Nachdem der Ermittler Amy Winehouse gesehen hatte, spazierte er auf die Brücke am Congress und beobachtete die Fledermäuse. Das aber war lange her. 


Auch am Montag waren Wut und Kater nicht verflogen. Was jedoch aufgrund der beiden Derbyniederlagen und dem sich daran anschließenden Alkoholkonsum kein großes Wunder war. Wie meine Wut, wie mein Kater so war auch der Winter zurückgekehrt. Manchmal durchbrachen ein paar Sonnenstrahlen das triste Einheitsgrau der sich auf der Straße türmenden Schneemassen.

Was blieb einem an solchen Tagen zu tun? Meinen Job bei Teenage Kicks PR hatte ich längst drangegeben, die aufgeregte Welt der Musik war nicht meine Welt. Während es mir um nüchterne Gedanken ging, während ich mich von der Musik in andere Welten tragen lassen wollte, ging es dort um Verkaufszahlen, Anzeigenkampagnen, virales Marketing, Kooperationen mit Weltenfressern und am Ende des Tages doch nur ums Überleben.

Damit hatte ich aber sonst schon genug zu tun. Natürlich hätte ich gerne den Weg einiger Musiker weiterbegleitet, aber wofür und wozu? Um ihr und mein Leiden zu verlängern? Deswegen also war ich vor einiger Zeit bereits aus der Musik verschwunden und stand nun mit pochendem Kopf vor meiner Anlage. Das wird bleiben, was immer auch passierte, dachte ich, legte die neue Simone Dinnerstein & Tift Merritt-Platte auf, erinnerte mich daran, wie ich vor langer Zeit einmal Tift Merritt auf einem Parkplatz hinter dem Hotel San Jose in Austin, Texas gesehen hatte.

Merritt, damals jünger als ich es jetzt war, hatte in einem kurzen Rock auf einer improvisierten Bühne gestanden und so die Blicke des vorwiegend männlichen Publikums auf sich gezogen. Mir war das damals alles zu viel geworden und ich war den Congress runter in Richtung 6th Street gelaufen. Dort hatte ich Amy Winehouse gesehen, die zierlich und kurz vor ihrem Absturz ein unfassbares Konzert gespielt hatte. Merritt machte jetzt in Night-Club-Americana und Winehouse hatte es nach diesem Konzert, ihrem Durchbruch, ihrem Ende zerschlagen. Einige 1$-Dollar Biere später, stand ich auf der Brücke und starrte auf die abertausend Fledermäuse, die sich in den Abendhimmel erhoben.

Während Merritt ihren Wayfaring Stranger gab, klickte mich mich durch alte Winehouse-Videos und sah meine Vergangenheit am Bühnenrand aufblitzen. Mein Kopf schmerzte, Winehouse sang stumm und Merritt blickte mich von alten Promobildern an. Draußen schneite es, der Verkehr stockte, die ersten Trauergesellschaften zog es in die Friedhofskneipe, Mehdorn wünschte sich eine Zukunft für Tegel und eigentlich war es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Doch das, so dachte ich auf dem Sofa liegend, hatte ich in letzter Zeit zu oft getan und mich wenig bewegt. Ich bilanziere, dachte ich, und sehe, dass sich nichts verändert hat. Dann trinke ich, um dem Trinken abzuschwören, dann verliebe ich mich in Borussia, nur um den Verein im nächsten Moment zu verdammen, dachte ich und wusste nicht, wohin mich das noch führen würde.

Dörte war längst zurück auf der Farm im Oderbruch. Aber mir war es bislang nicht gelungen, endlich mal wieder aus der Stadt zu fahren. Auch hatte ich ihr Bayern-Geständnis noch nicht ganz verziehen. Wie jedoch der Winter vielleicht noch einmal zurückgekehrt war, wie ich mich hatte vom Derby erschöpfen lassen und wie manche Sachen zum letzten Mal passierten, so nahm ich mir vor, gegen das letzte Mal endlich wieder Energie und Leidenschaft zu setzen. Ich hatte mich, dachte ich am Ende eines langen Tages auf der Couch, mal wieder in etwas hineinziehen und mich komplett ablenken lassen. Ich musste mit Berg und Redermann-Kontakt aufnehmen und meinen Auftrag ausführen. Berg sicherte mir zu, noch in dieser Woche in Berlin vorbeizuschauen.

die bilanz des grauen