Ich hatte ihm folgendes mit auf den Weg gegeben: „Sag einfach ‚Verzeihen Sie geschätzter Trainer, in meinem Alter, und Sie wissen wie es um meinen Rücken steht, ist es mir kaum mehr möglich, die Tore auf und auch von dem Spielfeld zu tragen. Schauen Sie in die Runde und achten Sie besonders auf die jungen hungrigen Spieler. Diese, das vergewisser ich Ihnen, werden die Aufgabe lieben und vielleicht sogar noch eine Extrarunde drehen‘ und Du dürftest fein raus sein, lieber Ali!“ Vielleicht hatte er mich nicht verstanden? Damals saßen wir bei mir in der Erdgeschosswohnung. Der Hamburger war zu Gast. Er hatte Ali während seiner Hamburger Zeit schätzen gelernt, wir tranken Cola Rum und hörten uns durch die Happy Flowers Discographie. Vielleicht also hatte Ali mich einfach nur falsch verstanden, und wenn ich mich recht erinnere, schrie er wie zur Bestätigung: „Mom, I gave the cat some acid!“ Ach, Ali! Sicher hattest Du mich einfach nur falsch verstanden.

Jetzt haben wir ein Problem. Die dritte Abmahnung folgte auf den Happy Flowers-Abend. Vielleicht war es zu viel Cola Rum, vielleicht waren es die Happy Flowers, vielleicht hätten wir Ali einfach in Ruhe lassen sollen. Aber seitdem der Pfandflaschenmann nach Sevilla gewechselt war, ging es mit der Laune des Hamburgers rapide bergab. Es war also einfach mal meine verdammte Pflicht gewesen. Und, ohne Frage, was ein Abend. „Stark!“ waren die letzten Worte des Hamburgers, danach verabschiedete er sich mit „ackackack“ aus dem anbrechenden Tag. Zurück nach Hamburg. Die Wuchtbrumme wurde gebraucht und sein Maschinenbaustudium ließ solche Tage in der Westfalenmetropole ohnehin nur selten zu. Viel zu selten zu! Als Ali anrief ging es mit meiner Laune wieder runter. Ich hatte einen Dörte-Flashback. Immer wenn es mich runterzieht, denke ich an Dörte, dachte ich an den Anruf Alis denkend.

„Und dann habe ich einfach alles vergessen und ‚geht so nicht Trainer, bin zu alt gesagt‘. Kleppo war da, er ist ein guter Zeuge, aber ein verdammt schlechter Freund. In dem Moment, in dem ich ansetze ‚geht so nicht‘ zu sagen, schreit er „Fick Dich“ übers Spielfeld. Einfach so. Dass ihm damals gegen Manu die Hand ausgerutscht ist, geschenkt! Aber hier geht es um Millionen! Was denkt Kleppo? Der Vogel!“ Ali hatte sowas von Recht, aber so war Kleppo eben und der größte Ärger würde an der Situation nichts ändern. Wir brauchten einen Anwalt, sofort und wir brauchten einen guten Anwalt. Es ging um die Ehre – und um 1.2 Millionen Euro von denen den Konstrukteuren nach langen Verhandlungen immerhin noch rund 72,09 % zustanden. Geht man einen Vertrag mit den Konstrukteuren ein, hatte Ali mir erklärt, muss man als Spieler seine eigenen Ansprüche senken, hat dafür aber einen richtig guten Anschlußvertrag in der Tasche. Ihn, so Ali, würde es wohl in Richtung Amerika ziehen. Amerika, das Land der unbegrenzten Kapitalvernichtung, da würde Ali sicher gut aufgehoben sein. Lange genug war er jetzt in der verbotenen Stadt zur Schule gegangen. Und, mein Gott!, so ein Ausrutscher passierte jedem einmal. Da wollte ich Kleppo nicht für verantwortlich machen. Der Hamburger mit seinen Happy Flowers und seinen guten Beziehungen zu sämtlichen Cola Rum-Lieferanten aller Städte war ebenfalls unschuldig. Wir waren, da war ich mir sicher, unschuldig in diese Schieflage geraten. Jetzt mussten wir den Prozess führen, notfalls bis zum BGH. So einfach wollten wir den Fleischfabrikanten nicht aus der Verantwortung lassen. So einfach wollten sich auch die Konstrukteure nicht von ihren 865.080€ verabschieden. Auch Alis Anteil war so schlecht nicht. Gestern war mal wieder Verhandlung. Wir sind auf einem guten Weg, sagte auch Ali als ich ihn am Telefon erwischte.

der hamburger, ali und der prozess