Während irgendwo in der Nähe von Tripolis gerade Weltgeschichte geschrieben wird, sollte ich mir langsam einmal Gedanken machen. Gedanken darüber, ob Redermann mir nicht langsam den Rang abläuft. Die Nummer am Samstag hat mich dann doch zutiefst erschüttert. So schnell kann man gar nicht lernen. Länger als einen Tag musste ich das Geschehene verdauen und auch heute fällt es mir einfach nur schwer, diese Sekunden vor dem Anpfiff in Worte zu fassen. Auf Anfang:

Wir treffen uns wie immer irgendwo auf der Lindemannstraße. „Happy Birthday, Redermann“, rufe ich ihm wieder zu. Er nickt nur. Ist irgendwo anders. Ob noch in der Kneipe und sonst wo, ich kann es einfach nicht sagen. Bis auf ein „Du hast mir schon gratuliert, Säufer. Wir gewinnen das Dinge heute!“ kann ich von ihm einfach nichts in Erfahrung bringen. Das macht mich fertig. Richtig fertig. Doch so näher wir dem Stadion kommen, so egaler ist es mir. „Der Samstag!“ hat seine Vorteile. Einer davon ist sicher, dass ich jetzt an Spieltagen einfach ins Stadion gehen kann, das Spiel sehe und nachher einfach die Spielberichte von meinen Hilfskräften vor dem TV schreiben lassen kann. Meinen Namen packe ich natürlich trotzdem drunter. So gehört sich das. Den Kniff habe ich damals von einem Musikschreiber gelernt. Dieser hielt sich gleich eine ganze Armee von Praktikanten, die in seinem Namen belanglose Texte über belanglose Platten schrieben, während er, mittlerweile speckig, mit den Stars und Sternchen des Boulevards durch die Weltgeschichte jettete. Er hatte ein Alkoholproblem, er war glücklich. „Ich habe kein Alkoholproblem“, erkläre ich Redermann an der Bude Ecke Kreuzstraße. „Doch“, antwortet er. Doch ich höre schon längst nicht mehr zu. Auf den Bierbänke sehe ich Ritchie. Den würde ich doch gerne begrüßen, doch bevor ich die Bierbank erreiche, ist Ritchie schon wieder verschwunden. Niemand will mir Auskunft geben. Irgendwas ist anders. Noch ein Bier und als Amok kommt auch schnell noch ein Jäger. Die Konstrukteure auf dem Weg zum Spiel gegen Nürnberg.

Wir schlendern in den Pressebereich. Oberkante. Aber was soll’s? Reiser tuschelt mit einem der anderen Presseleute und deutet immer wieder in unsere Richtung. Wir stören uns nicht weiter und entern erst einmal die Bar. „Kein Bier vorm Spiel“, sagt der Volunteer. Doch es ist Redermanns Geburtstag und da gibt es sehr wohl Bier vorm Spiel. Ich schiebe schnell meine Visitenkarte rüber und mit einem Augenzwinkern biete ich ihm an, bei Problemen einfach mal in der Redaktion vorbeizuschauen. Er schiebt ein paar Biere in Pappbechern rüber. Ich verdrücke mich auf die Tribüne. Amok und Redermann sitzen bereits da, flüstern und schweigen still als ich meinen Platz einnehme. Verdammt nochmal, da ist etwas im Busch. Es ist keine Revolution, aber sie emanzipieren sich immer mehr von mir. Ich weiß nicht, ob ich lachen soll, da sie so naiv sind und denken sich von mir lösen zu können, oder laut brüllen soll, da mir die Sache so langsam aus der Hand gleitet.

Das Thema auf den Tribünen ist natürlich Hoppgate, so auch auf der Pressetribüne. Alle sind sie genervt, reden von den Fans und ihren Schmähungen, von ihren übermütigen Briefen an den Chef. Eine Störung, eine grobe Störung wichtiger Urlaubstage sei das für den großen Wohltäter. Wohltäter, wohl Opfer. Opfer unbarmherziger Attacken betrunkener Fußballhooligans. Wir fühlen uns angesprochen, doch habe ich keine Lust, immer und immer wieder auf den wahren Ablauf der Geschichte hinweisen will. Davon bin ich immer noch genervt. Auch von Redermanns nachfolgenden Recherchen. „Das Thema ist sowas von durch“, werfe ich in die Runde. Aber Redermann lächelt nur und lenkt meinen Blick in Richtung Südtribüne. Auf einem der Banner steht: „Dietmar Hopp, Du Sohn einer Hupe!“ Erst nervt der Vogel mich eine ganze Woche mit seinem Hupenhopp und jetzt hat er die Süd zu einem Banner überredet. Ich stehe auf, gehe die paar Treppen runter und renne an den Blauen vorbei raus aus dem Stadion. Da kann Redermann noch so oft Geburtstag haben. Der Coup ist mir ein wenig unheimlich. Seitdem sitze ich in der Erdgeschosswohung, rauche und trinke und traue mich nicht ins Netz, traue mich nicht ans Telefon. Wenn die Wentraud klingelt, murmel ich schnell meine Bestellung und öffne meine Tür erst ein paar Minuten später. Dietmar Hopp, Du Sohn einer Hupe? WTF?

der redermann-coup