Von den Kneipen Dortmunds in die Kneipen Berlins und von dort in die Nervenheilanstalt. Mein Abstieg hätte nicht schlimmer sein können. Gerade als ich Erlösung gefunden hatte, kam mir der Ballspielverein in die Quere. Gerade als ich Erlösung gefunden hatte, ertrug ich die Hipstertouristen nicht mehr. Es war vorbei. Game over für den Ermittler. Der Anfang im Ende war zu marginal. Er machte mir keine große Hoffnung mehr. DerSamstag! würde ohne mich nicht überleben, mein Geldreserven waren auch so bereits beinahe aufgebraucht.

Es standen mir also harte Zeiten ins Haus, aber erst einmal musste ich „wieder gesund werden“, wie sie hier in den Kliniken am Stadtrand argumentierten. Im Aufnahmegespräch hatten sie mich auseinandergenommen. Ich hatte von meiner Zeitung erzählt, hin und wieder den Namen Dörte in die Runde geworfen und natürlich auch die Konstrukteure nicht unerwähnt gelassen. Das alles hatte die Drauschke noch kopfnickend aufgenommen. Doch als ich dazu überging, meine hellseherischen Fähigkeiten zu erwähnen, meine existenzielle Wichtigkeit für den weiteren Verlauf der Saison rausarbeitete, war sie mir erst ins Wort gefallen, hatte dann wieder auf mein Ruhebedürfnis hingewiesen und eifrig geschrieben.

An ihren Bewegungen hatte ich es gesehen, sie glaubte mir kein Wort und das Gegenteil zu beweisen, würde mir aus der Klinik heraus nicht gelingen. Ich hatte verzweifelt versucht, das Gespräch noch in eine andere Richtung zu lenken, aber auch das hatte mir nicht mehr gelingen können. Drauschke hatte mich verabschiedet, mir einen Zettel in die Hand gedrückt. „Einfach ausfüllen. Was gefällt Ihnen, Herr Dembowski. Woran finden Sie Freude, was macht Ihren Tag, wenn ich mich Ihrer Sprache soweit nähern darf?“ 

Mir war keine Wahl geblieben. Zettel nehmen, verschwinden, Drauschke hatte mich erwischt. Mittlerweile war ich mir selbst nicht mehr sicher, was der Wahrheit entsprach. Hatte ich das alles wirklich erlebt? Hatte ich den steilen Aufstieg nur geträumt und bedeutete mir das Leben überhaupt etwas? Ging es nur darum, die nächsten Stufe bis zum baldigen Tode einigermaßen souverän zu durchschreiten. Das, hatte ich gedacht, würde auch meine Passion für Spaziergänge erklären. Waren das die Momenten, in denen ich noch funktionierte?

Sie wollten mich brechen, das war mir am nächsten Morgen bewußt. Sie wollten meine Existenz reduzieren. Sie setzten mich neben Sybille, sie setzten mich neben Bastian und in die Therapiegruppen. Sie versuchte, meine Erinnerungen auszulöschen. Ich würde kämpfen, doch musste ich einen Dreh finden, der mich noch vor dem Wolfsburg-Spiel aus den Kliniken brachte. Zumindest musste ich mit dem Langen Kontakt aufnehmen. Punkte bestellen, um Punkte zu machen. Sonst würde das schief gehen. Nur wie Kontakt aufnehmen, wenn ich nur die Nummer von Redermann hatte, der mich weiterhin täglich verhöhnte.

Ich verlief mich in meinen Überlegungen. Langsam trieben diese Überlegungen mich in den Wahnsinn. Es war also nicht die Klinik, sondern meine Sorge, um den Fortlauf meines Lebens. Im Unterwasseraquarium hatten sich damals die Fronten schnell geklärt. In Piotr hatte ich eine Vertrauensperson an meiner Seite. Und wenn Piotr auch durchgedreht war, so sah ich, dass seine Arbeit gut war. Aber auch ich erinnerte mich an meinen großen Auftritt bei CNN International. Ich hatte existiert. Immerhin. Vielleicht konnte ich das Video irgendwo auftreiben.

Aber davor musste ich mich jetzt erst einmal an die Liste machen. Was bedeutet mir wirklich was? Mir wollte nichts einfallen. Natürlich. Spaziergänge! Das stand schon dort. Aber konnte ein Mensch alleine durch Spaziergänge überleben? Ich notierte: Beobachtungen (Flugzeuge, Ausflugsdampfer). Das war ein guter Punkt. Ich mochte den Bewegungsgedanken. Eigentlich also waren Beobachtungen auch nur Spaziergänge, diesmal eben in Gedanken. Mein Bettnachbar nervte jetzt mit der neuen LMFAO. Er hatte sich mir immer noch nicht vorgestellt. Und ich kein Interesse, mich ihm vorzustellen. Was ein Arsch, dachte ich und versuchte das Gekreische irgendwie auszublenden.

Wenn es Frühling in Berlin wird, sitze ich fest, dachte ich und sehnte mich nach Alaska. Auswandern. Raus. Aus dem Moloch leben. Wald, Hochwald, Holzfällen! Das wäre es, dachte ich. Wie Thoreau in der Hütte, wie der sogenannten Burgschauspieler beim sogenannten künstlerischen Abendmahl, das zum Nachtmahl wurde. Vielleicht, dachte ich, sollte ich einfach abhauen. Wenigstens Helgoland. Ich musste einen Dreh finden. Aber erst einmal war da mein Bettnachbar, LMFAO und der Fragebogen. Ich schrieb jetzt wie im Wahn. Wut, Alkohol, Nikotin! Gewalt, Unterdrückung, Diktaturen! Ja, das mochte ich. Jetzt. Ich musste diesen Zettel vollkriegen, und es war egal was dort stand. Es war einfach egal. Alles war egal.

Nach dem 4-4 hatte mich jemand hier eingeliefert, und sie wollten mir nicht einmal sagen, wer dieser Jemand war. Ich hätte auch Natur schreiben können. Aber sie wollten, dass ich meine Ruhe finde. Ich gab ihnen jetzt den Stoff. Sie mussten mich für ein kontrollierbares, niedliches Monster halten. Und zum Monster konnte man hier drin werden. Praktischerweise hatten sie hinter ein paar Bäumen gleich die Forensik versteckt. Sollen sie mich doch da rein stecken, wenn ich Wolfsburg nicht sehen würde, ginge ohnehin alles den Bach runter. Helgoland, Forensik, Alaska, Ruhe, Hochwald. Darum drehte es sich. LMFAO! Mein Arsch. Den wollte ich retten. Aber ich hatte keine Wahl mehr. Sie hatten mich. Sie hatten mich gerufen und ich war gekommen. Draußen war immer jemand im Busch und ich hatte nicht aufgepasst. Er hatte mich geholt. Er hatte mich eingeliefert.

„Dembowski! Ich komme, um den Zettel abzuholen. Und gleich, Sie wissen ja, wartet die Musiktherapie auf sie. Heute geht es ans Xylophon. Keine musikalische Vorbildung von Nöten!“ Jeder Tag ist ein Spieltag. Die Schwester nervte. Aber ich hielt hier den Zettel hin, stand mechanisch von meinem kleinen Tisch auf und folgte ihr in den Therapieraum. Dort ergriff ich sofort das Wort: „Wenn wir hier schon eine Therapie veranstalten, dann sollten wir langsam mal an einem neuen Meisterhit arbeiten! Es geht immer um den Ballspielverein. Der Verein, den ich so liebe. Der Verein, der mein Herzschlag ist!“. Sie schaute mich an. Ich schaute sie an. Der Musiktherapeut war Spanier. Ich verstand kein Wort seiner Gegenrede.

Griff mir ein paar Holzklöppel und schlug gegen die Tür. Ich sang Ihnen das Lied vom Spieltag. „Jeder Tag ist ein Spieltag!“, schrie ich, mich bald in einen Wahn steigernd. Der Spanier war hilflos, Sybille, die auch hier war, erzählte weiter von ihren Freundinnen, der Pirat sang von den Netzpiraten. Ich schrie „Spaten!“, Marianne brach zusammen, „keine Beleidigungen“, ich „ins Moor!“ und die Faust in die Luft „dem Jürgen Klopp, dem haben wir es geschworen“, der Pirat „dem Lobo reichen wir die Hand!“ Ich auf ihn drauf, er in Abwehrhaltung, der Spanier mit dem Versuch, die Situation zu schlichten. Die Schwestern in den Raum. Ich „und ist das Spiel gewonnen!“, Sybille „sie hat es so schwer! Ihr Leben…“, der Pirat „Abgeordnetenhaus“, die Drauschke „Ruhe jetzt!“. Ich aus der Tür, auf den Hof. Es gab keinen Ausweg mehr! Wolfsburg war für mich verloren.

der weg in die autostadt bleibt versperrt