Irgendwann musste es passieren. Ich wollte mit diesen Aufzeichnungen anfangen, sie nie unterbrechen. Aber irgendwann, da war ich mir schon bei den ersten Eintragungen sicher, würde diese Serie reißen, irgendwann würde mich die Erschöpfung heimsuchen, würde mich die Gedankenleere überfallen oder würde ich mir bei meinen riskanten Ermittlungen den rechten Arm brechen. Irgendwas also, da war ich mir sicher, würde passieren, und doch konnte ich, als es dann passierte, meine Überraschung nicht verbergen.

Der Reihe nach. Alles beginnt im Stadion. Redermann hat mir beste Plätze besorgt und mir vorher von Unfällen erzählt, die angeblich an ganz anderer Stelle passiert wären. Ich hatte keinen Plan. Aber Redermann hatte auch keinen Plan. Das war mir schnell aufgefallen und so saßen wir da, ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen, standen hin  und wieder auf und feierten die wenigen Treffer der Borussia. Hatte ich vorher doch in einer meiner seltenen Bierlaunen auf ein 17-0 getippt. Jetzt wurde es damit nichts. Die Langweiler stellten ihr Spiel nach dem 5-0 einfach ein. Alles gesehen, und jetzt aber Erholung. Mir war klar: „BVB verspielt historische Chance! Nur 5-0 gegen Köln!“. Redermann fand die Überschrift maßlos übertrieben, in meiner Wut wäre ich gerne noch weitergegangen. Es war ein Mittelweg, eine Einigung unter Enttäuschten, die dann einfach in die Nacht entschwanden. Da war noch dieser DJ-Job bei der Wirtin und als ich eintraf saß Amok bereits da. Er hatte seine Unterlagen Hoppenheim betreffend dabei und wollte sie unbedingt durchgehen. Mir war nach dieser Demütigung eher nach Platten hören. Nach traurigen Platten hören. Auch hier entschied ich mich für den Mittelweg, immer mal wieder blätterte ich durch die Unterlagen, palaverte was von „vertanen Chancen“ und „verpassten Gelegenheiten“, zeigte mal hier und mal da drauf. Tat also immer so, als wäre mir gerade diese Sache heute aktuell besonders wichtig. Dabei wollte ich nur Neil Young hören. Ich war out on the weekend, und so sollte das auch bleiben. Als die Leute dann jedoch nach Steppenwolf fragten, wurde mir langsam unheimlich. Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens, die Jugend ist die schlimmste Zeit des Lebens, wenn man sich später nur noch an sie erinnert, sentimental in ihr verhaftet ist und sich auf sein altes Rebellentum beruft, am Tag aber die Menschen über die Klippe springen lässt.

Ich trank und hörte mich in einen Wutrausch. Nahm niemanden mehr wahr. Ob jetzt Redermann einen neuen Soul-Van forderte oder Amok die Ermittlungen vorantreiben wollte, es war mir egal. Es war ein kolossaler Wutrausch, der mit einem Druckabfall einherging. Ich ließ mich treiben, baute mein Equipment ab und verschwand in die Nacht. Blitzartig legten sich die Nebelschleier über mich. Hin und wieder von einer Dämmerung gelöscht. Doch in dieser Dämmerung stellten sich die schweren Frage, die Fragen, die ich unausweichlich auf die ferne Zukunft geschoben hatten und die ich an Ort und Stelle nicht beantworten konnte. Längst war ich an der alten Waffelfabrik am Kanal angelangt. I wanna live, i wanna give. I have been a miner for a heart of gold. Und doch zerstörten mich Dämmerung und Nebelschleier, zerstörten mich die Ermittlungen und die Erinnerungsfetzen an meine glückliche Vergangenheit. Vergangenheit, was ist das schon, wenn man keine Zukunft hat. Orientierungslos durch die Nächte wandert, der Dämmerung und den Nebelschwaden entfliehen will und sie sich immer bedrohlicher über die Seele legen? Kein Ausweg. No Exit! Nicht einmal ein Hinterausgang.

„Komm mal klar, Dembowski!“ Eine Stimme durchdringt mich, mein Herz springt für einen Moment. Ich stehe an der kleinen Steigung kurz vor dem Schiffshebewerk in Henrichenburg, muss die ganze Nacht gelaufen sein, der Rucksack über meiner Schulter, die Kippe in meiner Hand, irgendwoher hatte ich mir einen Kaffee organisiert. Gegen den Schmerz. Doch der wollte nicht verschwinden. „Komm mal klar, Dembowski!“ Noch einmal und noch eindringlicher berührte mich die Stimme auf meiner Schulter. Sie war mir unbekannt, neben mir sah ich zwei Schiffe über den Kanal in Richtung Hebewerk fahren, eins machte nun an der Spundwand fest, zwei Männer sprangen ans Ufer und rannten auf mich zu. Ehe ich mich versah, packten sie mich in der Dunkelheit und zogen mich an Bord. Im Inneren des Kanalfrachters legen sie mich auf ein Bett. Ich schlafe ein. Als ich zu mir komme, ist es immer noch oder schon immer dunkel. Ich schaue durch das Bullauge, an mir ziehen die Hafenanlagen Rotterdams vorbei. Wo bin ich hier reingeraten? Ich will mich bewegen, doch sie haben mich auf dem Bett festgeschnallt, mit Mühe erreiche ich eine Klingel, die neben meine Koje auf einem Brett befestigt ist. Die beiden Männer stürmen rein, sie tragen Masken und sagen: „Dembowski, sag Deinen Brüdern und Schwestern. Der letzte Tag vorm Weltuntergang ist frei! Bringe diese Nachricht in die Welt.“ Wieder packen sie mich und schmeissen mich ins Hafenwasser. Mühsam erreiche ich das Ufer.

der letzte tag vorm weltuntergang