Lamafarm: Vor dem Sommerfest! 

Langsam kreiste der Rote Milan über dem Schiffshebewerk kurz vor der polnischen Grenze. Seit Tagen schon stand der Wind günstig und trieb den Roten Milan auf sanften Schwingen hoch über den Oderbruch. Über das Land hatte sich eine drückende Hitze gelegt. 
Die wenigen Besucher des Schiffshebewerks mühten sich mit langsamen, schweren Schritten schweißgetränkt auf die alte Aussichtsplattform hoch. Dort pausierten sie, bevor sich die waghalsigsten Besucher mit beiden Händen fest an das Geländer krallten und ihren Blick über die Alte Oder schweifen ließen. Westlich von ihnen zeichneten sich immer deutlicher die Konturen des neuen Schiffshebewerk ab, doch dort in der Ferne noch hinter dem LIeper See, jedoch vor dem Oderberger See, ein wenig weiter südlich vielleicht – so genau konnte man es auf dem Schiffshebewerk stehend nicht ausmachen, stieg eine einsame Rakete in die Luft, legten sich Nebelschwaden über das Land. 
Und als sie ihren Blick weiterschweifen ließen, schoss der Rote Milan kerzengerade vom Himmel, griff einen daherlaufenden Feldhamster auf, der sich – so überrascht war er – wehrlos ergab und „ein unwürdiger Tag, um zu sterben“ denkend hoch über dem Schiffshebewerk einen letzten Blick auf Mutter Erde werfen konnte. Dann war es mit ihm vorbei. Auf der Aussichtsplattform des Schiffshebewerks sprach niemand ein Wort und in der Ferne, dort hinter dem Lieper See stieg eine weitere Rakete in die Luft. 
DerSamstag! hatte zum Sommersfest geladen und ein paar Leute sich in der Tat die Chance nicht nehmen lassen, einmal in ihrem Leben auf der schönsten Lamafarm des Landes vorbeizuschauen. Sie kamen aus allen Ecken der Nation und erwarteten ein buntes Unterhaltungsprogramm. Natürlich hatten es einige der Besucher auf einen Kronen-Rausch ausgelegt. 
Dörte (und – so es meine spärliche Zeit inmitten des sommerlichen Transferirrsinns – auch ich) waren bereits eine Woche vorher in heller Aufregung. Als der große Tag kam und die ersten Besucher unter dem schwarzgelben DerSamstag!-Banner auf den Hof fuhren und aus ihren Cabrios, Soul-Vans und anderen Autos sprangen, versorgten wir sie sogleich mit einer eisgekühlten Flasche Kronen. Bei den ersten Besuchern ließ ich es mir nicht nehmen, sie mit großen, einnehmenden Schritten einmal über das große Anwesen zu führen. 
Sie staunten nicht schlecht, waren nachgerade begeistert von der riesigen Lama-Koppel und der kleinen Rennbahn, die sie erstaunten Auges am Waldrand erblickten. Die Strecke führte einmal durch den Wald, dann zurück, fast bis an das Haus heran, bevor es nach einer scharfen Kurve am Oderbruch entlang, den Gartenteich links liegend lassend, auf die Zielgerade zurück in Richtung Waldrand führte. Dort hatten wir in den letzten Tagen eine kleine Tribüne aufgebaut und eine Kommentatorenbox sowie zwei Arbeitsplätze eingerichtete hatte. 
Auf der hinteren Terasse war ebenso alles angerichtet. Unzählige Kühlschränke hielten unzählige Kronen bereit. Ein paar Europaletten langten ein paar Meter bereits als Bühne für den großen Timmy, der später am Abend einen seiner sagenumwobenen Auftritte haben würde. Timmy hatte sich in den letzten Jahren durchaus rar gemacht, doch als ich ihm vom Sommerfest erzählt hatte, war er sofort Feuer und Flamme gewesen. „Das übliche Programm?“, hatte er mich gefragt und ich nur „aber lass bitte, bitte Westernhagen aus!“ geantwortet. 
Als wir, ein paar Tage vor dem Fest erst, Koi von der Feier erzählten, hatte er sich kommentarlos in den hintersten Winkel des Teichs zurückgezogen und war fortan nicht mehr aufgetaucht, zumindest hatte ich ihn nicht mehr gesehen, aber natürlich war ich auch zu sehr mit den Planungen, die mich in einem meiner schwächeren Momente erwischten, beschäftigt gewesen. Koi war sauer, wir aber waren, als alles stand, glücklich – sehr, sehr glücklich sogar – gewesen. 
Wie auch immer, so war das alles und vor allen Dingen so war das alles bis ins kleinste Detail hergerichtet, sogar die kleine DerSamstag!-Ausstellung mit den besten Texten der vergangenen Jahre und den erstaunten, manchmal sogar verzückten Reaktionen hatten wir im Trailer unterbringen können und als die Gäste eintrafen, und die ersten von mir eine Führung über die Lamafarm bekommen hatten, ich mich danach mit einer Kronen-Druckbetankung langsam, ganz langsam in Sommerfeststimmung gebracht hatte, in der Ferne ein Roter Milan heruntergeschossen war und auf der Lamafarm eine kleine Pyroshow mit anschließender Eröffnungsrakete das erste und fortan vielleicht alljährliche Sommerfest eröffnete hatte, ging es schnell und rapide bergab. 
Als erstes nörgelten die Berater rum. Das hier sei ja alles schön und gut, sagte mir der Kollege, dem ich besser nichts vom Gemetzel in Warschau erzählte und der es mir gegenüber ebenso mit keinem Wort erwähnte – er wusste entweder nicht, wer hinter dem Diebstahl steckte und wer für die nicht sonderlich schön anzuschauende Leiche Reisers (oh, wie vermisste ich ihn!) verantwortlich war – aber da unten am Starnberger See, also diese Feier am Starnberger See, sagte mir der Berater, was das neulich für eine Feier gewesen war und überhaupt der Süden sei ihm, der er sozusagen auch aus dem Süden, dem ehemals südlichsten Zipfel der Ostteile stamme, lieber als dieser kaum mehr existente Landstrich, der nur durch die Zuschüsse, die staatliche Förderung am Leben gehalten werde. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, hatte er gesagt und ich ihm daraufhin nur „der Tod holt Dich meist in seelenlosen Büroräumen“ geantwortet. Er war hatte sich stillschweigend abgewendet und war wenig später mit quietschenden Reifen vom Anwesen gerauscht.
Als ich wenig später am Gartenteich auftauchte, hockte dort ein alter Dortmunder Ultra und streichelte Koi. Hinter ihm stand ein zwielichtiger Franzose, der als ich an seine Seite trat, sofort das Gespräch auf die Koizucht lenkte. Was ich denn als ausgewiesener Fachmann von einem 5.000€-Koi halte, hatte er mich gefragt und ich ihm nicht geantwortet. Ein Koi kann man nicht an einem Preis bemessen, ein Koi hat eine Seele. Der Ultra stand auf, mit einer schicken Leinenhosen bekleidet, umarmte mich, nannte mich Jesus und zog, ein Bier in seiner Hand, seine Hose runter. Eine Baumwollhose. Der Franzose, jetzt wütend, schrie noch einmal seine 5.000€-Koi-Frage heraus und der Ultra zuckte. 
„Ich ertrag das nicht. Nie mehr. Ich ertrag das nicht.“ Ein gelber Streifen lief seine Hose runter und als er gerade einen tiefen Schluck nahm, Koi längst abgetaucht und somit in Sicherheit war, stieß ich ihn in den Teich und spazierte, den zwielichtigen Franzosen am Rande des Teichs stehend lassend, von dannen in Richtung Trailer. Dort stand ein Inder, tief in ein Gespräch mit dem beinahe glatzköpfigen Karsten Kraumern versunken. Ich blickte auf die Exklusiv-Schlagzeilen und vernahm nur die Worte „Indien“ „unbedingtes Markenpotential“ und verschwand. Nicht meine Welt. Ich verschloss den Trailer und sah in der Ferne den Roten Milan über dem Oderbruch kreisend. 
So ging es weiter. Redermann legte alte Soulplatten auf, UK hatte einen Vermittlerstand aufgebaut, der weitestgehend ignoriert wurde, Amok rollte auf seinem Rollstuhl herein und hämmerte sich Kronen runter. Zeit für ein wenig Ruhe an der Lamakoppel.
Ganz lässig lehnte dort der Trainer, stützte seine rechte Hand auf den Holzpfosten, blickte immer mal wieder auf den kleinen Tisch, den er vor sich aufgestellt hatte und nahm tiefe Züge aus seiner Zigarette, die verglimmt war noch bevor ich ihn erreichte. „Ernte?“ „Erfolg!“ „23“ „Die Zahl!“ „Tabellenführer am 23.3.1975“ „Gladbach. Nach 0-0 in Bochum aber nur noch einen Punkt vor Hertha und 2 vor den Kickers und dem HSV“ „Bist Du bereit?“ „Ich kann die Klischees nicht ertragen. Kronen und Ernte bitte.“ 
Ich wollte ihm seinen Wunsch nicht verwehren, rief nach Dörte, die geschwind herbeieilte, zwei Bier in jeder Hand und „für die Helden“ hauchte, bevor sie von dem schreienden Franzosen und der nassen Hose erzählte. „Die war vorher schon nass, verstehste“, sagte ich nur und Dörte nickte und küsste und hauchte wieder „mach den Trainer fertig!“ 
„Du nimmst die Sache ganz schön ernst“, sagte der Trainer. „Aber ich kann das schon verstehen. Es ist Deine Farm und die Bahn sieht wirklich gut aus. Der Franzose macht mir Sorgen und sollte Dir auch Sorgen machen. Der hat sich vorhin noch nach einem Baum erkundet, japanischer Zierbaum. Aber was ich Dir eigentlich erzählen wollte: Das Maradona-Bild ist gefälscht, also sinngefälscht.“ „Alles gefälscht, sinngefälscht, wie Du es nennst. Das ist unsere Geschäftsgrundlage. Und es sieht gut aus.“ Der Trainer wurde nervös, zog noch einmal der Zigarette. 
In der Zwischenzeit hatten sich ein paar Lamas zu uns gesellt, die besten unter ihnen würden uns bald auf ihren Rücken über die Bahn tragen. Der Trainer oder ich, einer würde auf der Strecke bleiben. „Deine Vergangenheit ist meine Zukunft ist manchmal Gegenwart“, klopfte mir Piotr von hinten auf die Schulter. Piotr würde das Startsignal geben, nachdem ich die Semjon-Idee schnell verworfen hatte. 
Wir waren dann auf die Lamas gestiegen und hatten uns in Position gebracht, die Tribüne war gut gefüllt, Dersch in Position und los ging es. Piotr schoß eine einsame Rakete in den Himmel, der Trainer hatte Probleme sich überhaupt auf dem Lama zu halten, und ich Probleme mich beim Einlauf in den Wald hinter ihm. Dersch brüllte, die Schmiedin hämmerte die Übersetzung zeitgleich in ihr Smartphone und die Wetten standen gut. Im Waldumlauf fiel der Trainer zum ersten Mal runter. Ich stoppte, schrie „jetzt reiß Dich mal zusammen“ und er „Kronen“. 
„Jetzt spazieren sie Seite an Seite. Der Trainer ist angeschlagen. Es wird eng“, schrie Dersch und die Schmiedin hämmerte die Übersetzung in die Tastatur. Aus der Ferne sah ich Dörte die DerSamstag!-Fahne schwingen und vor mir den Trainer schwitzen. „Setz Dich drauf. Jetzt!“ Aber er blickte nur starr auf die anstehende Gerade und schwieg und spazierte. „Das ist kein Test mehr“, kommentierte der Reporter und die Übersetzerin übersetzte, was sogleich von Millionen von Fans weltweit mit einem RT geadelt wurde. 
Irgendwann saß der Trainer wieder drauf, ein Bier in seiner Hand und ich saß hinter ihm, ein Bier in meiner Hand. Wir waren am Teich, an dem sich der Franzose jetzt einmischte und auf mich zurannte. „Der Koi. Muss der wirklich nicht teuer sein?“ „Umso teurer, umso besser!“ „Gut“. 
Es staubte und vor uns hielt der Berater. „Starnberger See!“ „Schnauze“ „Wer ist das?“ „Der Berater“ „Was macht der hier?“ „Vermitteln“ „Alle keine Ahnung, ihr lauft, wie ihr denkt: Gar nicht!“ Der Trainer war jetzt auf 180. Dersch brüllte „Niemand kommt hier raus. Niemand kommt hier an. Sagt Kraumers! Wo ist Kraumers!“ Und die Schmiedin übersetzte und UK bemerkte „Boateng“ und ich forderte „Özil“ und der Trainer regte sich über die Berichterstattung auf, während die Hose sich ein Lama schnappte und rannte. An der Ziellinie lag ein Ball, er wurde gekickt. „Göttingen“. „Block“ „Zurück in die angeschlossenen Funkhäuser!“
Ich zog mich mit Redermann zurück, die Tribüne brannte und der Berater erzählte vom Süden, wo alles einfach schöner sei. „Dann hau doch ab“, fluchte Dörte und sah Teile der Farm in Flammen aufgehen. Timmy spielte „Sexy“ und Piotr wollte „Yellow Submarine“ hören. 
Nie wieder Sommerparty!
dersamstag!-sommerfest floppt