Ihr könnt viel mit mir anstellen, ihr könnt mich in eine Ecke stellen und mit dem Finger auf mich zeigen. Ihr könnt sagen, so sieht ein gescheiterter Ermittler aus und ihr könnt mich verhöhnen, ihr könnt Euer Lebensglück in meinem Unglück spiegeln und Euch dadurch erheben. Macht was ihr wollt, ist mein Motto. (während der Großvater noch von „Mein Motto – jeden Tag ein 6er im Lotto“ spricht) Aber bitte lasst mich doch einfach nur ausschlafen und nervt nicht bereits um 8 Uhr vor den Jalousien.

Der plötzliche Ruhm kam wirklich über Nacht und es ist kein besonderer Ruhm, der mich an diesem Dienstag einholt. Ich hatte meine Gedanken ordnen wollen und ein kleines Manifest ins Internet gestellt. Nichts besonderes: Es ging um die Unmöglichkeit der Ermittlungen und es ging um die wenigen verbliebenen Möglichkeiten als Privatermittler. Ich hatte die Konstrukteure einfließen lassen und ihnen viel Platz gewährt. Ihr Leitmotiv dargelegt und die Ergänzungsvorschläge eingeflochten. Ihre Geschichte schilderte ich, um für Verständnis zu werben und aber auch um die Hintergründe dieser außerordentlichen Organisation offen zu legen. All das hatte ich im Vorfeld mit Piotr und sogar Tomasz abgestimmt. Die Reise, die ich vor zwei Wochen nie angetreten bin, hätte mich zurück in die Masuren führen sollen. Es kam anders. Aber ich blieb am Ball und telefonierte, faxte und mailte mit dem Unterwasseraquarium. Alles war abgestimmt, sämtliche Eventualitäten durchgespielt. Wir wollten nicht ohne Fangnetz agieren, da wir die Gewissheit hatten, dass die Sache mit den Konstrukteuren, sobald öffentlich bekannt, Wellen schlagen würde.

An diesem Punkt sind wir nun angekommen und ich hatte mit vielen Szenarien gerechnet und diese ja auch durchgespielt, doch das sich mir eröffnende Szenario war nicht eingeplant. Was ist passiert? Eigentlich nichts. Man hat mein Manifest entdeckt. Man sollte mein Manifest entdecken. Man sollte auch über mein Scheitern informiert sein. Überhaupt kein Problem. Aber um Himmels willen, ihr müsst nicht gleich mit vier Übertragungswagen, drei Lokalbloggern, sieben Rundfunkreportern und dem üblichen Boulevardgesocks anreisen. Es ist ein Manifest. Nichts weiter. Und wenn ihr dann das Internet überwacht, überwachte es richtig und zieht nicht den Namen Konstrukteure in den Schmutz. Wir sorgen für Eure Erheiterung und wir ändern die Dinge, wenn sie zu ändern sind.

Worauf will ich eigentlich hinaus? Es ist 8 Uhr. Draußen ist Krach. Es klopft. Es klingelt, ich habe zehn Anrufe in Abwesenheit. Irgendwas muss passiert sein. Aberr was? Ich öffne die Jalousien und schaue direkt in gleißendes Kameralicht. „Dembowski, was haben sie zu ihrem Manifest zu sagen?“ Was soll man darauf antworten. Es steht ja alles da drin. „Wenn ich die Geschichte bekomme, Dietfried, helfe ich Dir!“ schreit einer von Reisers Kollegen rüber  und ich frage mich eigentlich nur welche Geschichte und wieso brauche ich Hilfe. Ich kann es mir nicht erklären. Ich ziehe die Jalousien wieder runter, stelle die Klingel aus und ziehe mich ins Bett zurück. Frühstücks-Fernsehen. „Im Rahmen der Ermittlungen fand man auch in Deutschland ein Manifest im Internet. An diesem Manifest, so Regierungssprecher Nolte heute, werde man jetzt ein Exempel statuieren. Wie verschiedenen Nachrichtenagenturen berichten sei eine schärfere Überwachung des Internets nicht nur angedacht, sondern bereits als Gesetzesvorlage bei den zuständigen Gremien.“

Ich lese noch einmal das Manifest:

wir sind gefasst, ruhen in uns und beobachten die welt von hier unten mit anderen augen. wir sind die konstrukteure, wir verändern den lauf der dinge, ohne euch damit zu belästigen. wir haben ein lachendes, und ein weinendes auge. wenn blitzschläge 40 hirsche sterben lassen, und vögel wie steine vom himmel fallen, sind wir eure rettung. wenn die ermittlungen stocken, stocken sie nur scheinbar. wir sind rastlos. wir machen keine pause. wir sind die konstrukteure. wir sitzen an orten, die du nicht bei google maps finden wirst. wir sind die unbekannten, die dir ein gesicht geben. wir sind die bewahrer der alten kulturen. unsere vergangenheit wird eure zukunft sein. habt vertrauen. wir sind die konstrukteure. wir sind eure beschützer. habt vertrauen. wir sind die konstrukteure.

Ich habe keine Ahnung, worum es hier geht, außer dass es offensichtlich um unser Manifest, welches ja nicht einmal die Bezeichnung Manifest verdient hat, geht. Ich öffne die Jalousien und frage höflich nach: „Was soll das hier?“ Doch die Lichter der Kameras sind längst vom Fenster weg auf die Straße gerichtet. Ein Kind liegt auf der Erde, es ist vom Rad gefallen.

das manifest sorgt für kurzen schlaf