Von einem willkürlichen Menschen auf einem Rastplatz kurz vor Berlin hatte ich erfahren, dass der BVB weiter auf Kurs war. Er hatte, nachdem ich die Nachrichten in seinem Radio hörend wahrgenommen hatten, einfach nur „die haben gewonnen“ gesagt. Die Information reichte mir. Ich war noch zu aufgeregt von der Nacht. In meinem Traum sah ich Dörte auf einer Insel. Sie lockte mich. Ich war fest entschlossen, ihrem Locken zu erliegen. Ich war voller Furcht in einem Busch eingeschlafen. Ich war mit neuer Hoffnung aufgewacht. Die Geschichte mit der Flucht war Vergangenheit. Ich hatte auf mein Handy geschaut, die Nachricht von Sybille gelesen: „dietfried. alles gut. wir vermissen dich. ich auch. HDGGGGDL sybille.“ Ich hatte mir vorgenommen, Sybille irgendwann zu besuchen. Irgendwann zu sehen, was aus meinem Bettnachbar geworden war. Er lebte noch, das hatte mich beruhigt.

Von einem willkürlichen Menschen auf einem Rastplatz vor Berlin hatte ich das Ergebnis erfahren und war dann umgekehrt. Im Reiseverkehr des Osterwochenendes war mein schwarzes Ticket nicht weiter aufgefallen. Irgendwann nach langer Reise hatte ich das Ende des Landes erreicht. Hierher wollte mich Dörte im Traum locken. Jetzt war ich also auf der Insel, Dortmund hatte gewonnen, Ostern 2012 zeigte sich in den Monatsfarben. Irgendwo hier würde ich Dörte finden. Ich durchstreifte die Straßen ,ging hinunter zur Promenade, setzte mich für einen Moment in den Strand, beobachtete die schweigenden Spaziergänger, kaufte mir ein Bier, setzte mich wieder in den Sand, blickte weiter auf die Menschenmassen.

Die Anspannung der letzten Wochen fiel von mir ab, entschwand unter dem konstanten Rauschen der Brandung. Ich hatte mich gehen, mich von den Ereignissen zu sehr mitnehmen lassen. Doch hier fand ich wieder zu mir. Ich nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. In der Ferne bauten sie das Osterfeuer auf. Ich nahm mir vor, später auf ein Bier dort vorbeizuschauen. Doch bis dahin musste ich meinem Traum nachgehen. Über die Holzplanken ging es zurück unter die Fußgänger. Ich nahm sie nicht wahr. Meine Gedanken umkreisten Dörte, niemals in den letzten Jahren hatte ich weniger an den Ballspielverein gedacht. Wenn ich nur Dörte finden würde, wäre alles andere egal, dachte ich.

Ich stieg einen kleinen Hügel hinauf. Der Weg wand sich zu einem Funkturm hoch. Auf halber Strecke fand ich die Überreste einer Osterparty. Einige Flaschen Vodka, einige Tetrapacks Wein, eine leere Tafel Schokolade. Als ich um die Ecke kam, sah ich ihren Namen. Er war in großen Lettern auf eine kleine Villa am Hang geschrieben. Ich stieg über einen Zaun, mein Herz pochte jetzt. Hatte sich Dörte hier niedergelassen? Hatte sie diesem Haus nicht nur ihren Namen geschenkt? Auf der Straße fuhr mich beinahe ein kleiner Zug um. Der Zug pendelte zwischen den Bädern, ich zwischen Hoffnung und Angst. Was, wenn nicht? Was, wenn das…. Ich wollte nicht weiter dran denken. Ich stand vor der Tür. Klingelte. Niemand öffnete mir. Klingelte noch einmal. Von der anderen Seite schrie jemand: „Geschlossen!“ Ich blickte mich um, doch dort war niemand mehr. Dörte. Haus Dörte. Geschlossen.

Und überhaupt: Wieso sollte ich Dörte hier finden, fragte ich mich. Wieso sollte sie ausgerechnet hier sein? Nur weil sie es in meinem Traum war. Ich hatte nicht einmal ein Bild von ihr. In meiner Erinnerung war sie der schönste Mensch der Welt. Aber meine Erinnerung brachte mir in dieser Gegenwart nichts. Diese Gegenwart war kalt und als ich wieder an den Strand kam, sah ich die Menschen mit anderen Augen. Sie waren alt. Sie waren satt. Sie hatten Geld. Sie waren nicht mehr auf der Suche. Vielleicht, dachte ich, sollte ich auch alt und satt werden. Ich machte mich auf den Weg zum Osterfeuer. Den Winter verscheuchen. Den Kopf auf die nächsten Wochen vorbereiten. In einem Monat würde alles ein Ende haben. Zumindest das mit dem Fußball. 

In der Ferne, an der nächsten Seebrücke, sah ich ein paar Lichter. Das musste es sein. Bald nahm ich die Musik wahr. Die Band spielte auf, die Leute standen ums Feuer. Das Ende meiner Flucht. Angekommen. Zumindest für einen Moment. Doch mit jedem Schritt, mit dem ich dem Feuer und der Musik näher kam, verfinsterte sich meine Miene. Zum ersten Mal schaute ich mir die Menschen an. Sie sprachen in fremden Dialekten. Sie waren nicht von der Insel. Nur die auf der Bühne waren es. Die auf der Bühne bedienten auch zwanzig Jahre nach der Wende noch die alten Ressentiments. Das Lied hier, hieß es, sei im Osten bekannt, wenn es auch aus dem Westen stammte.
Sogleich vernichteten sie Meys „Über den Wolken“ und vergewaltigten dann den Kauntry „Country Roads“. Keine schlechte Leistung. Beide Lieder zählten ohnehin nicht zu den Sternstunden der Musikgeschichte, doch das hier war richtig übel. Unter Computerbeats mischte sich eine falsch gestimmte Gitarre, dazu die quäkende Stimme eines ehemaligen HSE-Moderators. Um mich herum warfen sie die Hände in die Luft und schrien „Halbstark. Hölle. Hölle. Hölle!“. Sie waren die Uniformierten. Auf ihren Jacken, die sie zum Schutz vor der Kälte erst angezogen hatten, jetzt am Feuer aber langsam öffnete, prangten Bärentatzen. Ihre Jacken variierten nur in Farbe, nicht in Form, nicht in Hersteller. Sie tranken Bier aus Plastikbechern, sie sangen die Lieder und amüsierten sich prächtig. Ich war bis ans Ende des Landes gereist, um sein Herz zu finden. Das Herz hatte die Form einer Bärentatze. Willkommen im Jack-Wolfskin-Land!

Das Telefon klingelte, eine gute Gelegenheit vom Feuer wegzugehen. „Ey, wo steckst Du? Hast du DerSamstag! eingestampft?“ Redermann klang nicht glücklich. Er erzählte mir, dass er es seit ein paar Tagen in der Klinik probiert hatte. Erst, so erklärte mir Redermann, hatte er die ganze Geschichte für einen Scherz gehalten. Nicht mein Glanzstück. Aber immerhin ein Scherz. Doch die Tage waren ereignislos ins Land gezogen, das habe seine Sorgen nur vergrößert. Jetzt rief er halt an. „Das hättest Du doch schon vor Tagen machen können, Ernst. Aber so bist Du. Ich zurück! Ich habe das Herz der Republik gesehen. Es schlägt. Nicht in meinem Takt, aber es schlägt. Spielt eigentlich der Schweinsteiger wieder?“ Am anderen Ende der Leitung vernahm ich einen Seufzer. „Ah! Du bist wieder da! Und alles Gute, Dietfried. Ein Jahr Dembowski!“

das herz der republik, das ende der flucht, ein jahr dembowski