Und so lag ich wach und erinnerte mich an Roger und grübelte über das Verschwinden Amoks. Das Telefon klingelte gegen 2 in der Nacht und riss mich aus meinen Dämmerträumen. „Dembowski, Ermittler aus Leidenschaft. Wie darf ich Ihnen behilflich sein?“ „Schnauze, jetzt hörst Du mir mal zu Freundchen!“ „Mach ich sehr gerne, mein fremder Freund“ „Verdammt, hörst Du mir nicht zu? Du sollst mir zuhören!“ Die Stimme klang immer aufgeregter, dabei folgte ich seinen Anweisungen. Neben mir lag das Ermittler-Handbuch der verbindlichen Freundlichkeit. Damit konnte man nichts falsch machen. Hat noch jeden aus dem Konzept gebracht, dachte ich.

„Doch, doch! Mit großer Freude vernehme ich Ihre Stimme, fremder Freund!“ „Niemand hat die Absicht, mit Dir befreundet zu sein, Dembowski“, schallte es mir entgegen. Ich musste Zeit gewinnen. Irgendwo hatte ich die Stimme schon einmal vernommen. Und es war nicht Die Stimme, von der ich seit langer Zeit nichts mehr gehört und auch in den einschlägigen Sendungen gesehen hatte. Was aber auch sinnvoll erschien. Die Meistereuphorie ist in der Stadt längst verebbt. So langsam kehrte die altbekannte Arroganz zurück in die Gesichter der Stadiongänger. Auch auf den Straßen, dachte ich, sehen die Menschen jetzt anders aus. Dieses Hauptstadt des Fußballs-Gerede muss ihnen nicht gut bekommen sein, dachte ich während ich den Hörer in der Hand hielt und mich mühsam mit der Kaffeemaschine beschäftigte. Das hältst Du ja im Kopf nicht aus, an der Leitung ein Verrückter und die Kaffeemaschine streikt. Roger ist weg, Amok verschwunden und am Nachmittag steht ein Bundesligaspiel an. Dembowski, wie willst Du das nur schaffen? Alles! Mir war es nicht ganz klar. Erst einmal, beruhigte ich mich, das Gespräch beenden.

„Hallo? Du Windhund! Du mieser Windhund! Wir haben Amok.“ Die Stimme wurde mir nicht bekannter, ich glaubte dem Anrufer kein Wort. „Fremder Freund, nicht so schnell. Ich brauche Beweise, um die nächsten Schritte einzuleiten.“ „Du falscher Windhund, Du!“ Ich hatte verstanden. Er würde jetzt verschiedene Windhundbegriffe anbringen, viele würden es bei seinem Wortschatz nicht werden. Amok, der wieselflinke Konstrukteur, das ist klar, dachte ich, wird nicht in der Gewalt der Stimme sein. Wieder kämpfte ich mit einem ganzen Gedankenschweif. Wieder und wieder sah ich Die Stimme vor mir. Wo würde das Iglu heute sein. Amoks erster Fall. Die Milchpackungen im Kühlhaus. Endlich! Der Kaffee war fertig und ihn mir verspürte ich tiefe Dankbarkeit für den Öffentlichen Rundfunk. Dort, dachte ich, habe ich noch nie Die Stimme gehört. Diese andere Stimme, die Stimme am anderen Ende der Leitung begann zu nerven. Immer wieder vernahm ich die Worte: Amok, Entführung, Wölfe im Schafspelz, Lösegeld. Dazu stets wechselnde Windhundbegriffe: Mies, falsch, verflucht, dreckiger, lahmer, blöder, dämlicher (ich fragte nach, ob man das nicht mit H schreibt), verfickter, beschissener und so weiter und so fort. Der Anrufer langweilte, immerhin war der Kaffee genießbar und auch die erste Ernte des Spieltags ging gut runter. Ich blätterte im Ermittler-Handbuch der verbindlichen Freundlichkeit und suchte die Stelle mit der Gesprächsführung.

In der Zwischenzeit stellte mir die Stimme eine Falle, so hatte sie es zumindest vorgesehen. Er schlug mir einen Übergabetermin vor. Irgendwann noch am Morgen auf der Kanalbrücke am Fredenbaum. Ich notierte seinen Vorschlag. Würde ich weiterleiten. „Aber glaub ja nicht, dass Redermann, dieser hinterlistige Sohn einer Hupe, Dir helfen kann. Den kontrollieren wir auch.“ Jetzt regierte am anderen Ende der Leitung der Größenwahn. Langsam graute der Morgen vor meinen weit offenen Fenstern. Auf der Straße regierte das Bäckerchaos. Bald würde die Wentraud um die Ecke stürmen, dem Treiben ein Ende setzen. Ich freute mich auf die Brötchenlieferung. Das nenne ich einen gelungenen Morgen, dachte ich. Hin und wieder hörte ich dem Anrufer noch zu. Das Telefon war längst auf Lautsprecher gestellt und mischte sich unter die wüsten Beschimpfungen, das Linienbusgehupe und endlich auch unter Polices & Thieves. Ich blickte auf die Straße, die ersten Schwatzgelben spazierten bereits Richtung Stadion. Das wird ein verdammt guter Tag, dachte ich. Nur die Stelle mit der Gesprächsführung bereitete mir noch Sorgen. Ich saß am Küchentisch, schaute hin und wieder aus dem Fenster, freute mich über den wilden Soundmix und blätterte im Buch. Hin und wieder hielt ich inne. Das ist das Leben, Dembowski, sagte ich mir. Das ist das, was Du immer wolltest.

Sogar den alten Klassiker wollte ich mir jetzt erlauben. Ich schritt zum Fenster, blickte auf das Chaos und schrie „Belästigen Sie meine Familie nicht, wir sind hier im Urlaub. Wir wollen ausschlafen!“. Es ging im allgemeinen Stimmengewirr unter, aber das war mir egal. Aus dem Telefon plärrte es unvermittelt weiter: „Du dreckiger Windhund. Jetzt hör mir endlich zu!“ Mittlerweile ging sein Beschimpfungsmonolog bereits seit vier Stunden. Dass es ihn nicht langweilt, wunderte ich mich. Ich suchte mir die 10 Uhr Show aus dem Regal. Huah! oder doch Tocotronic. Mach Dir keine Sorgen mehr. Ich entschied mich für Tocotronic. Damals als ihnen noch nicht nach Kunst war, waren sie wirklich gut, dachte ich. Das Telefonat langweilte mich, die Beschimpfungen wurden zu Störgeräuschen. Ich erbarmte mich und verabschiedete mich: „Vielen Dank für Ihren Anruf. Ihre Stimme wurde gezählt.“ Endlich Ruhe aus der einen Richtung. Der Rest hatte sich auch bald erledigt, das hatte die Zeit bereits mehrfach gezeigt. Nur Amok hatte sich immer noch nicht gemeldet, auch Redermann könnte sich wieder mal blicken lassen. Erst einmal aber bestellte ich mir einen Berliner. Der Bäcker hatte seinen täglichen Kampf ausgefochten, die Wentraud sich wieder eingemischt. In der lokalen Zeitung berichteten sie von etlichen Diebstählen. Es gibt immer was zu tun, und das, so sagte ich mir, würde sich nie ändern.

der nächtliche anruf

Ein Gedanke zu „der nächtliche anruf

  • September 12, 2011 um 9:35 am
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    Hallmackenreuther liebte diese verspäteten Frühstücke auf der Terrasse. Sein Blick ging kurz über den See am Stadtrand des morgendlichen Berlins. Während er sich eine weitere Zigarette anzündete und dann noch einen Schluck vom bereits erkalteten Kaffee zu sich nahm, mußte er kurz schmunzeln, weil er wieder an sein nächtliches Gespräch mit Dembowski dachte. Den hatte er ja ganz schön eingeschüchtert und damit auf Touren gebracht. Natürlich hatte der Schmalspurermittler scheinbar cool reagiert und sogar noch einen seiner mäßigen Witze versucht. In Wahrheit aber war Dembowski eingeschüchtert, da war sich der frühere Oberstleutnant im Ministerium für Staatssicherheit ganz sicher.

    Hallmackenreuther öffnete jetzt mit geübter Hand den vor ihm liegenden Band mit der Aufschrift "IM Turbine", den er im Trubel der Wende 1989 direkt von seinem Schreibtisch im Ministerium mit nach Hause genommen hatte. Gleich auf der ersten Seite blickte ihm auf einem Bild ein blasses Jungengesicht entgegen.

    Amok, so nannte sich sein früheres bestes Pferd im Stall jetzt. Netter Name, aber wo mochte "Turbine" jetzt wohl sein? Auf Dembowski und dessen Fähigkeiten allein konnte Hallmackenreuther nicht setzen. Was also tun, außer weiter Druck auf den Ermittler auszuüben?

    Er hatte noch etwas Hunger und griff über den Tisch, um den Toaster anzuschalten.

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