Ich bin dann doch in eine Kneipe gegangen. Habe das Spiel geschaut. Wenn sie mich schon nicht einladen, dachte ich, schaue ich mir wenigstens das Spiel an. Die Kneipe war gut besucht, ein paar Besucher hatten sich Bayern-Trikots angezogen, doch ein Großteil war neutral gekleidet, in den Endspielen aber für die Bayern. So wie sie in Endspielen aber auch für die Dortmunder gewesen wären. Vielleicht nicht für die Blauen, denen auch hier im tiefen Osten abgrundtiefer Hass entgegenschlug.

Dass die ab 20.45 Uhr folgenden 150 Minuten die bittersten Minuten ihrer Fankarriere sein sollten, sah man den wenigen in Trikots gekleideten Fans nicht an. Sie waren voller Vorfreude und doch ob der Klatsche im Pokal auch voller Anspannung. Normalerweise geht man da raus, haut eine Mannschaft wie Chelsea daheim locker weg, schnappt sich den Pokal und feiert die ganze Nacht. Am Anfang sah auch alles danach aus, Heynckes hatte Robben in die Mitte geschickt und dort wirbelte er dann auch. Aber mit seinem Pfostenschuss begann der lange Weg hinab. Klar, die Bayern erspielten sich Chance über Chance, doch wirklich zwingend war das alles nicht. Die wenigen Konter hingegen spielten sie nicht schnell, sondern behäbig aus. Chelsea hatte den Bus immer schon vor dem Strafraum geparkt. Sie schauten sich das Spiel an. So wie wir das in der Kneipe taten. Die Rekorde purzelten, die Bayern holten die meisten Ecken aller Zeiten, waren das überlegenste Finalteam aller Zeiten, doch auch der Müller-Treffer war nicht genug. Drogba, in seinem letzten großen Spiel, stand genau einmal richtig und köpfte den Ball in den Winkel. Verlängerung. Kein 1999. Immerhin. Dachten sich auch die Bayern-Fans hinter mir.

Und ich dachte: Endlich Sommerpause. Noch 30 Minuten. Noch ein Elfmterschießen. Auf ins Unterwasseraquarium. Die Tasche war gepackt, das Ticket in Richtung Stettin gebucht. Piotr und Tomasz hatten das Aquarium verlegt. In den Norden. Ans Meer. Wie ihnen das gelungen war, würde ich rausfinden. Aber erst nach dem Spiel. Der Spiele. Die Bayern! Enon Discon! Und Robben wieder. Immer wieder Robben. Mit dem Ball in seine Ecke. Wie idiotisch muss man eigentlich sein, dachte ich und fragte das auch gleich die am Boden liegenden Bayern-Fans, die ihren in der Halbzeitpause aufgeblasenen Champions League-Pokal immer noch nicht berühren wollten. Doch als Robben den Ball mal wieder nicht ins Tor bekommen wollte, und ich mich natürlich auch freute, fühlte ich mich unentschlossen. Fühlte ich auf jeden Fall, dass ich in meiner Haut an diesem Abend besser aufgehoben sein würde als die Bayern-Fans in ihren Trikots. Da sitzt man in einer Kneipe, schaut ein Endspiel und hat überhaupt keinen Plan, was um einen herum passiert. Man schaut auf die Köpfe und sieht doch nicht den Schmerz, der sich nach Olics Stümperei im Strafraum endgültig in die Seelen gearbeitet hatte. Ich beschloss, mir meine Häme für andere Momente aufzubewahren. Und so reagierte ich auch im Elfmeterschießen nicht. Nicht als Manu hielt und nicht als Olic und Schweinsteiger nicht trafen. Die Bayern hatten eine historische Chance weggeschenkt und standen, das konnte man an diesem 19.05.2012 vor einer ungewissen Zukunft.

Das Bild des trauernden Hoeneß war ein Bild einer verlorenen Generation. Zwei internationale Endspiele verloren und jetzt auch noch ein nationaler Konkurrent. Ihm war klar, dass er diese Aufgabe nicht mehr stemmen konnte und ihm war klar, dass ihm mit Nerlinger der falsche Mann nachgefolgt war. Bitter! Und doch freute ich mich in diesen Momenten. Und doch wunderte ich mich in diesen Momenten über meine Freude. Hoeneß hatte immer schon zum Fußball gehört und er war, nicht aus meiner Sicht, sicher auch ein feiner Kerl. Was auch immer jetzt noch passierte, es lag nicht mehr in seinen Händen. Und auch nicht in meinen. Nerlinger hatte jeden Kontakt verweigert und dafür die Quittung bekommen. Für ihn tat es mir nicht leid, aber die beiden Fans im Bayern-Trikot in dieser Berliner Kneipe, sie schmerzte es und ich spürte, dass ich besser meine Fresse halte. Nachtreten war nicht mein Ding. Sie hatten das Pech gehabt, irgendwann Bayern-Fan zu werden. Das konnte man sich nicht aussuchen. Jetzt mussten sie mit der Niederlage leben, während ich mich fragte, wie es ist, wenn man nie mehr verliert. Das würde ich Piotr fragen. Denn meine Vergangenheit war Eure Zukunft und meine Gegenwart. Das sollte nach der Saison 2011/2012 jeder verstanden haben.

der schmerz der bayern-fans