Wir sitzen auf einem Hof. Irgendwo in Osteuropa. Die Gastgeber freuen sich und tischen auf. Durch die schmale Hofeinfahrt bringen sie immer wieder Schlachtplatten. Das Haus auf der Querseite wird auf der einen Seite durch einen Stempel gestützt. Im hinteren Bereich des Hofs ist ein Schuppen. Auf der einen Seite ist er offen, zur Rückseite hin erschließt sich ein verschlossener Lagerraum. Unsere Fahrräder haben wir vor das Stempelhaus gestellt, nur ich habe meins in die Sicherheit des Lagerraums verfrachtet. Man kann nie wissen, wer sich in Osteuropa an meinem Fahrrad zu schaffen macht. Vorsicht walten lassen, eine Konstrukteurrichtlinie. Nicht aus dem „Ermittler-Handbuch der verbindlichen Freundlichkeit“ zwar, aber immerhin eine Richtlinie.

Wir sitzen vor dem flachen Bau, der den Hof vor der Straße schützt. Nach den Grundlagen machen wir uns über die Getränke her. Wir spielen Karten. Irgendwann nimmt mich der Gastgeber zur Seite. „Dembowski, wenn es dunkel wird, passiert hier etwas. Ich werde dann nicht mehr da sein. Kümmer Du dich!“ Noch aber ist es früh und was soll in dieser osteuropäischen Einöde schon groß passieren? Wahrscheinlich sind wir die ersten Gäste hier. Wahrscheinlich hat diesen Ort noch nie ein Mensch besucht. Macht das hier alles umso entspannter. Nach ein paar Runden 1000er und etlichen Gläsern Vodka gehen wir zum Würfelspiel über. Längst haben wir die Orientierung verloren. Der Hof scheint jetzt geschäftiger. Ein paar verstrengte Gestalten transportieren Gegenstände und Kisten durch die Einfahrt in Richtunger Lager. Die meisten wirken grau und gesichtslos. Sie scheinen sich nicht an uns zu stören. Und uns sind sie auch herzlich egal. Wir singen die Lieder des Czeslaw Niemen. Dziwny Jest Ten Siwat. Obwohl ich nie von ihm gehört habe, kenne ich jedes seiner Lieder auswendig. Längst rede ich nur noch auf Polnisch. Wohlmöglich sind wir in Polen, denke ich. Schaue noch einmal auf den Schuppen. Die Tür geht auf und zu. Sachen werden rein, nie rausgetragen.

Langsam setzt die Dämmerung ein. Sie legt sich über den Hof. Die graune Gestalten werden nun hektischer. Sie bewegen sich wie in Trance. Ein ameisengleichher Fluß zwischen Hofeinfahrt und Lagertür. Wir können kaum noch die Lagertür ausmachen. Die Dunkelheit kommt schnell. Auf dem Tisch fallen die Würfel immer häufiger in Richtung Boden. Noch ein Vodka, noch ein Glas. Noch ein schwermütiges Lied der Czerwone Gitary. Ich weiß nicht mehr, mit wem ich hier hin gekommen bin und was ich hier gesucht habe. An unserem Tisch macht sich Unruhe breit. Wieder fällt einer der Würfel auf die Erde. Diesmal war es meine Schuld. Unter dem Tisch suche ich nach dem Würfel. Doch ich finde nur einen Ringfinger. Ein abgesägter Ringfinger. Mein Herz stockt.

der hof