„Nix ist passiert! Du bist abgehauen. Deine Suche war wieder nur eine Flucht. Irgendwann musst Du ankommen. Und auf einer Skala von 1 bis Da. Wo bist Du jetzt?“ Sie hatte die Gabe, Fragen so zu formulieren, dass ich nur mit zwei Buchstaben antworten musste. „Da“. Sie griff meine Hand. Sie zog mich zu ihr. Und lachte mich an. „Komm einfach mit auf die Lama-Farm. 1 Lama ist eine Farm.“ Wie ich mitkommen wollte. Raus aus der Stadt. Raus aus dem Schmutz.

Obwohl ich mich dort wohlgefühlt hatte. Obwohl ich dort eine neue Heimat gefunden hatte. „Vorher muss ich noch was erledigen. Aber ich komme mit. Danach. Für immer!“ Kitsch, wie Kitsch nun einmal war, hatte immer den Anschein von Pathos. Das aber war mir egal. Ich war jetzt totaler Kitsch-Fan. Ein Leben auf einer 1Lama-Farm. Konnte es besseres geben? Sicher. Aber ein Leben ohne Dörte war immer zum Scheitern, zum Abdriften in den Alkohlismus verurteilt. Darauf eine Ernte. Kronen gab es hier nicht.

Am nächsten Morgen, dem Tag des England-Spiels, war ohnehin klar, was passieren würde. Ich hatte noch einen Text zu schreiben, nachdem ich mich vor der EM zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Dörte spazierte alleine durch die Gegend. Ich schrieb den Text schnell runter, ich wollte Dörte nicht noch einmal verlieren. Am Telefon erklärte mir Redermann, dass ich die Erfolge der deutschen Mannschaft zu sehr runterspielen würde. Bei meinem Gastbeitrag stellte ich diese also heraus. Ich wollte Redermann in dieser entscheidenden Phase nicht verärgern. Irgendwas war im Busch. Ich brauchte seine Unterstützung. 

In Warnitz war ich sicher, doch bald schon würde ich aufbrechen müssen. Noch einmal in die Stadt. Noch einmal in den Kiez. Noch war Piotr sicher nicht nach Berlin gekommen und noch hatten Winowski und Tomasz sicher nicht geplaudert. Aber das würde unweigerlich passieren. Mir blieb wenig Zeit. Und noch stand das Spiel aus, dessen Ergebnis alle Welt vorher bereits kannte. Armes England! Glück für mich. Dörte war nicht von dieser Welt und so konnte ich mit der Aussage „England verliert im Elfmeterschießen“ auf Begeisterung stoßen. Denn so kam es natürlich. Wie immer. Der Berliner versorgte mich noch mit folgendem Text. Sicher auch vorgeschrieben.

EM – letztes Viertelfinale
England vs Italien

Es kommt natürlich so. Die ersten Minuten des Spiels. Mehr Feuer, mehr Chancen, mehr Bewegung als im kompletten Spanien-Spiel. Das ist Fubßall. Die liebevolle Ballbehandlung Pirlos, dessen Name für mich immer auch nach Pirol klingt, dem schönsten Vogel dieser Welt. Der Vogel des Jahres 1990 trägt schwarzgelb, was natürlich bereits Grund genug ist, ihn zu lieben. Seine geschmeidiger Flug, sein scheues Wesen, seine Seltenheit. Welch ein Vogel!
Pirlo! Ebenso selten, ebenso genial. Welch ein Spieler. Diese erste Ballberührung, die Art, wie er Räume erkennt, die sonst niemand sieht. Neben den jungen Spielern wirkt er wie alter, weiser Herr. Und natürlich ist es nach den teilweise grotesken Bemühungen Balotellis und dem ersten Fehlschuss Pirlo, der Italien zurück ins Spiel chippt.
Danach sieht man die ängstlichen Augen Ashley Youngs. Er wird den Ball drüber hauen, denke ich und sehe den Ball an die Latte fliegen. Es ist vorbei. Dass Cole den Ball danach beinahe schon demütig in die Hände Buffons schießt, ist kein Wunder mehr, wie auch der darauf folgende letzte Elfmeter. Jetzt also Deutschland gegen Italien.

Sommer 2006. Halbfinale. Deutschland gegen Italien. Ich bin nach Dortmund gereist. Ohne Karte. Aber ich will in der Stadt sein, wenn Deutschland ins Finale einzieht. Die Erinnerung an diesen Tag ist die Erinnerung an einen brutal warmen Tag, an dessen Ende die absolute Stille steht. Als sich auch im Westpark alle auf das Elfmeterschießen eingestellt haben, spielt Pirlo auf Grosso, der den Ball in die lange Ecke schlenzt.
„Und das Tor“, sind die letzten Worte. Danach wird im Westpark der Ton abgedreht. Durch die Dunkelheit geht es in die Stadt. Das Riesenfest. Und niemand sagt etwas. Stille. Auf dem Hansaplatz überquert ein einsamer Trapezkünstler ein Seil. Im Brunnen auf dem Alten Markt springen ein paar Italiener umher. Der Hauptbahnhof ist gesperrt. Auf dem Vorplatz stehen 10.000 Menschen. Warten, schweigen. Stille. Sitzen auf der Wiese vor der Bibliothek. Ein Polizist macht eine Durchsage. Stille.
„Sagen Sie doch was!“, fordert der Polizist jetzt. Stille. Durch den Hintereingang gelange ich in den Bahnhof. Auf meinem iPod läuft King Creosote mit Circle My Demise. Deutschland hat das erste Mal in Dortmund verloren. Eine Serie ist gerissen.
Es ist an der Zeit, dass die nächste Serie reißt. Am Donnerstag in Warschau.

das letzte viertelfinale – die stille nach dem schuss