Die Tür zum Mobile Command Center stand offen. Rein da!
Das Innere des Mobile Command Center sah aus, als hauste ich bereits Wochen oder Monate in ihm. Chipstüten lagen leer auf dem Boden, die Aschenbecher quollen über, unzählige geleert Bierflaschen rollten durch den Innenraum, an der Wand klebten Erdnussbutterreste, ein paar T-Shirts, ein paar Socken und Unterhosen bedeckten den Boden und die leeren Wasserflaschen konnten ich schon nicht mehr zählen. 
Irgendwo flogen ein paar Plattenhüllen rum. 
Ich griff mir eine der Platten, fingerte das Vinyl aus der Hülle und fand meinen Philipps relativ unberührt unter einem Berg alter kicker-Ausgaben. 
Und andere Frauen ändern auch nichts an Deinen Problemen. Und andere Städte ändern auch nichts an Deinen Komplexen“, brüllten mir die Nerven entgegen. So jung. Und doch wussten sie mehr als ich jemals wissen würde. 

In einer der Wasserflaschen fand ich noch Spuren von Wasser, in einer Schublade Tabletten. Die Hand zitterte .Mit dem Wasser reinigte ich die Wunde. Mit einem alten Bier spülte ich die Tabletten runter. Bald würde ich Nachschub brauchen. 
Ich brauchte immer Nachschub. Ich brauchte neue Tabletten, ich brauchte neues Bier, ich brauchte neues Wasser und ich brauchte neue Gefühle, um wieder zu atmen; ich brauchte neue Schmerzen, um wieder zu spüren,; ich brauchte neue Auswege, um wieder zu denken, ich brauchte neue Gesichter, um die alten zu vergessen; ich brauchte neue Freunde, um überhaupt welche zu haben. Ich hatte nichts. Es war nichts passiert. Nichts passiert. Ich hatte nichts. Und nie war etwas passiert. 
Nach dem vierten Bier, nach der dritten Tablette, zitterte ich nicht mehr. Fand langsam zu mir. Legte mich auf das Bett. Noch eine Runde. Vielleicht wird die Nacht niemals enden, dachte ich. Vielleicht gibt es einen Weg zurück. Ich musste nur noch rausfinden, wohin dieser Weg zurück überhaupt führte.
Erst einmal machte ich mich aber an die Zerstörung der kicker-Ausgaben. Ich hatte genug vom Fußball. Ich hatte genug von dieser Unterhaltungsmaschine. Ich hatte genug von diesen Funktionären. Ich hatte genug von diesen Spielern. Ich hatte genug von diesen Berichtererstattern und ich hatte genug von diesen Fans. 
Ich hatte genug von den Fans, die sich auf Straßen prügelten und ich hatte genug von den Fans, die sich im Stadion bejubelten. 
Ich hatte genug von den Fans, die hinter jedem Gegentor den Weltuntergang vermuteten und ich hatte genug von den Fans, denen alles egal war, da es früher doch auf dem Platz alles schlechter war. Die, denen alles egal war, gingen ins Stadion und bejubelten sich und prahlten hinterher mit ihrem Sachverstand, den sie sich in Büchern und im Internet als Halbwissen angelesen hatten. Die, denen alles egal war, wehklagten über die zunehmende Verwahrlosung des Geistes. Die, denen alles egal war, wussten alles besser und waren edle Menschen. 
Gegen Mitternacht hielt ich es im Mobile Command Center nicht mehr aus. Vielleicht hielt ich meine Gedanken nicht mehr aus. Irgendwo fand ich noch einen Flachmann, nahm ein Bier auf die Hand und trat auf die Stettiner Straße. 
Erst war ich allein. Doch bald schon sah ich in Gesichter, die noch grauer und fahler als meine Erinnerung waren. Ich sah in Augen, die nicht mehr lebten. Es waren die, denen wirklich alles egal war. Weil es ihnen egal sein musste. Weil es für sie keine neuen Gefühle, keine neuen Schmerzen, keine neuen Auswege, keine neuen Gesichter und keine neuen Freunde gab. Sie hatten nichts. Es würde nie wieder was passieren. Sie hatten nichts. Und nie wieder würde was passieren. 
Ich bestellte mir ein Bier.
“All the flowers that you planted, mother / in the back yard / All died when you went away”
Jemand klopfte mir auf die Schulter. „Willkommen zuhause, Dietfried.“ Ich nickte. Er schwieg. Wir tranken.
denen es egal war