Der Russe hatte sie nicht mehr alle. Sperrte mich nicht weg. Irgendwann am Neujahrtag wachte ich auf. Genauer: Vom Sound der Türklingel auf. Irgendwer stand vor der Wohnung, brüllte. Ich wollte mich bewegen, doch nichts ging. Griff zu meinem Handy. Ich lebte. Irgendwer sollte das wissen. Wahllos schrieb ich Nachrichten. „Ich lebe!“. Wenig hilfreich, klar. Niemand wußte, dass ich vielleicht nicht mehr lebe. Und wenn: Es war ihnen ohnehin egal. Das Jahr konnte nicht häßlicher beginnen. Meine Einsamkeit. Vorgeführt von einem Russen. Erbärmlich.

Der Russe stand in der Tür. Wurde lauter. Wollte niemanden informieren. Wiederholte immer wieder, dass es nicht sein Problem sei. Dass die Stichwunden nicht sein verdammtes Problem sein. Langsam floß Blut in die Wohnung. Irgendwas musste passiert sein. Hatte der Russe im Blutrausch nicht nur mich ausgeknockt, sondern, während meines Schlafs, noch ein paar andere Menschen mit seiner Wut konfrontiert. Was anderes konnte es nicht sein. Ich fiel zurück in einen Dämmerzustand, wurde dann von Martinshörnern und Sirenen geweckt, schleppte mich zum Fenster, schleppte mich zum Balkon. Der war verschlossen. Schaute aus dem Fenster. Sah die Einsatzwagen, sah die Sanitäter, sah einen Menschen auf einer Trage. Sah wie die Einsatzwagen, wie die Krankenwagen mit Blaulicht in Richtung Brücke fuhren. Sie waren nicht wegen mir gekommen.

„Das war ich nicht, keine Sorge, Dembowski“, hörte ich den Russen hinter mir sagen. Alles sei ganz anders, er hätte einen Auftrag für mich, und wußte keinen anderen Weg, um meiner habhaft zu werden. So habe er sich die Sache mit der Fahne ausgedacht, in der Gewissheit, dass ich anbeissen würde. Ich habe es auch getan. Wieso er sich sicher gewesen sei, wollte ich wissen. „Schwachstelle. Jeder Mensch hat eine Schwachstelle. Und das ist Deine, Dembowski. Komm mit, ich will Dir was zeigen!“ Er führte mich vom Fenster weg, in einen zweiten Raum. Überall waren Totenköpfe, überall ging es um das Gegenestablishment der niedlichen Hamburger Kiezkicker. Der Russe war Pauli-Fan. „Das ist mein Verein“, erklärte er mir und deutete auf eine kleine Kiste im Plattenregal „und hier sind all meine Dauerkarte. Wirklich ein toller Verein. Und so gegen alles. Die sind echt Kult!“

Erbärmlich. Auf St.Pauli folgte das Neujahrsprogramm im Fernsehen. Neujahrsspringen und immer wieder die Ankündiung des Traumschiffs. „Boah, heute sind die auf Bali! Genial“ Der Russe hatte wirklich nicht mehr alle beisammen, aber er wollte mir einen Auftrag verschaffen. Würde ich sicher nicht ablehnen können und würde mir sicher auch genau mit diesen Worten erteilt werden. Grausam. Erbärmlich. Meine Gedanken wiederholten sich. Ein Verbrecher aus dem Spießbürgerbuch. Und jetzt saß er da, ohne großen Plan, verschickte Nachrichten und erhielt Nachrichten. Worum es bei dem Auftragen gehen sollte, konnte er mir nicht erklären. Und wenn er nicht auf sein Handy schaute, erklärte er mir die Vorzüge des Traumschiffs. Der Russe hatte einen Knall. Und ich war ihm ausgeliefert. Dachte ich.

der russe

Ein Gedanke zu „der russe

  • Januar 2, 2012 um 10:52 pm
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    Das Traumschiff des Russen ist ja vielleicht der "Panzerkreuzer Potjemkin"?

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