Der Sommer war durch den Oderbruch gezogen, ganz langsam mischte sich dem Grün auf unserer Wiese das Braun alter Blätter bei. Ich flanierte über die Wiese, ließ mich bald an den Sonnenblumen nieder. Sie waren in den letzten Monaten in die Höhe geschossen. In meiner rechten Hand hielt ich ein Wasser, meine linke Hand hob ich hin und und wieder zum Gruß. Ein paar Fischer passierten auf ihrem Weg zum alten Oderarm den Gartenzaun, am anderen Ende der Wiese graste Bruno, unser Lama. Dörte spazierte über den Rasen, wässerte die Lupinen. Ich beobachte sie, blickte zurück auf die Sonnenblumen. Auf meinem Weg zurück auf die Veranda kämpfte ich mich durch den Kürbiswald. Ich hatte die Triebe mit Zweigen ein wenig in Form gebracht, doch es war mein erstes Jahr als Gärtner. Zwar hatte ich mein Talent entdeckt, doch ich musste es noch trainieren.

In den letzten Wochen hatte ich mich vom Fußball entfernt. Es würde nicht so bleiben, da war ich mir sicher, doch genoss ich die Gärtnerei, lebte den Sommer, und ab und an konnte ich sogar einen Fisch auf den Grill werfen. Morgens schwamm ich in einem kleinen See, am Mittag lief ich über sandige Wege durch den Wald, atmete frische Luft, trank Wasser. Dörte war den Tag über im Garten beschäftigt. Wir lebten von meinen Reserven. Viel war das nicht. Aber Berlin schien von hier ein Leben weit weg, der Fußball mindestens ebenso weit. Wir genügten uns und auch wenn ich manchmal unruhig wurde, so war dies der schönste Sommer meines Lebens.

Manchmal redeten wir über die Vergangenheit, über unsere Entfremdung, redeten über die Flucht. Manchmal erzählte ich von meinen Dortmunder Tagen, erklärte die Erdgeschosswohnung zu meiner Lebenslüge, die mir am Ende jedoch die Freiheit gegeben hatte. In der Erdgeschosswohnung war ich ganz unten angekommen, mich jedoch mit letzter Kraft gegen mein Ende gestemmt. Es war mir erst langsam und beschwerlich, dann immer besser gelungen. Ich hatte mich mit aller Leidenschaft in den Ballspielverein gesaugt, und nicht zuletzt auch durch seine Erfolge neue Kraft gewonnen. Alles aber hat seine Zeit, sagte ich irgendwann zu Dörte. Ich erklärte ihr, wie sehr ich, nachdem ich immer tiefer reingerutscht war, mich eingeengt gefühlt hatte. Der Fußball, der Ballspielverein hat mein Leben diktiert, und ich habe so viel vergessen, erklärte ich ihr.

Doch in diesem Sommer erinnerte ich mich an die Natur. Mein Leben war zu einem langsamen, ruhigen Fluß geworden, die Stromschnellen hatte ich in den ersten Julitagen verlassen. Man konnte mein Leben als langweilig bezeichnen. Wie sehr hatte ich mich in all den Jahren danach gesehnt. Keine Bewegung. Keine Aufregung. Gar nichts. Meine Ermittlungen beschränkten sich auf ein paar Nacktschnecken, die über die Salatköpfe hergefallen waren. Die Antwort war einfach. Wir hielten uns jetzt einfach einige Laufenten. Das Leben war gut. Doch die Bundesligasaison stand vor der Tür.

der sommer