Mittwoch, später Abend. Donnerstag, früher Morgen. Was war ? Ich konnte es nicht sagen. Ich hatte gerade noch Zeit, die Tür zu schließen.  Rechtzeitig? Ich wusste nicht einmal, ob ich die Tür hätte schließen sollen, ob ich Tür hatte schließen wollen und wovor ich die Tür eigentlich geschlossen hatte. Sie war zu. Ich war in der Wohnung in meinem neuen Kiez. Die Samenhandlung hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Nur noch sporadisch zog es mich an meinen sogenannten Ermittlerstandort. Vielleicht würde ich ihn aufgeben. In der Nordstadt hatte ich so etwas auch nicht benötigt. In Dortmund hatte es die Erdgschosswohnung, die Kneipe, und am Ende natürlich auch den großen Boss gegeben.

Mein dekadenter Ansatz in meiner neuen Heimat fand vielleicht Anklang bei den Vermietern, er machte aber meinen finanziellen Reserven zu schaffen. Die Konstrukteure waren kurz davor, mir das Geld abzudrehen. Mit meinen Ermittlungen hatte ich schon lange nichts mehr verdient, immer nur draufgezahlt. Meine Spesen rechnete ich mit mir ab. Es gab niemand mehr, der nur einen Cent auf den Ermittler setzen wollte. Dabei war es Winter, richtig fieser grauer, guter Winter. Meine Lieblingsjahreszeit. Dabei war es der 21.12 – der kürzeste Tag des Jahres, mein Lieblingstag in  meiner Lieblingsjahreszeit. Welch wunderbares Gespür die Welt doch hatte. Waren die Tage am kürzesten, hatte ich die beste Laune. Waren die Tage lang, ging meine Laune meist gen Null. Obwohl, das musste ich mir eingestehen, nicht die längsten Tage des Jahres waren das eigentliche Problem. Nein, die mittellängsten Tage des Jahres, und genauer die mittellängsten Tage des Jahres, die sich auf den längsten Tag des Jahres hinzu- und nicht hinfortbewegen, sind mein größter Feind.

Nichts hasste ich mehr als den Frühling. Nichts hasste ich mehr als die Wiedergeburt der Lebensfreude. Nichts hasste ich mehr als die sogenannten ersten warmen Tag des Jahres. Befreiten sich die Menschen ihrer Fesseln, strömten wieder auf die Straßen, saßen wieder in den Cafés, trugen ihren Winterspeck zu den Farben und Designs der neuen Saison, sperrte ich mich wochenlang in meine Wohnung ein. Streunerte ich im Winter auf der Suche nach meinen Geschichten, nach neuen Aufträgen durch die Stadt, so versteckte ich mich im Frühjahr und naturgemäß gerade an den ersten sogenannten warmen Frühlingstagen in meiner Wohnung.

Schon ab Januar überkam mich langsam das Entsetzen. Die Tage wurden wieder länger und an manchen Tagen drohte die Sonne mir mit ihrer neu gewonnenen Stärke. Sie war mein natürlicher Feind. War sie das Licht, war ich der Schatten. War sie die Gefahr, war ich die Rettung. Doch ab Januar war an Rettung meist nicht mehr zu denken, wie der Zweiklang Dembowski und Rettung  ohnehin sogar in meinen Ohren einen einigermaßen absurden Klang hatte. Wie würde es dann erst bei meinen Freunden, von denen ich ohnehin keine hatte und diese Überlegung somit obsolet war und aber dann erst bei meinen Feinden sein?

Wo immer ich war, wie immer ich mich bewegte, mit wem ich auch sprach, ich gab mich der Lächerlichkeit preis und es machte mir nichts mehr aus. Zu viel Lächerlichkeiten hatten mein Leben bestimmt. Zu viel Lächerlichkeiten hatten mich auf meinen dreckigen Weg geführt. Nur mit noch mehr Lächerlichkeiten konnte ich die Zukunft vielleicht noch einmal umkehren. Die Vergangenheit, die Zukunft, das ganze Konstrukteure-Gewäsch. Es hing mir zum Hals raus. Ich lebte es vor und glaubte doch nicht dran. Ich prahle von Wachablösungen, sagte ich still zu mir und ich bin nicht einmal in der Lage, hinter meinem Verein zu stehen. Ich will das Tempo vorgeben und bin schon froh, wenn ich nach 20 Metern nicht bereits ohne Chance hinter den Anderen liege, murmelte ich.

Nie würde ich an dieser Tatsache was ändern können. Sprach ich mit Yilmaz und war fast Besitzer eines eigenen Fernsehers, nahm ich trotzdem einen Anruf von Reiser an. Ich nahm einen Anruf von Reiser an und wußte ,dass er meinen Tag zerstören würde. Ich gab mich nach außen gelassen, um meine innere Ruhe zu finden. Doch gab es kein Außen, dass mein Gelassenheit hätte registireren können. Es gab kein Außen und ob es ein Innen gab, stand mit Sicherheit ebenso in den Sternen, dachte ich auf die Uhr schauend. 14.20 Uhr. Der kürzeste Tag des Jahres würde nur noch 10 Stunden mein Begleiter sein und Punkt Mitternacht würde der nächste kürzeste Tag meines Lebens abgelaufen sein. Wenn ich so weiter lebte, würden mir nicht mehr viele kürzeste Tag meines Lebens bleiben. An meinem letzten kürzesten Tag meines Lebens würde ich die Sonne mit höchster Wahrscheinlichkeit nur noch verschwommen sehen. Wieder mal ein Jahr verbracht, Dembowski, sagte ich mir, während ich die Wohnung auf der Suche nach ein paar Schlücken Bier durchschritt.

Ich war erschrocken, ich war gelähmt. Der kürzeste Tag des Jahres kam und ging und mir blieb nur das Warten auf die nun anstehenden schaudervollen Wochen und Monate. Ich war schockiert. Allein der Gedanken an das Erblühen des Lebens, raubte mir alle Kraft. Mein größter Feind heißt Sonne, dachte ich. Und erst mit meinem letzten Atemzug würde ich meinen größten Feind besiegen können. Es gab keine andere Lösung. Da nützte mir die Vergangenheit, die Zukunft, die Gegenwart überhaupt nichts. Da waren die Konstrukteure machtlos, sogar Despoten und Diktatoren waren da machtlos. Der größte Feind war die Sonne. Und wir würden unseren Lebensfeind erst mit unserem Tod besiegen können. Es war ausweglos. Jetzt aber erst einmal der kürzeste Tag des Jahres. Und bald Januar.

Die Sonne wird mich besiegen, dachte ich dann in solchen Momenten und legte langsam Vorräte an. Schon ab Januar also strebte meine Planung immer voller Grauen auf diesen ersten warmen Frühlingstag zu. Saßen die Menschen in den Cafés und teilten sich via Twitter, Mobiltelefonen, Blogs –  und was auch immer diese neue Zeit so mit sich brachte – mit, lag ich in meinem Bett, hatte vielleicht noch die Kraft meine Plattensammlung zu ordnen und mich hinter meinen Kopfhörern, eine alte Codeine auf den Ohren, zu verschanzen.

War es für die Anderen also endlich Frühling, war für die Anderen also die deprimierenden Wintermonate endlich abgeschlossen, war es für die Anderen also endlich wieder möglich frei zu atmen, so saß ich wie gelähmt mit Kopfhörern auf dem Fußboden und hörte eine alte Codeine, und wenn es ganz übel kam, legte ich danach noch das Spätwerk von Talk Talk auf.  Der Frühling, da war ich mir sicher, würde nie etwas für mich sein. Nicht in meinem Leben, hatte ich mir bereits so oft gesagt. Niemals wirst Du Dich mit dem Frühling und schon gar nicht mit den ersten warmen Frühlingstagen anfreunden können, hatte ich mir gesagt.

Die Anderen sitzen in der Sonne und Du liegst in Deinem Bett, Dietfried, hatte ich mich schon so oft zu mir sagen gehört. Während die Anderen in der Sonne sitzen und befreit sind, hast Du, Dembowski,  immer nur tiefen Hass für die ersten warmen Tagen verspürt, hatte ich mir so oft schon gesagt. Und jetzt, ich blickte auf den Kalender in meiner Küche, hatten wir den kürzesten Tag des Jahres. Und wenn ich nicht langsam mal etwas unternehmen würden, wäre der kürzeste Tag des Jahres bald auch wieder vorbei und dann hätte ich einen weiteren kürzesten Tag meines Lebens in beiläufiger Schwere verloren.

Hatten die Anderen diesen Tag herbeigesehnt, so hatte ich diesen Tag gefürchtet. Er brach also mit der Gewissheit des Pokalsiegs über Düsseldorf hinein und er war, wie es sich für den kürzesten Tag des Jahres gehört, formidabel trist gewesen. Bereits gegen 13 Uhr gingen die Lichter der Stadt an und ob sie vorher überhaupt aus waren, konnte ich nicht sagen. Ich war gerade erst aufgestanden. Nach dem Sieg hatte ich mir beim Zauberer noch ein paar Biere aufs Haus reingeschraubt, war dann in aller Ruhe über den Mauerweg zurück in den Soldiner Kiez geschlendert, hatte, so aufgeregt war ich dann doch, erst spät und reichlich angetrunken nur ein wenig Schlaf gefunden. Ich hatte mich vor Freude betrunken, doch irgendwann wurde mir bewußt, was da gerade mit mir passierte.

Der kürzeste Tag des Jahres. Nicht im Bett verbringen!, hatte ich mir noch vor dem Einschlafen notiert.  Schmerzen ja! Selbstmitleid nein! Stand alles auf einem Zettel. Diesen fand ich gegen 13 Uhr wieder, ich war gerade aufgewacht. Der kürzeste Tag des Jahres ist bald vorbei, hatte ich gedacht und war darüber in Depressionen verfallen. Bis ich wieder las „Schmerzen ja! Selbstmitleid nein!“ Aber halft nichts. Der kürzeste Tag des Jahres brachte ja nur die Gewissheit meines baldigen Ablebens. Der kürzeste Tage des Jahres  würde jetzt einmal weniger wiederkommen. Und wenn sie mir da draußen Sachen nachsagten, so würden sie jetzt einen kürzesten Tag weniger Zeit haben, mir hinter meinem Rücken Sachen nachzusagen. Vielleicht was das sogar gut?

Mit meiner Schwermut fiel ich ihnen auf die Nerven, mit meinen Ermittlungen langweilte ich sie, mit meinem Musikgeschmack fremdelten sie, mit meinen Worten wurden sie nie warm. Um die Ecke gebracht, hätten sie mich  gerne. Daran hatte ich kein Interesse. Ich hätte sie auch gerne um die Ecke gebracht, aber so ganz allein wäre mir am Ende aller Tage vielleicht noch langweiliger. Meine aus der Einsamkeit meiner Plattensammlung hervorschauende Langweile erfüllte mich mit Furcht. Mehr Furcht als die Menschen da draußen. Ihnen war ich  fremd, und dieser Fremdling in ihr Leben eingedrungen. Und auch wenn sich dieser Fremdling nicht aufgedrängt hatte, so mussten sie zwangsläufig von seiner Existenz Notiz nehmen. Und hatten sie einmal von ihm Notiz genommen, verachteten sie sich dafür. Sie hatten  den Ermittler meiden wollen und war er dann einmal in ihr Leben eingedrungen, verachteten sie sich für ihre Unfähigkeit. Allein der Gedanke an ihren Selbsthass erfüllte mein Herz mit dunkler Freude.

Aber in der Nacht dann, nachdem ich den Nachmittag des kürzesten Tags des Jahres mit meinen Überlegungen hinsichtlich der irgendwann anstehenden Frühlingstage verschwendet hatte und es mir sogar die Laune ordentlich verhagelte hatte, obgleich doch genau dieser Tag der für mich idealste Tag des Jahre war,  öffnete ich irgendwann in der Nacht die Tür. Es hatte geklingelt. Eien Horde Trunkener bat um Einlaß und Rat. Ich sah ihre Gesichter, ich hörte ihre schleppenden Worten. Da sei was passiert, mein Rat gefragt. Noch weniger als Geld brauchte ich in meiner Lage diese Bande hier als Auftraggeber irgendwelcher mit Sicherheit wenig zielführenden Ermittlungen. Ich schloß die Tür wieder. Vor ihnen. Hinter mir. Für immer?

Was es auch war, das mich hinderte, weitere Aufträge anzunehmen, es hatte mir in den letzten Wochen doch mehr zugesetzt, als ich es mir eingestand. Ich hatte die Kronen-Vorräte binnen weniger Monate aufgebraucht, ein paar Vermögen im Oldie-Eck gelassen und war kein Stück weitergekommen. Das Treffen mit der Schraudershaus war die bescheidene Krönung dieser erbärmlichen Vorweihnachtszeit. Ich hatte die Nordstadt fluchtartig verlassen, fortan war der Kontakt mit Amok und Redermann, positiv ausgedrückt, freundlich. Von der Wentraud hatte ich seit Ewigkeiten nichts mehr gehört, mir war nicht einmal klar, ob sie noch in ihrem Kiosk stand und ob sie sich ihre heißgeliebten Duelle mit dem Bäcker lieferte. Mir war in den letzten Wochen wenig klar gewesen, stellte ich ernüchtert fest. Ich hatte mich in Abenteuer gestürzt, die zu durchleben, sogar mich langweilten. Ich hatte einen Finger in der Tasche gefunden, mich mit Feuereifer auf die Suche nach dem Hintergrund gemacht und war, kannte ich den Täter einmal, nicht mehr in der Lage  und – das beunruhigte mich vielleicht sogar noch ein wenig mehr – Willens gewesen, dieser Spur noch einen Tag länger nachzugehen.

Waren Lösungen offensichtlich, verabschiedete ich mich von den Ansätzen und vergaß zuweilen, in letzter Zeit war das häufiger vorgekommen, darüber hinaus auch gleich das ganze Probleme. Irgendwann holte es mich dann mit epochaler Wucht ein, so war es gewesen, und so würde es immer wieder sein. Du hast nicht gerade einen langen Atem, Dembowski, hatte ich gedacht und war dann in einen komatösen, gelangweilten Schlaf gefallen. Der Tag nach dem Pokalerfolg, der in der Rückschau entweder nur ein kleiner Anhang an eine weitere erfolglose Pokalsaison  sein würde oder aber als der große Befreiungsschlag in einem Wettbewerb, der in den letzten 15 Jahren von nur drei Clubs und den Clubberen gewonnen worden war, gesehen werden würde. Immerhin hatte sich Mats Hummels, der Kopf und Erfinder der 1-Mann-Abwehrkette im Überschwang des Sieges zu der Aussage „wir wollen besser als 2008 abschneiden“ hinreißen lassen und somit, soweit mir nichts entgangen war, zum ersten Mal seit langer langer Zeit ein Ziel vor Erreichen des Ziels nach außen dringen lassen. An diesem eigentlich historischen Tag nach dem vielleicht historischen Pokalerfolg in Düsseldorf, schloß ich in der Nacht die Tür, versperrte sie vor neuen Auftraggebern und war v oller Sorge, vor den kommenden Monaten.

der kürzeste tag des jahres