Immer wieder. Immer. Das Derby. Aufstehen, sehen, wie die Stadt erwacht, den Bewohnern der Stadt in ihrer Derbyausgehuniform nachschauen. Wenn die Zeit es zulässt, noch einen Kaffee auf dem Markt nehmen und sich ganz langsam choreographiert in Richtung Stadion machen.

Einige der Bewohner der Stadt, der Fans, die obwohl angereist, die Stadt für immer in ihren Herzen tragen, würden über die Hohe Straße und durch den Tunnel laufen. Von dort an der Westfalenhalle und dem Eisstadion durch den Rosengarten runter zu Strobelallee. Ein anderer Teil würde die U-Bahn oder die S-Bahn an der Möllerbrücke verlassen. Von dort die Lindemann hoch, an der Ecke Kreuzstraße spätestens, dort, wo Neven seit einigen Monaten seinen Parkplatz hatte, würden sich die Wege wieder trennen.

Manch einer würde den Weg über die Brücke nehmen, zwischen den Westfalenhallen durch, runter zur Strobelallee, die in der Mitte der Wege, die von Norden auf sie führen, die Ankommenden mit dem Eingang der Roten Erde grüßt. Ein anderer Teil der Menge würde sich an der Ecke Kreuzstraße noch für ein Bier, für ein Gespräch, für eine Zigarette, für einen Gesang zur U-Bahn-Station begeben. Der Weg an den Friedshofsmauern vorbei, über den B1-Zubringer, durch den Tunnel, runter zur Strobelallee, Seite Reitstall.

An normalen Spieltagen würden sie dort stehen bleiben, für ein Bier, die letzten Informationen, sie würden ihre Freunde besuchen, lange vergessene Menschen treffen, sie würden sich vorbereiten und irgendwann zum Anstoß hin, über Schleichwege vorbei an den sich aufstauenden Massen ins Stadion hinein. So wie immer. Am Südeingang würden sich die Menschen stauen, früher bereits, hier gehen sie rein, um zu stehen. Hier gehen sie auf die Tribüne, wenn sie aus dem Süden anreisen.

Und manchmal stellt sich die Frage, ob die Menschen, die aus dem Süden anreisen, nicht ganz andere Rituale pflegten. Ob sie nicht bereits an der Haltestelle Westfalenstadion für einen Moment auf der Bolmke-Brücke verweilen, um im Gegenlicht ein Blick auf das schönste Stadion der Welt zu werfen. Was war der Unterschied zwischen den Menschen aus dem Norden der Stadt und den Menschen aus dem Süden der Stadt? Die aus dem Süden sahen das Stadion im Gegenlicht, die aus dem Norden sahen das Stadion und erkannten im Hintergrund die waldigen Hügel des Südens und wenn sie ihren Blick ein wenig schweifen ließen, erblickten sie aus dem Augenwinkel den Florian, der Teil ihrer Stadt war, seitdem sie geboren waren.

Der Florian, der wie das U auf der Halle, wie das U in der Stadt, wie der Reinoldikirchenvorplatz, der Friedensplatz, der Alte Markt und der Markt auf dem Hansaplatz für immer Teil ihrer Heimat war. Mit der Zeit hatten die Menschen aus dem Süden und aus dem Norden die Erinnerung verloren. Zumindest waren sie verschwommen. Die letzte Zeche, der Tag an dem die Chinesen kamen. Der Tag, an dem die alte Bibliothek nach langem Kampf einem Shopping-Komplex wich. Der Tag, an dem Samtlebe sein Denkmal zu Lebzeiten vollendete.

Ein Denkmal vor dem sich in nicht allzu ferner Zukunft unglaubliche Szenen abspielen sollten. 1992 noch die Szenen der Trauer, die innerhalb weniger Minuten in Vorfreude auf die sich ausbreitende Zukunft umschlug, die voller Anerkennung für das Geleistete war. 1992, als sich die Namen Wück und Buchwald für immer einbrannten. 1992, als die Kunde des späten Treffers der Stuttgarter sich durch fliegende Transitorradios verbreitete. Diese Mannschaft hatte ihnen etwas besonderes geschenkt.

Es war die Rückkehr im zweiten Versuch. Nach 1989 stand die Zukunft noch einmal für einen launigen Moment auf der Kippe. In den kommenden Jahren folgte der vielbesungene Aufstieg, zu nahe der Sonne. Gerade als der Verein an der Spitze der Welt angekommen war und sich die Stadt langsam wandelte. Als niemand mehr unter Tage fuhr und kurz bevor es gelang, wenigstens nicht noch den Borsigplatz zu verscherbeln. Der Wandel in der Stadt war unübersehbar. Mit der letzten Straßenbahn verschwand auf der Lindemannstraße die Hoffnung. Am ehemaligen Wendekreis der Straßenbahn entstanden Büroräume, reihten sich nunmehr Hotel an Hotel und an der B1 entstanden in Zeiten des Größenwahns nahe des Stadions riesige Geschäftsräume.

Der lange Weg hinab. Die Menschen aus dem Süden der Stadt, die Menschen aus dem Norden der Stadt. Die Menschen aus der Mitte der Stadt. Die Menschen aus dem Osten, die Menschen aus dem Westen. All die Menschen aus den umliegenden Städten und Landstrichen, all die Menschen im Land, die die Stadt und den Verein für immer in ihren Herzen trugen, stemmten sich mit letzter Kraft gegen das Verglühen. Im Moment der größten Ohnmacht, als alles nur mehr ein Spielball der Investoren war, erhob sich die Mannschaft und bewies, was zu beweisen war. Nicht nur die Menschen in dieser Stadt brauchten den Verein, auch die Spieler brauchten diesen Verein, doch bis sie dafür belohnt werden sollten, war es noch ein langer Weg. Immerhin gewannen sie das Derby, das erste gewonnene Derby in diesem Jahrtausend. Die Schlüsselfiguren dieses Sieges blieben dem Verein bis heute verbunden, der Verein blieb ihnen bis heute dankbar.

Während aus dem Vorzimmer der Pathologie langsam wieder optimistischere Klänge kamen, gaben die Spieler fast alles her. Ein verzweifeltes Jahr. Und doch lagen zwischen Bielefeld und dem 12.Mai keine 2 Monate. Derbytag. Am Ende der Saison. Ein Derby mit noch mehr Dringlichkeit. In einer der sich an der B1 aufreihenden Nobelherbergen war ein Trainer eingezogen, der die Borussia erst zum Derbysieg, dann nach 19 Jahren wieder nach Berlin führte und dessen fluchtartiges Verlassen der Tiefgarage der Nobelherberge im Mai 2008 der größte Glücksfall der jüngeren Geschichte war.

Derbytag. Ich werde aufstehen und den äußeren Weg wählen. Und wenn wer mich trifft, grüsst mir den Ermittler.

derbytag