging am Technik- und Sicherheitswahn zugrunde. Immer schneller, immer sicherer, immer ängstlicher. Gut informiert in den Untergang. Scheiß drauf, dachte ich und bog hinter der Alten Finow nach rechts ab.
Dörte erwartete mich schon. Vielleicht hatte sie auch einfach nichts zu tun gehabt. Sie stand am Tor der Lamafarm und blickte in den Himmel. „Vollmond heute“, sagte sie zu Begrüßung, und küsste mich. „Schnell zurück, Herr Ermittler. Siehst schlecht aus. Setz Dich erstmal in die Stube. Ich bin gleich bei Dir, muss die Lamas noch schnell füttern.“
Kurz begrüßte ich Koi, der aus einer Uferböschung hervorschoß und mir seine Rückenflossen entgegenstreckte, dann trat ich die paar Holztreppen hinauf auf die Veranda. Es war gut, wieder hier zu sein. Ein paar Äpfel lagen auf dem Tisch, daneben Zucchini, ein Sack Kartoffeln und ein paar Kürbisse.  
Ich summte noch einmal unser Lied. „Hey, bist Du auch aus Kürbis, hey!“. Erinnerte mich an die ersten Male auf der Lamafarm, an meine Flucht, an die Rückkehr zur Liebe. Scheiß drauf, dachte ich, alles vorbei. Alles Alltag. Alles grau und immer blau.
Ich setzte einen Kessel Wasser auf und spazierte ein wenig durchs Haus. Die Tür zu Dörtes Büro stand offen, und so trat ich hinein. Sie hatte wieder ein paar neue Lamabilder aufgehängt. Vor einem blieb ich stehen. Es war kein Bild, sondern ein alter Zeitungsausschnitt. Immerhin ein Lama. Aber daneben stand Uli Hoeneß. Er hielt das Lama einer Leine. „What the fuck!“
Und da hatte ich noch nicht den kleinen weißen Zettel gesehen, den Dörte darunter an die Wand geheftet hatte: „Der Begründer des Lama-Kults. Alles andere bleibt Kopie!“
Was war nur mit Dörte los? Was war hier passiert. Da kam sie durch die Tür.
„Hast Du es gesehen? Piotr war hier. Das ist der Begründer des Kults. Ein echter Konstrukteur, wie Piotr gesagt hat.“
„Das ist kein Begründer, noch ist das ein Konstrukteur! Das ist Uli Hoeneß, verdammt!“
„Sagt mir nichts“, sagte Dörte, und für einen Moment liebte ich sie für ihre Unschuld. Aber der Ärger war größer.
„Was hat Piotr noch gesagt?“
„Das kann ich Dir gerne selbst sagen“, er stand direkt hinter mir, musste sich rangeschlichen haben.
„Dembowski, Du bist so naiv. Du bist ein guter Ermittler, Du bist ein naiver, dummer, aber auch guter Ermittler. Hoeneß hat die Lamas damals für mich nach Deutschland gebracht. Accessoires. Die wilden 70ern. Wir konnten alles machen. Und so ein Jungprofi erst recht. Das waren Popstars. Heute sind das auch noch Popstars, aber alles was zählt ist Werbung, Werbung, Werbung. My Gadget Life! Du kennst das. Die sind komplett durchgedreht. Schneller, weiter, höher, mehr Kohle, immer Kohle, Gier, Gier, Gier! Und Du, Dembowski, Du, der Du Dich immer so dagegen wehrst, bist längst Teil dieser Maschine. Du, der Außenseiter. Du, in Deiner Rolle als der Beobachter. Hallo Freunde, ich bin der Beobachter. Dein Leben als Rocko Schamoni-Lied.“
Wenn Piotr sich in Rage redete, bekam ich es meist mit der Angst zu tun. Ich schwieg, Dörte hatte längst den Raum verlassen, der Kessel Wasser zischte.
„Hoeneß war doch noch aus einem anderen Schlag. Aus Iquitos haben wir die Tiere hier rübergeschafft. Den ganzen Weg. Netzer, auf einer seiner Touren. Er hatte die Idee, das muss ich zugeben. In New York gesehen. Partynacht. Lamareiten. Das ganze Programm. Die wilden 70er. Uli hat dann immer ein Lama gehabt, egal, wo er war. Und ich hab auf ihn aufgepasst. Bis es nicht mehr ging. Weil Du in meine Leben gekommen bist, weil Du so viel Zeit gekostet hast, mit Deinen Problemen hier und Deinen Problemen da. Immerhin haben wir die Lewandowski-Unterlagen vor Dir retten können. Und wußtest Du, dass Winowski Reiser nie getötet hat. Wußtest Du das eigentlich?“
„Nein!“
„Dann weißt Du es jetzt. Reiser lebt! Und Hoeneß ist sauer, mächtig sauer. Borussia konnten wir nicht abschütteln, trotzt Dir und Deiner dummdreisten Ideen. Borussia will immer noch die Ablösung.“
Don’t go around tonight. Well, it’s bound to take your life. There’s a bad moon on the rise.
“Kapitalerhöhung. Kagawa. Klopp! Die 3 Ks, die Uli gar nicht gerne hört. Und er hat Zeit, er hat viel Zeit. Die Finalspiele. Das konnten wir noch beeinflussen. Aber er wird schwächer, obwohl er immer mehr Zeit hat, und ich bin woanders, ich kann mich nicht immer um Fußball kümmern. Nicht immer.“
I hear hurricanes ablowin‘. I know the end is comin‘ soon. I fear rivers overflowin‘. I hear the voice of rage and ruin
Der Regen prasselte mittlerweile auf die Lamafarm, und ich kauerte in einer Ecke.
„Es ist wie es ist. Uli hat viel Zeit, und vielleicht will er die Dinge nicht mehr ändern. Aber denk dran, er wird stärker zurückkommen. Er ist der Begründer des Lamakults. Und er bestimmt Deine Zukunft!“
Hope you got your things together. Hope you are quite prepared to die. Looks like we’re in for nasty weather. One eye is taken for an eye.

Dann war Piotr weg, und ich brauchte ein Bier. Und noch ein Bier. Stärker zurückkommen, diese Aussage machte mir fast am meisten Angst. 
die drei „ks“ und die wahrheit über uli hoeneß