Dembowski blickte in den Sonnenaufgang.  Die Aussicht beruhigte ihn. Die Oder kam aus dem Süden und floss in den Norden. Die Sonne wanderte von Osten in Richtung Süden, ging im Westen unter. Das sah er nicht. Immer nur den Sonnenaufgang.  Manchmal auch die Wolken, und wie sie sich auftürmten. Grau, mächtig. Schwarz, bedrohlich. Weiß, schüchtern.

Sein Zimmer im 13.Stock des Plattenbaus war spärlich eingerichtet. Ein Stuhl, ein Tisch, eine Couch, ein Bett, ein Plattenspieler, eine kleine Küchenzeile, ein großes Fenster. Mehr gab es nicht. Brauner PVC-Boden in Kacheloptik, eine Sonnenblumentapete. Mehr war da nicht. Nur das große Fenster. 

Meist blickte Dembowski hinaus

Manchmal spazierte er gegen Abend, wenn sich der Verkehr beruhigt hatte, über die Friedensbrücke nach Slubice. Auf der polnischen Seite hatten die Läden 24h geöffnet. Wenn er nicht wollte, musste er nicht sprechen. Sie verstanden ihn ohne Worte. Hin und wieder trank er auf einer der Bänke an der Uferpromenade ein Bier. Dembowski beobachtete die Crack-Raucher, die stumm ihre Alufolien erwärmten, und in ihre eigene Welt verschwanden. Sonst blickte er auf die weitläufigen Auen, und die Oder, die langsam in Richtung Ostsee mäanderte. Dabei verschwand die Sonne, dabei legte sich die Dunkelheit über die Grauschleier des Tages. Er war bei sich.

Einmal hatte er in einer der Bretterbuden auf der polnischen Seite Dziwny jest ten świat von Czeslaw Niemen entdeckt. Von Zeit zu Zeit legte er das Album auf.


„Seltsam ist diese Welt, in der es immer noch so viel Böses gibt, und seltsam ist, dass seit so langer Zeit der Mensch den Menschen verachtet. Seltsam ist diese Welt, die Welt der Menschen, manchmal schämt man sich, es zuzugeben, und doch ist es oft so, dass jemand mit einem bösen Wort tötet wie mit einem Messer. Doch Menschen guten Willens gibt es mehr, und ich glaube fest daran, dass diese Welt dank ihnen niemals untergehen wird. Nein! Nein! Nein!“

Das sang Niemen. Und:

„Es ist Zeit, höchste Zeit, den Hass in sich selbst auszumerzen.“

Sonst umgab ihn die große Stille. Er las keine Zeitungen, er hörte kein Radio, er hatte kein Internet, und auch kein Fernsehen. Sein Telefon lag in der Soldiner Straße.  Er musste zur Ruhe kommen. Nur Dörte wusste von seinem Aufenthaltsort. 

Niemand würde ihn vermissen, und so war das schon irgendwie okay.

Das große Fenster mit Blick über die Oder war seine Erlösung. Wenn er nicht in Polen war, ging er mit Einbruch der Dunkelheit zur Bett und wachte mit den ersten Sonnenstrahlen wieder auf. Wenn er nicht Niemen hörte, stand er am Fenster und sah einfach in diese seltsame Welt hinaus. Fragte sich, was sie mit ihm gemacht hatte, und wieso. Dort draußen spielte er seine Rolle. Doch er würde sich ändern. Er würde nicht mehr so viel trinken, er würde nicht mehr ausfällig werden, er würde andere Meinungen akzeptieren. Und: Er würde wieder Aufträge annehmen.

All meine Fehler liegen in der Vergangenheit, dachte er eines Tages. Er ging noch einmal zur Oder hinunter, legte die Niemen-Platte auf eine Bank. Er setzte sich auf die Stufen neben der Glocke und blickte ein letztes Mal in den Himmel. Auf der anderen Seite beobachteten ihn zwei Angler. Dembowski trank ein Bier. Ein paar Wolken türmten sich über ihm auf. Er bemerkte die Abwesenheit der Sonne, nicht die Angler, die ihm jetzt zuwinkten.

Es war der Tag nach Ostern. 

In seiner Abwesenheit war ein Flugzeug abgestürzt, und eine neue Empörungswelle durch das Land gerauscht. In seiner Abwesenheit beharrten die Kriegsparteien in der Ukraine weiter auf ihre Unschuld. In seiner Abwesenheit wurde aus einem Mittelfinger eine Staatsaffäre. In seiner Abwesenheit hatten Flüchtlingsunterkünfte gebrannt. 

In seiner Abwesenheit hatte sich die Welt, kurz gesagt, weitergedreht.

In seiner Abwesenheit hatte sich auch der Dortmunder Aufschwung verflüchtigt. In seiner Abwesenheit wurde weiter über das Ende des Fußballs spekuliert. National bedrohten die Bayern, und die VW-Mafia den Sport, international die großen Verbände, unter die sich, oh Wunder!, nun auch die von Rummenigge geführte ECA gemischte hatte. Es gab weiterhin Gut und es gab weiterhin Böse. Jeder war Gut, und niemand war Böse. Über Nichtigkeiten diskutierten immer nur die anderen.

Es war der Tag nach Ostern, Dortmund spielte im Pokal. Er wusste noch nicht, dass es die letzte Chance war.

Am Alexanderplatz stieg er aus der Regionalbahn, nicht ohne sich im Zug mit einer damenbärtigen Weltverbesserin anzulegen – er hatte seine Bierflaschen in die Ablage gelegt und seine Gegnerin diese als zielgerichtete Waffen enttarnt, so dass er sie letztendlich genervt auf dem Bahnsteig entsorgte. Er ging die wenigen Meter bis zur U8, verschwand im Untergrund. Pankstraße raus. Der alte Weg. Gewachsen auf Beton. Die Prinzenallee hoch. Wettstuben, Gemüsehändler, Metzger, Friseure, Dönerläden, Tankstelle. Die Tapas-Bar. Ein paar Dealer. Hier war nicht der Himmel grau, hier waren die Menschen grau. Hier war Dembowski zuhause, daran würde auch das größte Fenster der Welt nichts ändern.

Die Soldiner Straße war wieder mal aufgerissen. Vor einem der Cafés spuckten ein paar Sintis Sonnenblumkerne auf die Straße. Weiter hinten hörte Dembowski einen Ball an die Wand schlagen. Ein paar Jungs zockten auf der Straße. Einer war Jerome, und einer war der Prince, und einer war Cristiano und einer war Messi. Am Rande hockte einer mit einem Lahm-Trikot. Er blickte betrübt auf die, die den Ball jagten und lachten.

„Falsches Trikot! Das wird schon“, sagte Dembowski und lächelte.

Der Briefkasten quoll über. Der übliche Behördenkram, ein paar gelbe Briefe, weniger dringende Zahlungshinweise. Ein paar Einladungen. Ein drohender Brief von Ayse Güllü. „Sie haben Ermittler Heute! blamiert“, schrieb sie „und mich!“  Nichts im Leben war diese Aufregung wert, dachte Dembowski. Das Spiel der Wolfsburger verfolgte er im Radio, brachte sich dabei auf den neuesten Stand der Nachrichten.

Pünktlich zum Anpfiff schlich er sich die Treppen runter. Schill, Schill, Schill. Er würde ihn schon reinlassen.

„Gottseidank! Du bist wieder da Dembowski“, umarmte ihn der Hamburger, und nickte in Richtung Ecktisch. Justin Hagenberg-Scholz hatte wieder seine Technik aufgefahren. 

„Der macht jetzt in Real-Time-Taktikanalyse. Ich halte es nicht mehr aus. Räume, Linien, Verschieben, das mag er gerne, da schreit er immer, und macht sich sodann fleißig Notizen. Ich komm da nicht mit. Gegen Bayern hat er brillante Dortmunder gesehen, denen im letzten Drittel die letzte Klarheit gefehlt hat, die manchmal vielleicht die falsche Entscheidung getroffen haben. Und: Sie haben Zinnbauer entlassen. Einfach so. HSV Joe! Gone. Knäbel is dran.“

„Alter, hör auf zu lamentieren. Mach mal nen Bier, was trinkt Hagenberg-Scholz da?“
„Craft Beer, local brew, von der local crew. Crazy shit!”

“Geht’s noch? Starkbier statt craft beer! Mach klar!“

„Ja. Sorry. Die Kunden, ähh, Justin wollte das so. Was soll ich machen?“

„Kein Ding, schieb rüber!“

Das Spiel ging los, und Dortmund sogar in Führung. Für wenige Minuten. Hagenberg-Scholz hatte ihn immer noch nicht bemerkt. Welche eine Erleichterung. Volland traf, Subotic patzte, Dortmund stümperte in die Pause. Dembowski begrüßte Hagenberg-Scholz.

„Real-Time-Taktikanalyse, really?“

„Dietfried…Ja.“

„Für Dich immer noch Herr Dembowski!“

„Dietfried. Das ist mein Ding, was ich hier mache.  Und ich mach das richtig gut. Hab schon wieder neue Follower auf Twitter, und einmal hat jemand mein Analyse in nem Text verwendet.“

„Stark! Du machst das richtig gut. Tolle Nachrichten.“

Dembowski trat gegen den Stuhl, Hagenberg-Scholz lag auf der Erde. 

„Nicht schon wieder“, schrie Schill, und „was soll das?“ fragte Justin. 

„Hab da so ein Ding entwickelt. Tretimpact! Bin da bei 184. Kannste im Internet nachschauen.“

Justin hangelte sich am Tisch hoch.

„Welche Seite, Dietfried?“

Schill brachte eine neue Runde Bier, ermahnte Dembowski zur Gelassenheit.

In der zweiten Halbzeit stürmte der BVB auf das Hoffenheimer Tor. Es sah gut aus. Aber die Tore wollten nicht fallen. Einmal passte Mkhitaryan mit der Hacke. In den leeren Raum. Die Kamera zoomte auf seine traurigen Augen.

„Der würde als Pilot in kein Flugzeug kommen. Schau Dir den mal an.“

„Dietfried, jetzt gehst Du zu weit. Das darfst Du nicht sagen. Denkst Du gar nicht an die Opfer? An die Familien? An die menschlichen Tragödien? Wie kannst Du nur?“

Schill holte gerade aus, als Dembowski jubelte. Aubameyang nach Flanke Durm. Hagenberg-Scholz sprang auf, und wich so gerade dem Schwinger von Schill aus.

„Glück gehabt“, murmelte der

„Wieso. War ne super Flanke. Durm bringt da echte Weite rein. Guter Mann. Hatte ich neulich auch mal ne Beobachtung zu aufgeschrieben.“

Noch einmal kam Hoffenheim auf, aber Dortmund taumelte in die Verlängerung. Dort passierte nichts. Dann kam Kehl. Zog aus 28 Metern ab. Zosch. Drin. 3:2. Hoffenheim besiegt. Dembowski back.

„Um noch einmal auf diese Pilotensache….“

Er hatte drum gebettelt. Schill und Dembowski schmissen ihn raus. 

Sie wollten danach noch in die Goldene 16. Der Wirt öffnete im Schlafanzug. „Wir haben geschlossen“, sagte er. 

„Du im Bademantel, der im Schlafanzug. Hier läuft irgendwas falsch.“ 

„Ja, Du“, sagte Schill. Er schubste den trunken Ermittler. Dieser stürzte gegen eine Wand. Halb so schlimm. 

Die beiden Freunden tranken noch ein Bier im Gehen. Der BVB war im Halbfinale, hatte das Leiden verlängert. Aber ging es nicht genau darum? Die Ruhe war dahin.

Schill hielt die Rückkehr Dembowskis mit einer Kamera fest. Er war glücklich.

der mann im schlafanzug