Rigoros gingen die Dresdner Fans gegen die Polizei und vor allen Dingen gegen die Inneneinrichtung der Verkaufsstände unterhalb der Nord vor. Sogar Schiri Gagelmann hatte hin und wieder kein gesondertes Interesse mehr das Stadion zu verlassen, er zog es vor, mit sachdienlichen Hinweisen auf begangene Taten das Spiel für eine Weile auszudehnen.

Für mich, den Ermittler Dietfried Dembowski, war da nichts zu tun. Ich kann und ich darf mein Handeln, so hat es mir Redermann unlängst erklärt, nicht mehr nur auf den Ballspielverein und auf die Stadt Dortmund beziehen. „Du musst Dich der Wahrheit stellen und die liegt“, mit weitschweifenden Armbewegungen deutete er gen Osten „da hinter den Weserhügeln.“ Er hatte Recht. Es war an der Zeit, Abschied von der Nordstadt zu nehmen, Abschied von meinem geliebten Revier zu nehmen. Mit Redermann und Amok hatte ich mittlerweile zwei Stelltvertreter angelernt. Sie würden meinen Job gut ausfüllen. Sie würden mich nicht hintergehen und auf meinen Besuchen in der Heimat die Ermittlungen in meine Hände legen.

So saß ich, während ich das Spiel am Netradio verfolgte, in der Bahn und ließ Porta Westfalica links liegen. In Hannover stand ich auf, meine paar Habseligkeiten verstaut im Gepäckfach über mir, und gönnte mir im Bordbistro ein Pils. Ich schaute aus dem Fenster und sah nichts. Die Bäume Brandenburgs wirkten im Dunkeln noch bedrohlicher. Ich wollte aussteigen und laufen. Meine Zeit in der Nordstadt war abgelaufen und in meinem Kopf herrschten die Funklöcher. Ich erinnerte mich an die Bäckerei, an die Wentraud und an die Kneipe. Reiser, der ehemals so bedrohliche Reiser, meldete sich per SMS: „Wohin die Reise? Sah Dich am Bahnhof!“ Ich antwortete nicht. Ich wußte es nicht.

Würde die Reise bei den Konstrukteuren in Berlin enden oder würde ich bis in die Masuren fahren? Meine Zeit war abgelaufen, Redermann, ich musste es mir zugestehen, hatte mich längst überholt. Auch hatte ich kein gesteigertes Interesse an den Unanehmlichkeiten, die mir unlängst am Kanal beschert worden waren. Ich musste weg. Sofort. Redermann würde meine Wohnung vorerst übernehmen. Meine Platten und Bücher, mehr brauchte ich nicht, würde ich nachholen lassen. Für den Moment genügte mir das „Ermittler-Handbuch der verbindlichen Freundlichkeit“ und die alten Mark Olson-Aufnahmen, die ich auf einem Tape gefunden hatte. „Which way will it be, up or down? Which way is the way between the heart and soul. Some people came here to die, we came here to live. There is hope in our hearts, there is a future in our soul.“ Die Bilder meiner Nordstadt-Zeit zogen an mir vorbei. Sie würden nie verschwinden. Es gab nicht nur miese Tage, doch kaum hatte ich mich befreit, hatte sich mein Leben geändert. Redermann war der neue starke Mann, ich wollte es lange nicht akzeptieren, doch jetzt hatte ich ihm friedlich und freundlich die Ermittlungen übergeben können. Er würde mich auf dem Laufenden halten.

Alles renkt sich wieder ein, dachte ich, als ich am Berliner Hauptbahnhof den Zug verließ. Es zog mich von dort in den Norden. Ich würde es mit den Berliner Konstrukteuren aufnehmen.

der ermittler verlässt die stadt