„Verflucht!“, Kleppo war außer sich. „Getz isser weg, der Ralle“, wiederholte er immer wieder und ließ mir mit seinem Geklage keine Ruhe mehr. Gerade erst hatte ich einen entspannten Spaziergang durch mein Revier gemacht. Ich hatte die mir immer freundlicher gesonnenen Menschen gegrüßt. „Ein bunter Hund“, hatte ich gemurmelt „Du bist ein bunter Hund, Dembowski. Es ist vielleicht an der Zeit, die Zelte abzubrechen. Solange die Leute Dich nur als den kauzigen Typen mit der Krawatte gesehen haben, war es noch okay. Niemand wußte über Dich Bescheid, doch in letzter Zeit hast Du Dich zu sehr aus dem Fenster gelehnt und überhaupt, wo ist Deine schlechte Laune hin, Ermittler?“ hatte ich mich am Petroleumhafen auf und ab gehend gefragt.

Und auf einmal hatte mich Kleppo aus meinen Überlegungen gerissen. Ich hatte mich in ganz in meinen Abschiedsgedanken versunken umerklich über die Mallinckrodt geschlichen und war wieder vor der Erdgeschosswohnung angekommen. Schon aus der Ferne hatte ich den wild gestikulierenden Kleppo gesehen. „Ungewöhnlich für diese Uhrzeit“, hatte ich nur gedacht und jetzt stand ich da und hörte den Worten Kleppos zu. Ich zuckte mit der Schulter. „Eine menschliche Tragödie, ohne Frage, Kleppo, aber es interessiert mich nicht. Jeder Mensch hat seine Last zu schultern und meine Last, Kleppo, hat eine ganz andere Qualität.“ „Aber nach Enke! Wie kannst Du solche Worte nur nach Enke in den Mund nehmen?“ Da war es also wieder – das Enke-Argument. Und ich ahnte, welche Lawine dieser Rücktritt nun auslösen würde. Mir graute es vor geheuchelten Beileidskundgebungen. Mir graute es vor der Menschlichkeit hinter gelackten Sneaker-Fassaden. Zu präsent waren meine eigenen Erinnerungen an die Sneaker-Bande und ihre menschenverachtenden Methoden hinter der stets frisch polierten Fassade der Menschlichkeit.

Ich erinnerte mich auch an Theo im Stadion, an Jogi im Stadion und die verordnete Staatstrauer nach Enke. Geändert hatte sich seitdem nichts und verändern würde sich auch in Zukunft nichts. Solange die Sneaker-Bande die Meinung diktierte würde Quote vor Mensch gehen und das, so viel war mir in den letzten Monaten bei den Konstrukteuren bewußt geworden, würde sich nie ändern. Es wird immer Sneakers da draußen geben, die uns ein Meinungsdiktat aufzwingen und es wenn es einmal keine Sneakers mehr sein sollten, dann würden andere Schuhe diesen Job schon übernehmen. Doch wie sollte ich das Kleppo vermitteln. Er war ernsthaft berührt von dem öffentlichen Schicksal, was nur kurze Zeit ein Geheimnis gewesen war. Und wie sollte ich ihm das Absprechen. Immerhin war es sein Trainer. Aber es war nicht mein Trainer, und es war kein Mensch, der mir jemals in irgendeiner Form sonderlich sympathisch gewesen wäre. „Ich muss nicht Teil der Staatstrauer sein, Kleppo und ich darf Dir sagen, dass es mir egal ist, was RR mir über sich und sein Leben erzählt. Herzlich egal. Es ist nicht mein Leben und es wird niemals mein Leben sein. Das mag jetzt herzlos klingen, es ist am Ende jedoch die Wahrheit, die zu sagen, ich mir vor langer Zeit verordnet habe. Jeder, da wiederhole ich mich gerne, muss seine Last schultern. Und wenn Du einmal in der Erdgeschosswohnung sitzt und die Sonne fürchtest, wirst Du vielleicht verstehen was ich meine. Und wenn es Dir nie passieren sollte, so darf ich Dir in aller Form gratulieren.“

Und so war mein schöner Tag zerstört worden. Noch vor meinem Spaziergang hatte ich einen herrlichen Kater gehabt. Den Abend zuvor hatte ich mir mit Country Feedback und Leave in Dauerschleife um die Ohren gehauen und mich an die R.E.M.-Momente in meinem Leben erinnert. Auch damals, kurz vorm Oktober 2001, waren sie bei mir gewesen. Oder besser auf der Domplatte in Köln, die ich besucht hatte. Nicht jeder Kater ist ein schlimmer Kater, hatte ich beim Aufstehen gedacht und mich mit What’s The Frequency, Kenneth? in den Morgen geweckt. Sogar von Amok war in der Nacht ein Lebenszeichen eingetroffen und ich war bester Dinge, dass wir mit unserer Sonderausgabe ein paar neue Leser gewinnen würden. Die wenigen Worte Amoks hatten mich nachgerade euphorisch gestimmt. Ein Pfundskerl, der mir die Fälle nur so um die Ohren haut und der es mir ermöglicht, irgendwas zu machen, nur nicht zu ermitteln, denn das, das muss ich mir gestehen, habe ich verdammt satt, hatte ich gedacht und mich dann auf den Spaziergang gemacht. Und jetzt hatte ich den Salat. Ich rief Redermann an, der längst auf 180 war. „Immer diese Heuchler! Drauf geschissen.“

das enke-argument