Am Ufer also wartet an diesem späten Montag Piotr auf mich. Tomasz lächelt mich mild an und meint: „Jetzt hinsetzen. Ich bringe Essen und Trinken. Ihr schaut Wasser und redet.“ Piszczek ist in dieser Saison schon wieder weg. Lukasz II legt am Kai an, ich springe ans Ufer. Piotr hat sich schon auf eine der ufernahen Bänke gesetzt.

„Und dann verschwindest Du für einen Tag. Aber kein Problem, für die kommenden Tage brauchst Du Kraft. So ein Tag mit Tomasz macht sich da gut. Hat er wieder von den korrupten Polen und dem unschuldigen Piszczek erzählt?“ „Das hat er, woher …“ „Ich komme vier, fünf Mal im Jahr hier vorbei, in den letzten Monaten gab es kein anderes Thema mehr.“ „Okay. Was hast Du gemacht?“ „Hab viel telefoniert, ein wenig die Wahlen in Zürich verfolgt. Wusstest Du, dass ich eine belgische Telefonnummer habe?“ „Nein, aber?“ „Aber was? Ich bin ein mysteriöser Belgier, der morgen am Zürcher See eine PK einberufen hat. Dass diese nicht stattfinden wird? Darauf kommen sie nicht. Wie auch? Die Masuren klingen aus der Ferne wie die glatten Ufer des Zürcher Sees.“ „Und jetzt, was willst Du mir sagen und was zum Teufel mache ich hier eigentlich?“ „Du bist aus freien Stücken angereist. Den Zeitpunkt hast Du gewählt, Du bist doch der Ermittler. Wieso fragt mich ein Ermittler, was er hier macht? Wieso fragt mich ein, das sage ich ungern, selbsternannter und katastrophaler Ermittler, was ich ihm sagen will?“ Ich schaue ihn an, schüttele den Kopf, Tomasz setzt sich zu uns und erzählt ein wenig über die Sommermonate in den Masuren. Die Vertriebenen in ihren dicken schwäbischen Nobelkarossen, die immer noch auf der Suche nach der Wolfschanze und auf der Suche nach ihren ehemaligen Besitztümern seien, würden zwar weniger, aber von Jahr zu Jahr in ihrer Verzweiflung nerviger. Der Abend klingt langsam aus.

„Hast Du die Geschichte von Leoz gehört?“ fragt mich Piotr als ich an den Frühstückstisch trete. Es sind bereits 21 Grad, die Sonne knallt über den See und von einem Leoz hätte ich auch zu späterer Stunde eines Tages noch nichts gehört. Ich frage mich langsam, was für ein Spiel Piotr hier aufziehen will. Er hält sich für einen Belgier am Zürcher See und haut mir ständig Namen ins Gesicht, die mit Sicherheit noch nicht in meinem Kosmos aus Erdgeschosswohnung, Mittelstadtboulevard und Meistereuphorie untergekommen sind. „Nein“, entgegne ich dann auch. „Ach, Dembowski, Du musst noch viel lernen!“ Er nimmt einen Schluck Kaffee. Ein Kaffee, der hier nicht seinen Namen verdient, schon gestern habe ich ihn mir nur aus Anstands- und Suchtgründen runtergewürgt, der Kaffeepulverbodensatz ist mit der widerwärtigste, der mir jemals untergekommen ist. Tomaz setzt sich zu uns, was will er hier. Ich verliere langsam den Überblick und bin gerad erst den zweiten Tag hier. Tomasz und Piotr besprechen sich kurz, ich verstehe natürlich nichts. Hätte ich doch damals auf Dörte gehört und die Kurse wirklich besucht, vielleicht wäre alles anders gekommen. Ist es aber nicht, und während ich gedanklich bereits meine Abreise vorbereite und die möglichen Fluchtmöglichkeiten durchspiele, bedeuten sie mir, ihnen zu folgen. Wir gehen die Treppen hinunter, durchschreiten einen langen, kahl verputzten Gang. Vom Hauptgang zweigen mehrere Nebengänge ab, die an Stahltüren enden. Der Gang ist alle 40 Meter von Glühbirnen beleuchtet. Nach rund 400 Meter in diesem verzweigten System, nach etlichen Kurven, die uns immer noch auf dem Hauptgang belassen, der nur durch seine Breite diesen Namen verdient, öffnet Tomasz eine der Türen in einem der Nebengänge.

Ein großer Raum breitet sich aus. Am hinteren Ende des Raums ist eine riesige Panzerglasscheibe, dahinter liegt der Jezioro Nidzkie, an der Scheibe haben es sich ein paar Welse bequem gemacht, Algen trüben die Sicht auf das dahinter liegende klare Wasser. Wo bin ich hier gelandet, ich stelle besser keine Frage. Im Raum selbst herrscht eine kühle Arbeitsatmosphäre. Bis auf ein paar Rechner und ein paar Telefone steht hier wenig, in einer Ecke gibt es einen kleinen Kühlschrank, sonst also nur Tische, Rechner und Telefone. „Hier bin ich der Belgier“, erklärt Piotr und zeigt auf einen Stuhl. „Setz Dich und beobachte erstmal nur“. Das mache ich.

der mysteriöse belgier