War es nur enttäuschte Liebe? Oder steckte mehr hinter dem Besuch im Millennium House? Amok hatte alles vorbereitet, doch ein Detail übersehen. 

Anders als der Name Millennium House glauben machen wollte, war das Gebäude ein schmuckloser alter Bau. Vielleicht wurde er in den 50ern-Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal für State of the Art gehalten und vielleicht hatte man sich damals das Millennium in grau ausgemalt. Es war eine die Verheißung auf eine düstere Zukunft, nach der sogenannten Wende, die nunmehr bereits beinahe ein Vierteljahrhundert zurücklag, von den Sanierern und Stadtplanern vergessen.
Redermann hatte mich auf der Fahrt schnell in die Pläne eingeweiht und sich ansonsten wieder auf seinen alten Standpunkt Dub, Mali, Afrika und Soul zurückgezogen. Er wirkte furchtbar nervös, was sich zum Glück jedoch nicht auf seine Fahrkünste auswirkte. Wir fuhren nur kurz am Haus vorbei, das ich mir, wie gesagt, um einiges imposanter, um einiges größer und um einiges repräsentativer ausgemalt hatte.
„Mehr Schein als Sein“ kommentierte Redermann und drehte den Radiosender auf. 

I’m driving around in my car / I’m driving too fast/ I’m driving too far/ I’d like to change my point of view / I feel so lonely / I’m waiting for you / But nothing ever happens and I wonder

Wenn in Polen dann immer auch Lemon Tree, diese fatale Erkenntnis kam mir nicht zum ersten Mal, doch sie verstörte mich immer wieder. Hatte es in Polen danach keine Musik mehr gegeben? Rammstein oder Lemon Tree, dazwischen gab es nichts. Und beides war mir fremd, sehr fremd. Doch wir waren nicht für die Musik hier, wir fahren für den Tresor hier, der sich hinter einem dieser Fenster in einem Raum befand und in dem einige der begehrtesten Dokumente im internationalen Fußballgeschäft lagen. Sie waren, um es auf den Punkt zu bringen, eine Meisterschaft und – für DerSamstag! – eine Verdopplung der Auflage wert. 
Amok hatte uns ein Ziimmer in einem kleinen Hotel unweit der Politechnika gebucht und dort fuhr Redermann den Van nun hin. Wir drehten noch eine Runde über den Kreisverkehr, ließen das Millennium House auf der rechten Seite der Einbahnstraße liegen, checkten kurz in das Hotel ein und stürzten in einer Bar schnell noch ein paar Warka Strong hinunter. Am nächsten Morgen, hatte Redermann mir erklärt, würden wir auf Semjon Winowski treffen. 
Winowski, dem kahlköpfige Therapeuten, war ich im letzten Jahr kurz vor dem Untergang des Unterwasseraquariums begegnet. Er hatte meine Vergangenheit ergründen wollen, um mir eine Zukunft zu schenken. Das war, ich musste es ihm rückblickend eingestehen, gelungen. Winowski aber, sagte Redermann mir in der Bar sitzend, war mehr als ein Therapeut, er war der Schlüssel zum Millennium House. Seit einigen Monaten bereits verdingte er sich dort als Empfangskraft. 
„Piotr kann sich in Polen nicht mehr blicken lassen“, erläuterte Redermann. „Der sitzt da ganz gut am Schönhauser Tor, in seiner Praxis, wenn er denn mal da ist. Lässt Dich ja in Ruhe. Was macht eigentlich Frank Berg?“ „Keine Ahnung, schon lange nicht mehr gesehen. Der überweist die Kohle jetzt nur noch.“ „Berg gehört zur anderen Seite! Ist Dir das klar? „Nein!“ „Wir haben ihn machen lassen, ist ja ganz gut gelaufen für Dich. DerSamstag! kann man zwar nicht mehr lesen. Purer Gossenjournalismus. Aber das brauchen die Leute scheinbar. Wußtest Du, dass man in Dortmund immer noch an Boateng glaubt?“ „Ich ja auch. Chelsea hat doch….“ „Wir sind nicht wegen Boateng hier, wir sind wegen Robert hier, konzentrier Dich verdammt nochmal“, fuhr Redermann mir über den Mund und stürzte noch ein Warka Strong hinunter. 
Das also war mein erster Abend in Warschau und wir waren auf dem Weg, Geschichte zu schreiben. Die alte Truppe war beisammen. Redermann und ich in Warschau, Semjon vor der Tür, Piotr in Gedanken und Amok kontrollierte die Geschichte von seinem Krankenbett im Ruhrgebiet aus. Amok war der Schlüssel zum Erfolg, war der Schlüssel zu allen Dingen. Während ich mich dem Irrsinn hingegeben hatte, ihm teilweise vollkommen ausgeliefert war, hatte Redermann den Überblick und die Ruhe behalten. Ich stand auf, ging zur Jukebox und legte einen alten Klassiker von Joe & Eddie auf. 

Even though you say hard times knock at my door / Though you say I’ll never smile anymore / I just imagine that I’m ten feet tall / Then if I try I can climb the highest wall

Wir waren auf Achse und wir waren guter Dinge! „Redermann. Danke! Lass uns noch ein paar Bier trinken. Und tanzen!“ Wir tranken, wir tanzten und wußten, dass es nicht einfach werden würde. Aber wir wußten auch, dass die Konstrukteure mit uns waren. 
Wie sich herausgestellt hatte, waren die Manager, wie Franz Berg auch, Teil der Piotr-Verschwörung, hatten also, wie Redermann nicht müde wurde zu betonen, das größte Interesse, uns einen auszuwischen. „Sie gehen mit Reiser ins Bett, nur um uns zu reizen. Sie streuen Informationen, nur um uns zu provozieren. Es geht ihnen nicht ums Geld. Die brauchen kein Geld. Aber das ist ein verdammt gutes Argument, um die Menschen zu unterhalten. Geld macht die Welt gehen rund. Oder so ähnlich.“ „Lass uns gehen, morgen dann rund!“ „Ok. Noch ein Warka, noch ein Song.“ Zu den Klängen von Calexico verließen wir die Bar, die was konnte und wenn es nur uns betrunken machen war. 
Der Wecker klingelte früh, doch als ich in den Frühstücksraum kam, saß Redermann dort schon seit einigen Stunden. „Hab durchgemacht!“ Ich nahm einen Kaffee und wir gingen los. Amok hatte uns ein paar Chipkarten gebastelt, und Semjon würde uns reinwinken. An diesem Tag traf sich das polnische Parlament und die wenigen Mitarbeiter der Management-Firma waren auswärtig unterwegs, um die großen Hochzeitsfeier vorzubereiten. Der Weg war frei. Amok würde eine Videoschleife in das Überwachungssytem spielen, niemand würde uns bemerken. 
Von unserem Hotel war es nur ein kurzer Weg zum Millennium House. Ein paar Deckenleuchter hingen im Eingangsbereich herab, ansonsten war hier alles auf Geschäftsverkehr ausgerichtet. Schmucklos und ohne großen Schnickschack. Semjon begrüßte uns kurz, flüsterte mir „Was ist am Morski Oko mit Dörte passiert“ zu und verschwand wieder hinter der Glaswand. Wir stiegen eine Treppe hoch, im dritten Stock bewegten wir uns auf den Flur, glitten die paar Meter zur Tür des Eurosportsmanagement. Redermann zückte seine Chipkarte. Die Tür leuchtete grün, wir waren drin. 
Jetzt musste es schnell gehen, Amok hatte uns ein Zeitfenster von 5 Minuten eoingeräumt, dann würde Alarm ausgelöst. Der Safe befand sich am Ende des Raums, hinter einem signierten Lewandowski-Trikot. Überhaupt war der ganze Raum voller Erinnerungen an den großen Stürmerstar der Borussia. Ein paar Bilder an der Wand zeigten Kucharsky mit der politischen Prominenz Polens. „Wußtest Du, dass Walesa und Piort…“ „Es interessiert mich nicht, Ernst. Lass uns das Ding holen und verschwinden!“ 
Ich nahm das Bild von der Wand, das löste den Alarm aus. „Amok!!!“ „Scheiße“ „Schnell. 32 22 93 76 links und 68 24 36 75 rechts, schnapp Dir alles was drin liegt. Wir treffen uns im Hotel.“ Redermann verschwand und ließ mich zurück. Bayern München RL kombinierte ich und der Safe sprang auf, ich schnappte mir die Dokumente, die Tonbänder, die Kontoauszüge und den USB-Stick. Gerade als ich das Bild wieder an die Wand hängen wollte, und Amok die Schleife neu einspielen konnte, öffnete sich die Tür.
„Dembowski! Das ist ja interessant. Dann komm mal her!“ Reiser stand mit gezückter Pistole in der Tür und bedeutete mir, „mal herzukommen“. Blieb mir eine Wahl? Eher nicht. Ich ging langsam auf ihn zu, zitterte, denn obwohl ich Ermittler war, war ich in erster Linie ein Feigling. „Boateng, Özil und jetzt das! Was denkst Du Dir eigentlich? Was willst Du eigentlich mit DerSamstag! noch alles zerstören?“ „Euch vernichten! Was sonst?“ Reiser zückte nervös, spielte mit dem Abzug. Ich war jetzt fast in Reichweite der Pistole, aber Reiser schaute mich konzentriert an, ließ mich nicht aus den Augen. 
„Vernichten! Ein großes Wort für ein kleines Licht. Dich werde ich vernichten. Dich und Deine Bande voller Diebe. Zeig doch mal, was Du da in der Tasche hast!“ Ich bewegte mich. „Dann eben nicht, setzen wir uns und warten. Du kannst mir von UK erzählen, wie hast Du den abgeworben?“ Ich setzte mich und schwieg. Auf dem Tisch standen ein paar Gläser. Ich schnappte mir eins und nahm einen Schluck. Reiser starrte mich an, spielte mit dem Abzug. „Ich bin kein Griechenland-Idiot! Damit das klar ist. Ist Dir das klar?“ Das Glas zerkrachte auf der Tischkante…. 

die akte (teil 2) – das millennium house in warschau