Fußball hatte immer auch etwas mit Popkultur zu tun. Die Hand Gottes, der Ricken-Lupfer, Brehme in den Armen von Völler. Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis brannten. Als Uli Hesse-Lichtenberger vor einigen Jahren sein Buch „Tor – The Story of German Football“ veröffentlichte, wählte der Verlag das Bild des jubelnden Lothar Emmerichs aus. Im Hintergrund, aber im Fokus der Kamera, breitet Timo Konietzka seine Arme aus. Gerade hatte er das erste Tor der Bundesliga-Geschichte erzielt.

Als ich die Nachricht hörte, hatte ich mich gerade mal wieder aufgeregt. Das waren wirklich keine Neuigkeiten. Den Tag über hatten mich die wild schreienden Menschen auf der Straße genervt. Sie schrien ihre Schmerz heraus. Diesen sah man ihn zwar an, aber worum es ging, blieb immer unklar. Sie standen an Kreuzungen und brüllten wahllos in irgendwelche Richtungen. Ihre Wut hatte kein Ziel, und das verstörte mich. Ihre ziellose Wut machte mir Angst. Das brachte mich wieder ein Stück näher an den Wahnsinn.

Doch als sie im Radio vom Tode des ersten Bundesligatorschützen erzählten, ging die Wut in Trauer über. Natürlich hatte ich Konietzka nie gekannt. Das erste Bundesligator wurde weit vor meiner Geburt erzielt. Die Trainerepisode in den 80ern hatten ich als heranwachsender Fan wahrgenommen. Doch auch danach hatte es Trainer gegeben, die ähnlich sparsam mit ihren Erfolgen umgingen. Es war egal. Ich hatte es längst verdrängt. Diese Bild hingegen war nie mehr aus meiner Erinnerung verschwinden. Emma, der am Boden liegenden Bremer und Konietzka im Hintergrund. Der Startschuss am 24.August 1963.

Irgendwann stolperte ich über ein Interview mit Konietzka. Mir war bekannt, dass er seit Jahren in der Schweiz wohnte, dort ein Restaurant betrieb. Er hatte seine Ruhe gefunden, sich schon lange vom Fußball losgesagt. Im Interview sprach er vom Kreislauf des Lebens, er berichtete von seinen Enkelkindern und davon, dass es nach dem Tod keinen Himmel und keine Hölle gäbe. Er würde, so erklärte er, freiwillig aus dem Leben scheiden. Seit 1988 war er Schweizer Staatsbürger. Die Tür ins Nichts stand ihm also offen. Dass er krank war, hielt er von der Öffentlichkeit fern. Vielleicht, so dachte ich, macht er sich wirklich Gedanken um eine ferne Zukunft.

Vor ein paar Wochen hatte ich auf meinen Streifzügen durch die Berliner Nacht einen alten Freund getroffen. Ich hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Wir redeten über Hunde. Der alte Freund erzählte mir von den letzten Momenten seines Hundes. Er sagte: „Wenn es so weit ist, siehst Du es in den Augen. Du willst sie nicht leiden sehen. Der Körper war zu schwach und die Schmerzen wurden immer größer. Ich rief die Ärztin. Sie kam vorbei, blickte noch einmal auf meinen Hund und erlöste ihn dann.“

Die Zukunft aber lag da bereits hinter ihm. Timo Konietzka ist tot. Er war schwer krank. Er entschied sich, seinen Schmerzen ein Ende zu bereiten. Das Bild von Emma und Timo. Nun waren sie beide an einem anderen Ort. Sie würden für immer Borussen bleiben. Mach es gut, Junge aus Lünen!

der 24.august 1963