Als die Nachricht kam, war es sowieso schon zu spät. Als die Nachricht kam, schaltete ich den Fernseher ein. „Mensch, Dembo, das muss was sein“, dachte ich mir und sah Reporter an Bahnschranken. Sie waren aufgelöst. Trotz minutenlanger Recherche konnten sie keine genauen Details liefern, nicht einmal ein Leichenteil hatten sie in der anbrechenden Novembernacht finden können.

Und so stand die Karawane in dieser tristen Herbstnacht an einem Bahnübergang in Neustadt am Rübenberge und sprach unfassbare Worte in ihre gelabelten Mikrofone. Sie hatten nicht einmal einen Nachruf vorbereitet. Zum Glück haben wir Experten, hörten wir die Medienmacher in ihre nicht abgeschalteten Mikrofone sagen. Ein paar Minuten später hatte sich jeder Sender seine Experten ins Studio geholten. Sie müssen hinter den Kulissen für genau diese Fälle bereitstehen, dachte ich und schaute weiter auf den Flachbildschirm in meiner Erdgeschosswohung. Auch im Netz heizte sich die Stimmung auf. Hier brauchte es keine Experten, hier hatte ohnehin jeder mit Netzzugang eine Meinung. Die nachdenklichen Stimmen waren die nachdenklichen Stimmen der hinter den Kulissen bereitstehenden Experten. Sie hatten sie im Netz einfach übernommen. Die weniger nachdenklichen Stimmen hielten sich noch einen Moment zurück. Am nächsten Tag aber, das war ihnen jetzt schon klar, konnten sie langsam ihr Witzfeuerwerk abfackeln. Manchmal aus Hilflosigkeit, meist aber aus ihrer Gedankenlosigkeit heraus. Da hatten Polizeireporter längst ihre fröhlichen Bilder der Unfallstelle verkauft. Höchstbietend. Im Namen der Aufklärung.

Der Präsident zeigte sich betroffen, spielte seine Paraderolle, die ihm nicht einmal 2 Jahre später einen Tatort-Auftritt bescherte. Die Zeitungen waren sich sicher: Wir verändern unsere Berichterstattung. Es gibt keine Versager mehr, es gibt nur noch Menschen. Etliche Artikelserien wurden verfasst, wieder kamen die Experten zur Wort. Man hatte es natürlich kommen sehen. Und nicht verhindern können. Dieser unmenschliche Druck. Diese Angst vor der Offenbarung. Wie konnten Menschen in dieser Umgebung überhaupt funktionieren. Das große Hinterfragen nach der Sache am Bahnübergang in Neustadt am Rübenberge. Der Tod sang den Blues und alle stimmten ein. Es waren einfache Zeilen, es war keine leichte Kost, alle hatten ihre schwere Seite entdeckt. Manchmal, klang es durch, funktioniert der Mensch nicht mehr. Dann muss er sich offenbaren. Machen Sie es auch! Sonst landen Sie noch vor dem Zug. Und wir in diesem Land, wir sind eine große Familie. Wir fangen Euch alle auf. Bevor der Tod Euch holt? Offenbart Euch! Wir fangen Euch auf. Es gibt kein Versagen. Und war es nicht schon immer so: It’s better to burn out than to fade away? Hat Neil gesungen, hat Kurt zitiert, wurde zur Diagnose.

Inmitten all der nachdenklichen Stille saß ich in meiner Erdgeschosswohnung, rauchte Kette, trank Kronen in rauhen Mengen, ging kaum noch aus dem Haus. Dort erwartete mich nichts. Dörte hatte sich lange nicht mehr gemeldet. In der Kneipe hatte ich keinen Kredit mehr. Und niemand brauchte einen gestrandeten Ermittler. Manchmal sang ich auf meiner Gitarre den Blues. Er war mein Begleiter. Manchmal blätterte ich in alten Aufzeichnungen, schaute auf Bilder aus einem verwischten Leben. Manchmal schwieg ich tagelang, kommunizierte Notwendigkeiten über das Netz. Und hin und wieder klingelte es an der Tür. Irgendwer wollte fragen, wie es mir geht, doch ich wartete nur noch auf meinen letzten Besucher. Immerhin, hatte er mir geschrieben, liebte er mein Leben. Der letzte Besucher war mein letzter Freund. So saß ich in der Erdgeschosswohung, hörte mich durch meine Nick Drake-Sammlung und an Spieltagen schleppte ich mich zum Stadion, machte meine Witze. Und wenn einer sagte: „Aber nach Enke!“ dann lachte ich und dachte mir „…ist vor Dembowski!“

der tod singt den blues