Der Regen unterbrach meine Fahrt. Ich kehrte kurz um, nahm mir in Warnitz ein Zimmer. Ein prächtiges altes Hotel, das vor Jahren einmal als Erholungsort für DDR-Bonzen gebaut worden war, und jetzt Menschen mittleren Alters auf ihren Vorruhestand vorbereiten sollte. Hier konnte ich unerkannt für ein paar Tage, solange das Wetter meine Weiterfahrt in Richtung Berlin verhinderte, Luft holen. Ich musste meine Gedanken ordnen. Dies hier war der perfekte Ort.

Auf dem Balkon sitzend, dem Oberuckersee im Blick, blätterte ich durch die ausliegende Presse. Die lokalen Blätter interessierten mich am Rande. Eine Gegend, die mir nichts bedeutete – außer Frieden und Ruhe. Eine Gegend, in die ich nie zurückkehren würde. Ich war frei. Hatte auf meinem langen Weg zur Freiheit jedoch eine Zeitung verloren. Mir blieb nur der Griff zum Boulevard. Wie immer blätterte ich das Blatt von hinten durch.

Bereits nach wenigen Seiten lächelte mich ein verpixelter Reiser an. Er hatte sich in das Teamhotel der Griechen eingeschleust. Als schmieriger Zahnarzt, dessen Fremdsprachenkenntnisse bis „nix kappitschi“ reichten, der tadellosen Antwort auf alle Fragen, dem erstaunlichen Russisch, gesprochen in einem Hotel vor den Toren Danzigs. Reiser hatte die perfekte Tarnung. Sein Artikel begann mit den Worten „Ich fühle mich wie Dembowski“. Das machte mich, ich musste es mir auf dem Balkon sitzend, eingestehen, verdammt stolz. Leider hatte Reiser in all den Jahren nicht gelernt, wie man eine Geschichte schreibt. Aber er hatte es bis ins Teamhotel der Griechen geschafft. Das allein war eine Riesennachricht, die der Boulevard dementsprechend feierte. Mit dieser Tarnung würde er es noch weit bringen. Reiser war komplett von seinem Weg abgekommen, lief nun Gefahr in der großen politischen Gemengelage geopfert zu werden. Ich würde ihn im Blick behalten. Noch ein gefallener Held. Immerhin hatte Reiser sich für die Nation geopfert, ich nur für mein Wohlbefinden.

Ich stand auf, ging runter zur See-Terrasse. Unter einem Rettungsschirm fand ich Schutz vor dem Regen. Ich orderte einen Kaffee. Aus der Ferne vernahm ich das Rauschen der Kaffeemaschine. Sie musste Tag und Nacht arbeiten. Für 93€ am Tag. Mein Zimmer kostete ebenso viel. Manchmal eine Kaffeemaschine, dachte ich. Den ganzen Tag nur braune Brühe ausspucken. Den ganzen Tag nur spucken. Auf andere Menschen. Wie es noch im April 2011 meine Aufgabe gewesen war. Spucken. Auf Menschen. Jetzt stand ich ohne Zeitung da. Eine Rundreise in 14 Monaten. Ich blätterte noch ein wenig im Boulevard. Als ich beim Lokalteil angelangt war, stockte mir der Atem

Unterwasseraquarium ausgehoben! Kopf der Konstrukteure auf der Flucht!
(Ahlbeck) Bei einer Razzia in einem Unterwasseraquarium vor der Küste Usedoms gelang der hiesigen Polizei ein Schlag gegen das organisierte Verbrechen. Die weltweit zur Fahndung ausgeschriebenen Tomasz P. (45) und Semjon W. (37) leisteten bei ihrer Festnahme keinen Widerstand. Im Unterwasseraquarium beschlagnahmte das LKA zahlreiche Computer und Plattenspieler. „Den Konstrukteuren“ wird vorgeworfen, zahlreiche Spiele der Fußball-Bundesliga manipuliert zu haben. Weiterhin stehen sie im Verdacht, das DFB-Pokalendspiel in Berlin (Borussia Dortmund 5 Bayern München 2) minutiös geplant zu haben. So wurden im Vorfeld auffällig viele Wetten auf ein verletzungsbedingtes Ausscheiden Weidenfellers bei Sieg Dortmund platziert. „Wie sie das ohne das Wissen der Spieler geschafft haben, ist uns momentan noch ein Rätsel! Wir stehen erst am Anfang unserer Ermittlungen.“, erklärte Polizeisprecherin Beate Schraudershaus. Sie führte weiter aus, dass der Hauptverdächtige weiterhin flüchtig sei. Der 39jährige Piotr K. gilt als Kopf der Konstrukteure. Er soll sich nach Polen abgesetzt haben. (brandt / 20.06.2012)

Mir lief es kalt den Rücken runter, ich schüttelte mich vor Anspannung. Schraudershaus beim LKA? Die Konstrukteure in einem Wettskandal verwickelt? Piotr auf der Flucht. Und schon 39. Immerhin hatten sie den irren Tomasz und Winowski dingfest gemacht. Auch wenn die Anschuldigungen absurd klangen, sie würden mich nicht mehr verfolgen. Ich war sicher. Nicht nur hier auf der See-Terrasse am Oberuckersee. Ich fragte mich, warum die Schraudershaus noch keinen Kontakt zu mir gesucht hatte. Ich bestellte mir noch einen Kaffee, zündete mir noch eine Kippe an. Mein Bart wuchs, meine Badelatschen standen mir ausnehmend gut. Was auch immer meine Rolle bei den Konstrukteuren gewesen war, sie existierte nicht mehr.

Es dämmerte, durch die Regenwolken brachen die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Vom Ufer des Oberuckersees kam mir eine Frau entgegen. Ein paar Meter hinter ihr spazierte eine Dogge. Im Sonnenuntergang leuchteten ihre Haare rötlich. Sie hielt direkt Kurs auf mich. Ich erkannte erst ihren Gang, dann stürmte die Dogge auf mich und bald erkannte ich ihr Lächeln. „Dietfried“, rief sie bereits aus der Ferne „ich habe auf Dich gewartet!“

das ende der konstrukteure!