Immer noch keine Nachricht von Martin und Reiser. Mittlerweile ist die halbe Woche rum und sie ignorieren mich. Lassen mich fallen, wie eine heiße Kartoffel. Die Stadt ist halbwegs sauber, die Spuren der Feier sind wieder zur Spuren der Plovdiv-Gang geworden. Gerade hier in der Nordstadt nimmt alles seinen gewohnten Gang. Ein paar Leute haben ihre Meistershirts an. Doch an den Theken reden sie nur noch über den Abzocker Sahin und über den neuesten Meisterhit (Vermerk an mich: Mein Hit ist immer noch nicht bei youtube zu sehen!).

Ich rufe Ritchie an, doch auch dort will niemand das Telefon abnehmen. Seit Samstag scheint die Welt sich nicht mehr für mich zu interessieren und das setzt mir zu. Ein Taxifahrer, den ich früher mal kannte, schreit mir auf meinem Weg die Mallinckrodt hinunter zu: „Wenn man Leute wie Dir gratuliert, sind sie eh nur beleidigt, weil man kein Geschenk hat. Hau ab, Dembowski. Lass diese Stadt in Ruhe!“ Etwas ist in Bewegung gekommen und ich habe keine Ahnung, was passiert ist. Meine Verbrüderung mit der dunklen Seite war allen längst bekannt, ich kann nur nicht jeden einweihen, warum es so weit gekommen ist. Bis auf die Wentraud hält längst niemand mehr zu mir – und die Wentraud, entschuldige die harten Worte, Elisabeth, hat seit dem Affenmaskenmanntheater einen leichten Hau. Ich denke an Thomas und wie er sich damals den Arsch ablachen wollte, es bekam ihm nicht gut, aber irgendwie fühle ich mich auch so. Ich habe mein Herzblut in diese Angelegenheiten gesteckt und dann das. Nicht einmal auf der falschen, der dunklen Seite gibt es Dankbarkeit. Wieso melden sich Martin und Reiser nicht?

Nachmittags sitze ich im Eventbüro und mache Vorschläge für die Meisterfeier. Ich bin da einfach rein, habe mich als Berater mit Sachverstand vorgestellt und erkläre nun die Vorzüge vom Raketenreiter und vom Barden. „Du machst den DJ und die beiden Jungs treten auf, die Halle wird toben.“ Der Kollege im Eventbüro ist begeistert und bestätigt mir den größten Sachverstand. „Natürlich wird die Halle toben! Entschuldige, ich habe Deinen Namen vorhin nicht verstanden, Meister.“ „Dembowski, Berater mit Sachverstand!“ „Den hast Du, Dembowski. Hier ein Kaffee. Ich hau mal gleich ein paar Mails raus.“ Immerhin hört mir jemand zu, aber ich vermisse die sanften Worte von Reiser, die umgarnende Stimme von Martin.

In der Kneipe steht ein Junge mit der Gitarre. Die Jukebox ist aus, der Flipper abgeschaltet. Er singt: „Das ist Dembowski-Land, mein Freund heißt Bohnenkamp, mir bleibt der Bordsteinrand, bei uns hier im Revier.“ Ich denke es zumindest. Auf CNN sehe ich die Schaubilder der Abbottabad-Erstürmung. Wäre ich nur Navy Seal geworden, denke ich. Der Kopf knallt auf die Theke. Tränenüberströmt.

das stockholm-syndrom