Wir gingen los nachdem wir ein paar Stunden im See-Tank gesessen hatten. Die Seestraße entlang, die kurz nach dem Plötzensee zur BAB 100 wurde. Langsam wurde ich wieder nüchtern. Wir blickten auf die Hausboote, die sich hier im breiten Teil des Kanals aneinanderreihten. Wir bogen in Richtung Flughafen ab, spazierten bald schon am Ufer des Hohenzollernkanals weiter. Ich erzählte Dörte von den Stunden im Oldie-Eck und von der Spur der Verwüstung, die dieser Abend in meinem Kopf hinterlassen hatte. Sie nahm mich in den Arm, beruhigte mich, vergewisserte mir, dass alles irgendwie gut ausgehen werde.

„Der Lange. Der hat eine ganz andere Agenda. Was Du von ihm erzählst, der ist nicht so! Und wofür solltest Du Ihnen Amok bringen? Bring mir den Kopf des Wahrsagers?“ Ich konnte ihr nicht folgen, trat ein paar Schritte zurück und beobachtet, wie sie sich am Ufer bewegte. Durch Kleingartenanlagen, über uns die Flugzeuge, grillende Laubenpieper. Maienwerderweg. Ein Biergarten am Wasser. Es waren nur noch lose Fetzen, die ich wahrnehmen konnte. Orte und Menschen schlichen an mir vorbei. Dörte redete, ich antwortete nicht mehr. Aus dem kleinen Verschlag waren die verzehrten Klänge eines Oldie-Senders zu vernehmen. Gerade liefen die Beatles mit Real Love.

„Wusstest Du, Dörte, dass Jeff Lynne zu den größten Mördern der Musikgeschichte gehört? George? Gestorben? Roy Orbinson, gestorben! Del Shannon, gestorben!“ „Und was ist mit Bob Dylan, Tom Petty, Brian Wilson?“ „Leben noch!“ „Genau! Die sind auf einer Skala von….“ „Dörte! Verflucht.Hör endlich auf damit, die Welt auf Skalen runterzubrechen!“ „It’s Real Love! Ist doch Dein Verein.“ „Mein Verein. Ich bin mir überhaupt nicht mehr klar darüber, ob es noch einen Verein gibt.“ „Du brauchst wirklich mal eine Pause. Alles was ich von Dir höre: Meckern über dies, meckern über das. Und der will Dir an den Kragen, und der hat Dir schon ein Messer an den Hals gelegt“ „Und wenn es so ist? Die Welt kotzt mich an. Du kannst niemanden vertrauen, und wenn Du etwas kritisiert, ist es nicht fundiert genug. Du darfst keine Meinung haben, es sei denn Deine Argumentationslinie ist perfekt, die Worte in ihrer Reinheit noch unberüht und der Weg klar vorgezeichnet“

Dörte stocherte in ihrem Kaffee rum. „Sonderlich gut ist der nicht. Und der See ist hier auch nicht zu sehen. Komm wir fahren mit dem Boot“. Ich war ohnehin hilflos. Und zu aufgeregt über das Auf und Ab meiner Gedanken, die in ordentlicher Schieflage waren. Mein Kopf pulsierte. Ich war unendlich müde, schon seit so langer Zeit, doch obwohl die Müdigkeit von der langer Nacht im Oldie-Eck herrührte, wusste ich, dass sich die Saat der Schlaflosigkeit über Jahre in meinem Körper verbreitet hatte. Mein Tage bestanden aus kläglichen Versuchen, eine neue Realität herbeizuführen. Doch dies würde mir nur gelingen, wenn ich auch die letzten Reste meiner alten Realität verschwinden lassen könnte. Der Kampf war ansonsten der aussichtslose Kampf Ermittler gegen die Welt. Die Welt würde mich immer schlagen. Das hatte ich in den letzten Jahren gelernt. Jeder kleine Erfolg war letztendlich nicht mehr als die Ankündigung eines weiteren Untergangs. Mir fehlte die Kraft, nur noch einen weiteren Untergang zu verkraften. Der nächste Untergang würde unweigerlich den endgültige Untergang meiner Existenz bedeuten. Der nächste Untergang würde mich zerstören.

In Tegelort nahmen wir uns ein Zimmer. Vom Balkon aus konnten wir den See überblicken, der in diesem Teil noch die Rest-Havel war. Das Spiel der Deutschen verfolgten wir auf dem kleinen Fernseher im Zimmer. Sie verloren verdient. Auch hier folgte auf jeden kleinen Erfolg der Untergang. Das berichteten in den folgenden beiden Tagen, die Dörte und ich mit Spaziergängen durch den Tegeler Forst und Gewitterbeobachtungen verbrachten, die Medien. Ich überflog nur die Schlagzeilen, als sich Zeigler dann in einer populistischen Note positionierte, wagte ich mich zum ersten Mal seit Tagen aus der Deckung. Ich schrieb einen Brief, den ich der Öffentlichkeit zur Verfügung stellte. Für einen kurzen Moment war ich im Auge eines Shitstorms. Kein besonders heftiger Shitstorm, aber ich war labil und es ohnehin nicht genehm, eine andere Meinung zu vertreten.

Was ich jedoch ganz vergessen hatte: In dem Moment, in dem ich mich öffentlich zur Wort meldete, war meine Tarnung aufgeflogen. Zwei Tage hatte ich Liebe gespürt, nun schlug mir nicht nur Hass entgegen, sondern binnen weniger Minute meldete sich auch der Lange. Nicht bei mir, mein Handy war aus, sondern im Hotel. „Dembowski, wir müssen uns treffen. Ich musste so reden!“ Ob ich ihm glaubte, ob ich ihm nicht glaubte, spielte keine Rolle. Dörte blieb im Hotel, ich verabredete mich mit ihm an der Dicken Marie, am anderen Seeufer, unweit des Tegeler Yachthafens. Hier würden genug Touristengruppen vorbeischlendern. Der älteste Baum der Stadt war das Ausflugsziel für Berlin Touristen schlechthin.

„Du kannst ihm vertrauen“, gab Dörte mir mit auf den Weg. Mit dem Rad fuhr ich am Ufer entlang, tief durch den Tegeler Forst, der sich hin und wieder zur Seeseite öffnete. Mir war kalt, und obwohl die Sonne schien, ich gut geschlafen hatte, verstörte mich der Anblick der Natur. War ich ausgeruht, konnte ich mich hier finden, bei mir sein. Jetzt war ich, so dachte ich zumindest, ausgeruht, doch durch meinen Kopf flogen die Bilder aus dem Oldie-Eck. Ich sah, wie ich Amok verraten hatte, und Redermann seine Hände zu einem Gebet faltete. Hinter mir standen Piotr und Tomasz, die mich mit einer 9mm beruhigten, seitlich saß Komaroff, dessen rote Haare innerhalb weniger Sekunden grau wurden. Er war jetzt ein alter Mann. Ohne Skrupel, ohne Gewissen, das hatte er noch nie besessen. Der Tegeler Forst ist nur die Kulisse zu meinem nächsten Untergang, dachte ich und fuhr um die nächste Kurve, wich dem im Gewitter zerstörten Baum aus.

Der Lange saß auf einer Bank, las in einem Buch. A Deeper Blue: The Life and Music of Townes van Zandt. „Townes. Großer Musiker“, sagte ich anerkennend, meine Nervosität verblasste. Ich setzte mich neben ihn. Er reicht mir seine gestreckte Hand. „Ich konnte nicht anders, Dembowski!“ „Wieso?“

„Lass mich nicht ganz vorne anfangen. Aber traue niemanden mehr. Nur Dir. Sie riechen Deine Angst, sie spüren Deine Unsicherheit. Du hast viel mitgemacht. Das wollen sie ausnutzen. Ich bin hier, um Dich zu beschützen.“ „Aber was hat das mit den Punkten zu tun?“ „Genau nichts. Ich musste Komaroff in Sicherheit wiegen. Mehr nicht. Der ist längst wieder unterwegs, denkt die Sache läuft. Überlass ihn mir, kümmer Dich um nichts mehr. Du bist raus. Du brauchst Ruhe, Du darfst Dörte nicht noch einmal verlieren. Townes sagt, es gibt keine schönere Erinnerung als die Erinnerung an eine Stadt, die Du verlassen hast. Erinner Dich. Lass los. Schließe Deine Augen, hole Luft und verschwinde für eine Zeit, bis der Staub verflogen ist, und die Welt sich um den nächsten Fall kümmern kann. Es gibt immer was zu tun, nur in diesem Moment gibt es für Dich nichts mehr zu erledigen. Du darfst sie nicht verlieren. Du darfst Dein Leben nicht für eine Sache herschenken, die Dich am Ende zerstören wird. Schau Dir Dörte an, wie sie da liegt, wie sie durch ihren Garten läuft, und hier wie sie im Gras liegt und hier das Bild am See. Schließe Deine Augen, Dembowski und erhole Dich.“

Über uns strich der sanfte Wind eines sich in der Ferne ankündigenden Sommergewitters, das Rauschen der Blätter wurde lauter, die Schwalben flogen tief über dem morastigen Boden. Ich blickte den Langen an. 

„Bedeutet das, ich bin nicht in Gefahr?“ 
„Nur wenn Du das Spiel weiterspielst. Du kannst gehen. Nicht jede Geschichte muss ein Ende haben, nicht jeder Fall muss gelöst werden. Du bist frei. Du kannst entscheiden, was mit Dir passiert. Da wäre nur noch eine Sache. Amok und Redermann warten auf Dich am Westhafen. Montag, pünktlich um 19.09 Uhr. Darauf haben sie bestanden. Fahr zurück ins Hotel, bereite Dich vor, überlege Dir, was Du ihnen mit auf den Weg geben willst und gehe in Frieden. Es gibt nicht nur Menschen in Kneipen, davon musst Du loskommen.“ „Aber genau das ist mein Leben!“ „Menschen in Kneipen sind Dein Problem. Du wartest, nichts passiert. Du trinkst, Du rauchst, Du schaust Fußball, Du holst Dir dort Deine Ideen. Und all die wunderbaren Dinge, die um Dich herum passieren, blendest Du aus. Du kämpfst für Gerechtigkeit, und es fallen Dir nur Beschimpfungen ein. Dembowski, gehe jetzt und vertraue niemanden mehr. Dörte, Redermann, Amok. Und mir. Aber: Ich will noch ein wenig lesen, Dembowski. Gehe jetzt.“

Ich kämpfte mit ein paar blöden Tränen, die sich in meinen Augen angesammelt hatten. Was hatte ich dem Langen nicht alles unterstellt, doch sein Herz war groß, seine Worte klug, sein Musikverstand nicht von dieser Welt. Scheu umarmte ich ihn. Auf dem Rückweg beobachtete ich eine Zwergdommel im Uferschilf. Auf einem Steg sitzend blickte ich auf die letzten Jahre zurück. Sie hatten mich emotional ausgehungert. In der Tat war ich ein in der Kneipe sitzendes Wrack, dessen Welt kaum noch Bezugspunkte mit der Welt da draußen hatte. Meine samstägliche Erregung als Reaktion auf Zeiglers Populismus war nichts weiter als ein finaler Schrei. Mein Job war erledigt. Fast erledigt. Noch einmal Amok und Redermann treffen, und danach schweigen.

dembowski und der letzte schrei

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