Im Laufe der nächsten Tage und Wochen stellten sich eine Menge Leute bei mir vor. 
Ich saß am Fenster und schaute dem langsam entschwindenden Sommer zu. Innerhalb weniger Tage verlor die Sonne ihre Kraft. Manchmal sah ich nur noch die Lichter der landenden Maschinen. Manchmal hörte ich nur noch das leichte Sterben der Maschinen. In all diesen Flugzeugen saßen Menschen. Menschen, die sich bewegten. Meine Welt stand still. Die Stimmen verschwanden nicht. Sie wurden lauter. 
Borussia schlug Hamburg, verlor gegen Neapel, mühte sich gegen Nürnberg und 1860, daheim lief es weiter prächtig. Freiburg hatte keine Chance. Die Wahlen kamen und gingen. Auf der Straße feierten sie die letzten Feste des Sommers. Manchmal sah ich die Blaulichter, sah sie in der Soldiner Straße verschwinden. 
Manchmal spazierte ich die Walter-Nicklitz-Promenade entlang. Die erste Kastanie wanderte in die Brusttasche, in der schon die Kastanien der Jahre 2001 bis 2012 darauf warteten, mir einmal Glück zu bringen. Doch die Kastanien warteten vergeblich. So wie ich vergeblich wartete. Doch alles was ich hörte: Stimmen. Die ewig gleichen Stimmen. Doch alles was ich sah: Roter Nebel. 
Die Blätter änderten ihre Farben. Sie wurde erst orange. Als sie ihre Kraft verloren wurden sie gelb. Manchmal braun. Dann lagen sie schwach und matschig auf den Wegen an der Panke. Sie hatten den Kampf mit den Jahreszeiten verloren. 
Wenn ich nicht am Fenster saß, hörte ich mir die Monologe der neuen DerSamstag!-Macher an. Sie wollten weiter, immer weiter. Sie wollten die neue Mittelmäßigkeit der Gesellschaft ansprechen. Sie glaubten nicht mehr an Print, sie glaubten daran, die neuen Kämpfe im Internet auszutragen. Ich war zu schwach, ihnen zu widersprechen. 
Für eine Übergangszeit billigten sie mir noch die Leitung der Redaktion zu. Innerhalb weniger Monate hatte ich zu viel verloren, um noch zu kämpfen. Erst Reiser, dann Berg und am Ende DerSamstag!. Mir blieb die Lamafarm. Mir blieb Dörte. Mir blieb Koi. Mir blieben die wenigen Momente der Ruhe. Doch der rote Nebel war stärker. Er war bald von Grauschleiern durchsetzt. Ich stürzte mich in die Arbeit. Ich studierte die Texte der Konkurrenz. Ich versuchte, ihre Schritte zu erahnen, bevor sie ihre Schritte erahnten. 
Schnell war klar, dass Boulevard keine Raketentechnik war. Schnell war klar, dass die angestrebte Mittelmäßigkeit der neuen Inhaber ohne größere Anstrengungen zu erreichen war. So setzte DerSamstag! bereits vor dem Neapel-Spiel auf die ersten Stiche gegen Klopp. Da hatte der BVB Hamburg gerade mit 6-2 vernichtet, Fink aus dem Amt getrieben. Wenn es auch ein Glücksspiel war, so konnten wir bei dieser Nummer nur gewinnen, so konnte ich bei dieser Nummer nur gewinnen. Nicht mehr als Zeit, aber diese Zeit brauchte ich. Das war mir bewusst.
Schnell hatten die neuen Herren die Themen für die nächsten Monate festgelegt. Noch schneller sprachen sie von ihren Expansionsplänen. Es war nicht mehr mein DerSamstag! Sie hatten ihn mir aus den Händen gerissen. Die Stimmen wurden immer lauter. Labbadia, Fink, Wiesinger, Klopp, Klopp, Klopp. Dann fielen die Trainer. Dann expandierte DerSamstag! Dann endete der Sommer. Ich saß am Fenster und sah im beim Sterben zu. 
Für ein paar Tage ging ich zurück auf die Lamafarm. Für einige wenige Momente verzogen sich die Nebelschleier. Doch es wurde schnell langweilig. Dörte war tief in ihren Vorbereitungen für den 1.Welt-Lamatag. Der, so hoffte sie, würde der Farm einen neuen Schub geben. Als ich aber die Worte „zentrale Abschlussveranstaltung“, „Lamalifestyle“ und „spread the llama love“ nicht mehr hören konnte, kam der Nebel langsam zurück. Koi hatte sich zurückgezogen. Er schmollte. 
Eines Abends saß ich vor dem Wohnwagen, blickte auf die Farm, sah die neuen Alpakas, die genügsam grasten und nichts passierte. Zum ersten Mal waren die Stimmen nicht mehr da. Leise sang ich den Kürbis-Song. „Hey, bist Du auch aus Kürbis, hey? Hey, bist Du auch aus Kürbis, hey?“ 
Nicht einmal die Blätter antworteten mir. Ich fuhr zurück in die Wollank. Vor Lampedusa sangen Schiffe. Zynische Politiker schwangen Reden, die von der geifernden Masse auseinander genommen wurden. Bis das nächste Unglück passierte. Bis die nächsten zynischen Politiker Reden schwangen. Bis diese von der geifernden Masse auseinandergenommen wurden. 
Aktion, Reaktion. Bis zum nächster Katastrophe. So hangelten wir uns durch unser Leben. Rede, Gegenrede. Bis zur nächsten Aufregung. Trauer bis zur nächsten Freude. Weiter, immer weiter. Egal wieso, egal warum. 
Die neuen Herren wollten Aktion statt Reaktion. Wollten Rede statt Gegenrede. Wollten Betroffenheit statt Trauer. Wollten Meinung statt Gewissen. So funktioniert das Spiel, hatten sie mir zu einem Zeitpunkt erklärt, an dem ich das Spiel längst verstanden hatte. Und lieferte. Bis wann noch, fragte ich mich. 
Doch die Zeit lief mir davon. Labbadia, Fink, Wiesinger, Klopp, Klopp, Klopp. Die Stimmen wurden lauter. Wiesinger ging und DerSamstag! lieferte. Jetzt fehlte noch Klopp, Klopp, Klopp. 
Jeden Morgen war ich von den Zahlen erschüttert. „Das Populismus-Experiment“, wie es die neuen Herren von DerSamstag!-Sales genannt hatten, nur um mich hinzuhalten, funktionierte. Jeden Morgen riss ich ein Kalenderblatt ab. Jeder Tag führte mich eine Stück weiter an den Rand. Manchmal war ich nur noch einen Schritt entfernt.

DerSamstag! wurde lauter, mittelmäßiger, nerviger. Die neuen Namen in meinem Postfach sagten mir nichts. Ich bezweifelte, dass sie mir jeweils etwas bedeuten würden. Ich bezweifelte, dass mir jemals wieder etwas bedeuten würde. Vielleicht würde das Ende ein neuer Anfang sein. Doch ich machte weiter. Bis das nächste Unglück passierte. Bis zur nächsten Katastrophe. Bis zur nächsten Aufregung.
der nebel kehrt zurück

Ein Gedanke zu „der nebel kehrt zurück

  • Oktober 12, 2013 um 8:25 pm
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    Ermittler, Deinen Frust verstehe ich. Du darfst aber nicht vergessen, das ganze Pack hast Du gerufen. Du! Du musst Sie verscheuchen und die Dinge an Dich reißen.

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